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INHALT:

1. Schiessen statt reden. Ein Spiegelbild – zur Mitverantwortung unserer Gesellschaft für die Angriffe auf sie.
2. Der Film zum Krieg – »im Schmerz geboren«: Blutrausch als gepflegte TV-Unterhaltung zur Förderung der Rüstungsindustrie und des Salafistennachwuchses
3. Schwarzafrika, das weisse Blatt Papier – zu C. Schlingensiefs Albtraum eines Operndorfs für einen Mörder

 

 

1. Schiessen statt reden. Ein Spiegelbild.

Zur Mitverantwortung unserer Gesellschaft für die Angriffe auf sie.

Vorbemerkung:

Macht, Verführung und immanente Brutalität von Organisationen wie Al Qaida und seit neuestem dem Islamischen Staat geben den Menschen in den demokratischen Metropolen Rätsel auf: wieso ist der Djhad hipper als facebook? Politiker, Wissenschaftler und Theologen überbieten sich in Erklärungsversuchen und sehen als einzige Antwort weitere Eskalation der Gewalt. Was ist passiert?

Der ubiquitäre Widerspruch

Vor 2000 Jahren kippte ein junger Mann mit Münzen überhäufte Tische in Jerusalem um und beschimpfte deren Besitzer als gottlose Geldhändler. Auch wenn es sich nur um Gewalt gegen Sachen handelte, ist dieser Vorgang vor allem deshalb bemerkenswert, weil die historisch bedeutende Botschaft dieses jungen Mannes war, die Menschen sollten Konflikte durch Dialog lösen und nicht durch Gewalt. Aber angesichts der Wechsler und Wucherer platzte selbst dem Sohn Gottes der Kragen.
2000 Jahre später zündeten einige junge Leute ein Warenhaus in Frankfurt an und klagten deren Betreiber als menschenfeindliche Kapitalisten an. Ebenfalls Gewalt gegen Sachen als Protest gegen einen Krieg, der der Durchsetzung eines globalen Diktats der modernen Wechsler und Wucherer diente. Ebenfalls von Menschen ausgeübt, die vorher mit friedlichen Mitteln menschenunwürdiges Profitdenken angeklagt hatten und von einer friedlichen Welt träumten.
50 Jahre später zerstörten einige junge Männer das World Trade Center und erklärten einem Handelssystem den Krieg, das sie nur noch den »Westen« nannten. Von Gewalt gegen Sachen konnte keine Rede mehr sein, sondern nur von ultimativem Massenmord. Aber es waren ebenfalls Menschen, die sich auf eine Frieden und Toleranz predigende Religion beriefen.

Bei allen Unterschieden verbindet sie eines: sie richteten sich gegen ein  Handels- und Güterverteilungssystem, das sie als ungerecht empfanden und das weder im römischen Reich noch in der aufgeklärten Weltgesellschaft des dritten Jahrtausends auch nur ein Jota in Frage gestellt wird.

Jesus Christus wurde bekanntlich gekreuzigt, die RAF verschwand im Kugelhagel oder im Gefängnis und dem Djhad wurde der totale Krieg erklärt.

Demokratie, also das Forum, verschiedene oder gegensätzliche Interessen friedlich zu regeln, und den Anspruch, dieses zu tun, gab es schon lange vor Christus, der ihre Grundgedanken einklagte. Die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland war zwar etwas über zwanzig Jahre nach Diktaturende nur schwach entwickelt, nutzte aber die Chance ihrer Bewährung angesichts einer verzweifelten Infragestellung nicht, sondern setzte den Rechtsstaat ausser Kraft. Heute ist Demokratie weltweit das Mass aller Dinge – und sie hat nur eine Antwort auf gewaltsame Infragestellung: noch mehr Gewalt.

So können sich beide Seiten auf die Gegenseite berufen, wenn sie ihre eigenen hoch offi-ziell erklärten Prinzipien und Ziele ins Gegenteil verkehren, ganz gleich, ob sie religiöser, politischer oder weltanschaulicher Natur sind.

