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Zurück in Deutschland:

Rezension in der WELT:

Lebendiges Afrika, langweiliges Deutschland

Der deutsche Schriftsteller, Schauspieler und Ex-RAF-Mann Christof Wackernagel hat sich in das Land Mali verliebt. Doch dann kam der Militärputsch – und Wackernagel konnte nur noch Tagebuch führen. Von Jonathan Fischer

Christof Wackernagel spricht in der Talk-Show Anne Will zum Thema „Krieg in Mali – deutsche Soldaten an die Front?“ im Januar 2013, nun veröffentlicht er das Tagebuch „Reden statt Schießen. Militärputsch in Mali als Kunst des Dialogs. Ein Tagebuch“

Am 27. November 2013 wurde der einstige Putschistenführer Amadou Sanogo in Bamako verhaftet. Der frisch gewählte malische Präsident Ibrahim Boubacar Keita setzte damit ein klares Zeichen für den Rechtsstaat – und gegen Willkür und Gewalt. Kann Mali also immer noch als Vorbild für Afrika dienen? Christof Wackernagel würde sich das wünschen. Der deutsche Schriftsteller, Schauspieler und Ex-RAF-Mann hatte sich 2001 dauerhaft in dem Land niedergelassen, weil er dort eine gelebte gesellschaftliche Praxis des Dialogs vorfand, wie sie wohl weltweit einmalig ist.

So zumindest schreibt es der Auswanderer in seinem Buch „Reden statt Schießen in Mali: Militärputsch in einer Kultur des Dialogs“: „Vom Ehekonflikt bis zur großen politischen Auseinandersetzung – man redet erst mal miteinander“. Wackernagel verliebte sich in diese Gesellschaft. Und genoss es, abends vor seinem Haus mit Nachbarn, Händlern, Polizisten über Politik im Großen wie im Kleinen zu palavern.

Bis der Militärputsch vom 21. März 2012 die Idylle auszulöschen drohte. Meuternde Soldaten unter Führung des Hauptmanns Sanogo hatten den Präsidentenpalast gestürmt und die Regierung von Präsident ATT nur fünf Wochen vor geplanten Wahlen – und während der Besetzung des Nordens durch Tuaregs und islamistische Milizen – für abgesetzt erklärt. Regierungsloyale Soldaten wurden verhaftet, gefoltert und getötet

Lust und Freude statt Profit

So etwas hatte man in Bamako bisher kaum für möglich gehalten. Und nicht nur Christof Wackernagel war schockiert: „Ein Putsch in einem Land, das Afrika und dem Rest der Welt dabei war zu zeigen, dass die Afrikaner eben nicht so sind, wie ihr Klischeebild sie zeichnet? In dem ich eine lebendigere Demokratie erlebt hatte, als ich sie aus dem langweiligen Deutschland kannte? Eine Lebenslust und Lebensfreude, wie ich sie in dieser unserer verwalteten Profitmaximierungswelt schon nicht mehr für möglich gehalten hatte?“

Man kann aus diesen Zeilen des Schriftstellers eine Menge enttäuschte Schwärmerei herauslesen. Und doch kennt sich wohl niemand in Deutschland besser mit den Winkelzügen malischer Politik aus als Wackernagel. Er liest die großen globalen Zusammenhänge aus dem afrikanischen Nachrichten-Dschungel heraus. Das macht Wackernagels „Reden statt Schießen in Mali“ zu einer unentbehrlichen Lektüre für jeden, der verstehen will, wie die politischen Erschütterungen in einem vermeintlich unbedeutenden westafrikanischen Land nicht nur mit dem Schicksal der ganzen Region, sondern auch der Zukunft unserer westlichen Welt verflochten sind.

Das Ringen zwischen Idealismus und Korruption, westlichem Fortschritt und Islamisierung, Tuareg-Mythen und Vielvölkerstaat: Hier bilden sich im Klein-Klein des Ränkespiels malischer Politiker und Warlords die Probleme nicht nur vieler afrikanischer Nationalstaaten – nein, die Verwerfungen der ganz großen Weltpolitik ab.

Jeder Elektriker kennt die Verfassung

Wackernagels Putschtagebuch setzt an dem Tag ein, an dem Amadou Sanogo sein Land ins Chaos stürzt, und es begleitet ein gutes Jahr lang die Krise: In Augen- und Ohrenzeugenberichten, Nachrichten und Straßengerüchten, atmosphärischen Schilderungen eines Alltags unter der doppelten Bedrohung durch Militärjunta und Islamisten.

Dabei bewundert Wackernagel einerseits die politische Kompetenz selbst einfacher Elektriker, die sich genau mit den Paragraphen der Verfassung auskennen – und muss andererseits die Auswüchse der Dialogkultur erkennen: „Das öffentliche Leben“, notiert Wackernagel zwei Tage nach dem Putsch, „ist nun völlig lahmgelegt, selbst die Tankstellen sind geschlossen. Die einzigen, die dafür sorgen, dass das Leben als solches weitergeht, sind mal wieder die Frauen, sie schleppen weiter Wasser oder Lebensmittel auf ihren Köpfen und Kinder auf ihren Rücken durch die Straßen und kochen zu Hause oder am Straßenrand, damit die Männer die überall diskutierenderweise herumstehen oder – sitzen beim buchstäblichen Abwarten und Teetrinken nicht verhungern“.

Wackernagel ist Moralist, aber einer der die Realitäten der Politik anerkennt. Gegen einen skrupellosen Gegner kann der Dialog nichts ausrichten. Die Anti-Nato-Ressentiments deutscher Linker, die die Militärhilfe Frankreichs gegen die vorrückenden islamistischen Milizen verurteilten, weist er als wirklichkeitsfremd zurück: Will man 14 Millionen Malier wirklich gegen ihren Willen unter die Scharia zwingen lassen?

Demokratie von unten

Am stärksten wirkt Wackernagels Tagebuch, wenn der Autor tief in das alltägliche Handgemenge eintaucht und für eine säkulare, aufgeklärte Gesellschaft streitet. Letztlich geht es ihm weniger um Lösungen für die malische Politik. Sondern um die Würde des Menschen.

Respekt vor dem Andersdenkenden und die Demokratisierung der Gesellschaft von unten – waren das nicht die Anliegen, für die Wackernagel sein ganzes Leben lang gerungen hat? Von Bamako, das bleibt das Fazit seines Buches, können wir alle lernen.

Christof Wackernagel: „Reden statt Schießen. Militärputsch in Mali als Kunst des Dialogs. Ein Tagebuch“, Prospero Verlag, 207 S., 17,95 Euro.

Interview mit dem SWR:

http://www.youtube.com/watch?v=u-iB_1KIT38

 

 

 

 

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