Wie man sich selbst diesen Widerspruch zurechtbiegt und verdrängt, kenne ich aus eige-ner Erfahrung. Antifaschistisch erzogen, Kriegsdienstverweigerer und als Kind der Studentenbewegung der 60er Jahre ein glühender Verfechter einer weltweiten gerechten Verteilung der Güter der Menschheit, war es für mich undenkbar, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Dass ich schliesslich trotzdem tat, hat zwei entscheidende Rechtfertigungsbegründungen:

1. »Es bleibt mir nichts anderes übrig, weil die Machtinhaber die ungerechten Verhältnis-se mit Gewalt aufrechterhalten und selbst friedliche Proteste mit brutaler Gewalt niedergemacht werden. Dass die staatliche Gewalt sogar nicht davor zurückschreckt, einen friedlich demonstrierenden Studenten zu ermorden, zeigt für wie gefährlich sie dessen Gedanken und Ziele hält. Dafür kann es nur einen Grund geben: dass diese Gedanken und Ziele richtig sind (quod erat demonstrandum).«
2. »Wenn ich gegen meine Überzeugung eine Waffe in der Hand nehme, tue ich das, um diese Überzeugung endlich und endgültig irreversible Realität werden zu lassen: dass nämlich nie wieder ein Mensch eine Waffe in die Hand nehmen muss oder will. Wir führen den letzten Krieg, mit dem eine Welt ohne Krieg herbeigeführt wird: wir üben keine Gewalt, sondern Gegengewalt aus. Deshalb bin ich gezwungen, eine Waffe in die Hand zu nehmen und sie auch mit allen tödlichen Konsequenzen für andere und mich zu benützen: so habe ich dazu nicht nur das Recht, sondern – um meiner Über-zeugung willen! – sogar die Pflicht.«

Daran fühle ich mich erinnert, wenn ich heute das Fotos einer jungen Frau sehe, die, glückseligen Blickes, ihre Heckler und Koch Maschinenpistole in den Armen hält wie ein Baby, nachdem sie von Berlin  nach Bagdad aufgebrochen ist.

Daran  fühle ich mich auch erinnert, wenn ich 100 Jahre nach Ausbruch des ersten Welt-krieges im Anti-Kriegsdrama »Die letzten Tage der Menschheit« von Karl Kraus das wahre Zitat eines Feldgeistlichen zitiert finde:
»Und man muss hier klar und bestimmt eingestehen: Jesus hat das Gebot: ›Liebet Eure Feinde‹ nur für den Verkehr zwischen den einzelnen Menschen gegeben, nicht aber für das Verhältnis der Völker zueinander. … Es gilt nicht für die Stunde des Gefechtes. … Das Töten ist in diesem Falle keine Sünde, son-dern Dienst am Vaterlande, eine christliche Pflicht, ja, ein Gottesdienst!«

Daran fühle ich mich auch erinnert, wenn der ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, in der FAZ am 6.10.14 unter dem Titel »Du sollst nicht töten – und nicht töten lassen« schreibt:
»Unsere Verantwortung für den Frieden kann im äussersten Notfall den Einsatz von Waffengewalt einschliessen. … Denn ein Ende der Gewalt, bevor sie weitere Opfer fordert, ist der einzige Sinn einer solchen Notmassnahme«.

Dabei bleibt offen, wieviel Opfer diese Notmassnahme fordert: oder sind tote Terroristen keine Opfer?

Und es stellt sich vor allem die Frage, warum das erweiterte 5. Gebot »Du sollst nicht töten lassen« nicht in der Konsequenz bedeutet:
keinerlei Waffen mehr in andere Hände zu geben, also den Rüstungsexport einzustellen?

Statt dessen fordern andere hohe deutsche Geistliche, die den Irak besucht haben, sogar Rüstungslieferungen an die – vor kurzem noch als Terroristen bezeichneten – Kurden.

Und drehen damit die Gewaltspirale höher, die Gewaltspirale, die von Anfang aller Geschichte an auf der gleichen Begründung beruht, woran Wolfgang Huber in seinem Artikel erinnert:
»So fordert Mose die Leviten auf, alle zu töten, die sich dem Bekenntnis zu dem einen Gott verweigern. Sie sind folgsam, das kostet dreitausend Menschen das Leben«.
Obwohl Gott Mose die Tafeln mit dem 5. Gebot gab.
Mit der gleichen Begründung mordeten die Christen halb Südamerika hin, obwohl ihr Gründer das Gegenteil gefordert hatte und heute die Djhadisten, obwohl im Koran das Gegenteil steht.

Die junge Berlinerin mit der Heckler und Koch Maschinenpistole können derartige Erklärungen nicht nur nicht davon abhalten, nach Bagdad aufzubrechen, sondern sie können sie nur darin bestätigen, möglichst möglichst konsequent den wirklichen  Frieden, wie sie ihn versteht, herbeizuführen. Entweder es gibt das 5. Gebot, das ja auch für den Islam gilt, oder es gibt Ausnahmen. Und wenn es Ausnahmen gibt:
wer hat dann das Recht und die Legitimation dazu, diese Ausnahmen zu definieren?

Denn was für eine Alternative bietet ihr die getaktete burnout Gesellschaft, die sich für das non plus ultra der Geschichte hält und dabei jeden jungen Menschen, der in diese Welt hineinwächst mit einer nie dagewesenen Ausweglosigkeit konfrontiert: friss Vogel oder stirb, mach mit, häng dich rein, gib alles und du bekommst Audi oder BMW – wenn  du versagst, musst du dich mit Aldi und Lidl zufriedengeben. Sonst gibt es nichts und jeder, der sich nicht dazu bekennt, fällt raus oder wenn er dagegen aufmuckt, werden Notmassnahmen ergriffen.

Ernsthaft zur Disposition gestellt wird diese Gesellschaft nicht.

Ich verstehe die junge Berlinerin auf dem Weg nach Bagdad. Ich denke genauso wie sie, habe es aber zum Glück bereits hinter mir, zu versuchen, mit Gewalt eine Änderung herbeizuführen. Durch diese Erfahrung weiss ich heute allerdings eines:
»es geht nicht mit Gewalt« heisst: »es geht nicht mit Gewalt«.
Auch nicht mit ökonomischer, psychischer oder struktureller, staatlich oder religiös begründeter. Nicht einmal mit »friedlicher Gewalt« – sowieso eine contradictio in adjecto.

Als Palästinenser 1972 bei den olympischen Spielen in München israelische Sportler zu Geiseln nahmen, bot sich der damalige Innenminister als Austauschgeisel an. Selbst wenn man unterstellt, dass er davon ausgehen konnte, dass die Palästinenser das Angebot nicht annehmen würden, zeigt das auch nur als Geste die einzige Perspektive.

Warum argumentiert Bischof Huber heute noch wie der Feldgeistliche anno 1914und sagt: »für sich selbst kann man auf jeglichen Schutz vor Gewalt verzichten, man kann jedoch nicht mit einer solchen Begründung«, nämlich die von Jesus geforderte »persönliche Bereitschaft, Leiden auf sich zu nehmen … anderen jeglichen Schutz vorenthalten«.

Warum zeigt er dann nicht diese persönliche Bereitschaft, fährt in den Irak und spricht mit dem obersten IS Kalifen?

Der würde sich das nicht entgehen lassen. Und Bischof Huber nicht umbringen. Und die Berlinerin auf dem Weg nach Bagdad würde ihre Entscheidung zumindest solange vertagen, bis ein Ergebnis eines solchen Gespräches deutlich würde.

Immerhin hat der Papst seine Bereitschaft zu erkennen gegeben, mit seinem Kollegen an der Spitze des IS ins Gespräch zu kommen. Als die Gruppe »Anzardin« (in etwa: die Verwirklicher des wahren Glaubens) den Norden Malis überfiel, wollten die friedlichen Muslimführer unbedingt mit ihnen darüber diskutieren, was denn wirklich der »wahre Glaube« sei, Gott sei Gott und gerade darin, dass es nur einen gebe, seien sich doch alle einig.
Dazu kam es nicht und als die vergewaltigenden, Zungen, Hände und Füsse abhackenden Truppen immer näher auf Malis Hauptstadt Bamako zukamen, in der ich mit meinem eben geborenen Sohn lebte, sah ich mich gezwungen, im deutschen Fernsehen um Hilfe von der Bundeswehr zu bitten:

Jedes Wort, das nicht gesprochen wird, erzeugt 1000 tödliche Kugeln.

Warum also haben nicht Obama, Putin, Merkel nicht längst ein Gipfeltreffen angeboten anstatt über immer grössere Vergeltungsschläge zu reden?

Die unheilige Allianz

Auf dem Höhepunkt der europaweiten Fahndung nach der RAF im Jahre 1977 befand ich mich eines Tages mit einem Kollegen in einer europäischen Hauptstadt auf dem Weg zum Bahnhof, um deutsche Zeitungen zu kaufen. Verständnislos den Kopf schüttelnd sagte er: »Das BKA ist wirklich dümmer als die Polizei erlaubt. Die Herrschaften wissen doch, dass wir ohne Zeitungen nicht leben können! Sie müssten einfach nur die paar Stellen, an denen es deutsche Zeitungen gibt, beobachten und könnten uns alle problemlos abgreifen.«

Tatsächlich hätte eine Gruppe von zwanzig Menschen niemals eine Republik von sechzig Millionen Menschen derart in Aufruhr versetzen können, wenn nicht die Medien dazu ihren ausschlaggebenden Beitrag geleistet hätten: »ein Ereignis ist nur dann ein Ereignis, wenn darüber berichtet wird« – das ist heute ein politisches wie gesellschaftliches, kulturelles Grundgesetz.
Wäre über die Ermordung Hanns Martin Schleyers so nüchtern wie von einem Naturereignis betroffen berichtet worden wie über die Ermordung von dreizehn Besuchern des Oktoberfestes oder von zehn ausländischen Mitbürgern durch die NSU – das Kalkül der RAF wäre nicht aufgegangen.

Erst die mediale Hysterie hat aus der RAF die RAF gemacht.

Man sollte diese Tatsache ganz unabhängig davon sehen, welche vermeintlichen oder echten Interesse hinter der einen oder anderen Seite standen.

Ein zentrales Prinzip von kleinen Gruppen, die mit gewaltsamen Aktionen in den politischen Prozess eingreifen wollen ist die »Selbstvermittlung der Aktion«. Ausgehend von der Tatsache, dass der Medienaufschrei die Ziele und Inhalte der Aktion umkehren oder verschweigen wird, ist es oberstes Gebot, dass das Objekt der Aktion selbst ihren Inhalt offen legt. Man kann sogar davon ausgehen, dass die Dimension der medialen Verleugung der Inhalte diese umgekehrt proportional deutlich macht.
So las ich vor kurzem über die Geschichte der  RAF in einer Schularbeit der 17-jährigen Tochter einer Freundin, dass die Mitglieder der RAF »den Kapitalismus, den Vietnamkrieg und die Zustände in der 3ten Welt verabscheuten« und deshalb »Bombenanschläge auf US- und staatliche Einrichtungen verübten«.
Immer wieder stosse ich auf »Bewunderung« von jungen Menschen, die in Bezug auf die Ermordung Hanns Martin Schleyers sagen: »Ihr habt wenigstens noch was gegen die alten Nazis getan« und höre staunend Punk-Songtexte wie: »Wo ist die RAF wenn man sie braucht?« oder »Buback, Ponto, Schleyer, die Welt wird immer freier«.
Auch wenn das Ziel der RAF einer vom Profitdiktat befreiten friedlichen Menschheit nicht erreicht wurde – dank der Medien sind ihre Inhalte noch bei unseren Enkeln präsent.

Betrachtet man unter dem Gesichtspunkt der »Selbstvermittlung der Aktion« den inzwischen ein Jahrzehnt alten Anschlag auf das World Trade ergibt sich folgendes Bild:

Wenn das Welt Handels Zentrum zerstört wird, wird der Welthandel als solcher damit angeklagt, seine Struktur, seine Ungerechtigkeit, seine indirekten weltweit massenhaft tödlichen Folgen, sein sich als Naturgesetz darstellendes Diktat.
Ganz gleich, ob man es »Imperialismus«, nennt, »Kapitalismus«, »Profitdiktat« oder »Habgier der Reichen, die damit immer reicher werden, die Armen aber immer ärmer«, ganz gleich, ob man diese Meinung teilt oder nicht, eines kann keiner leugnen:
dass Milliarden von Menschen auf dieser Welt, nämlich alle, die von diesem Welthandel betroffen sind und am Existenzminumum dahinsiechen, deren Kinder an verseuchtem Wasser und Krankheiten sterben, weil die Eltern die notwendigen Medikamente nicht bezahlen können, wie ich es jahrelang in Mali miterlebte –
sie alle teilen diese Meinung.
Sie alle wurden nach dem Anschlag auf allen Kanälen der ganzen Welt mit der Empörung darüber »bombardiert« und selbst wenn sie die Empörung teilten, die Gewalt daran verabscheuten, bleibt in ihren Köpfen, bewusst oder unbewusst die Frage, wieso die Empörung über die Ermordung der 4000 Welthändler nicht einhergeht mit einer durch dieses Zeichen aufbrechenden Empörung über 4 000 000 Opfer des Welthandels. Bleibt scheunentorweit offen die Frage, wieso anlässlich einer derart grauenhaften Aktion nicht deren  Motive wenigstens nachvollzogen und vielleicht auch darüber nachgedacht wird, ob vielleicht etwas an den Ursachen geändert werden könnte oder gar sollte.

Hier noch einmal der wahre Zitate Überbringer Karl Kraus in den »letzten Tagen der Menschheit«, der den deutschen Gesandten einer internationalen Journalistenkonferenz im Jahre 1917 sprechen lässt:

»Der Krieg hat offenbart, welche Macht der moderne Zeitungsschreiber in der Hand hält. Man denke sich die Zeitung weg in diesem internationalen Aufruhr der Gemüter; wäre ohne sie der Krieg überhaupt möglich geworden, möglich auch in seiner Durchführung?
Es ist eine Kunst, eine hohe Kunst, die wir ausüben, und das Instrument, auf dem wir spielen, ist das edelste, das sich denken lässt, es ist die Seele der Völker.«

es: wie das Unbewusste das Bewusstsein manipuliert

Glaube

In meiner Zeit als Sympathisant der RAF sprach ich einmal in Paris mit einer wunder-schönen Intellektuellen und schwärmte wortreich und wortgewandt vor ihr vom Traum der befreiten Gesellschaft, dem Unterschied zwischen Freiheit und Befreiung und der Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes zum Zwecke der Herbeiführung derselben. Nach anfänglich durchaus vielversprechenden Blicken hörte sie zunehmen unkonzen-trierter zu, schlug schliesslich die Hände über dem Kopf zusammen und rief in meinen Redefluss hinein: »Du bist ja schlimmer als jeder Missionar!« Tief getroffen gab ich weitere Werbeversuche auf und archivierte die Erfahrung nach dem Motto: Schnaps ist Schnaps und Politik ist Politik. Mehr als ein Jahrzehnt später, nach RAF Mitgliedschaft, Gefängnis, dem gescheiterten Versuch, den bewaffneten Kampf in der BRD mit Marxens »Kapital«, Band I zu erklären und wieder als TV-Serienkomödiant tätig, kam mir im Lauf der unzähligen Verarbeitungs- und Vermittlungsdiskussionen wie ein Axthieb, der den Baum meiner festen Überzeugung niederschlug, die Erkenntnis:
›Ja, es war Glaube‹.
Das, was ich für eine marxistisch-leninistisch fundierte historische Gesetzmässigkeit gehalten hatte – war in Wahrheit Glaube. Ganz normaler, blinder Glaube, der mir den Blick auf den ersten logischen Widerspruch verstellte: wenn die Befreiung der Menschheit eh eine historische Gesetzmässigkeit war, wieso musste ich dann mit Gewalt nachhelfen?

Die Soldatinnen und Soldaten des Islamischen Staates setzen ihre Sache schlauer um.

Wo wir einem Glauben anhingen, den wir für Politik hielten, die erklärt werden musste, beginnen sie gleich mit dem Glauben und können somit Politik machen, die sie nicht er-klären müssen.
Sie bauen einen Staat auf mit Administration, Gesundheits- und Erziehungsinstitutionen, in strenger, aber klarer Ordnung. Sie kritisieren nicht nur, sie schaffen die (scheinbare) Alternative. Alles ist geregelt, da gibt es nichts zu diskutieren.

Während meines zehn Jahre dauernden Lebens in dem von einer 70%igen islamischen Mehrheit bewohnten Land Mali führte ich viele Gespräche mit Musliminnen und Muslimen, die ich als überaus tolerant und offen erfuhr. In den ganzen zehn Jahren wurde ich nur drei oder vier Mal aufgefordert, doch zum Islam überzutreten. So akzeptierten sie zum Beispiel meine an sich nur gymnastische Yoga-Übung »Morgengruss« als Gebet, was ausreichte um als Mitglied ihrer Gesellschaft akzeptiert zu werden.
Aber wenn ich sagte: »Ich rede jeden Tag mit Allah«, erntete ich entsetzte Reaktionen. »Mit Allah kann man nicht reden«, er hat mit dem Koran gesagt, was gesagt werden musste und hat die gesamte folgende Geschichte der Menschheit bis ins letzte Detail vorbestimmt – seitdem schläft er, deshalb kann und braucht man nicht mit ihm zu reden.
Auch wenn ich sagte: »wir sind alle Kinder Allahs« erntete ich entsetzten Widerspruch: Nur Muslime sind Kinder Allahs.

Aber genauso entsetzt reagierten sie, als die Gruppe Anzardin schwerbewaffnet den Norden Malis überfiel, Andersgläubige tötete und sich dabei auf den Propheten Mohammed berief, der vorgelebt habe, was unter dem Satz, dass nur Muslime Kinder Allahs seien, zu verstehen sei: alle umzubringen, die keine Muslime sind (wie einst Mose sagte). Wütend und beschämt distanzierten sie sich von diesen Verrätern des Islam.

Verführung

Individuell:

Schon am ersten Abend in der Illegalität irritierte mich das Verhalten eines meiner neuen Mitstreiter. Während wir zusammensassen und redeten und dabei Kleinigkeiten zu uns nahmen, sass er lässig an ein Sitzkissen gelehnt auf dem Boden, warf sich mit der einen Hand Nüsse in den Mund, die er gekonnt auffing, und liess in  der anderen seine Pistole um den Zeigefinger kreisen – so, wie ich es aus Western Filmen kannte. So etwas hätte ich bei pubertierenden Jugendlichen erwartet, aber nicht bei der Rote Armee Fraktion. Es dauerte lange, bis ich Neuling wagte, das anzusprechen: ob das nicht gefährlich sei, fragte ich. »Ist doch nicht geladen«, kam es milden Spottes schnoddrig zurück. Einer der anwesenden Frauen gefiel das ebenfalls nicht und es kam zum Konflikt über die Frage, ob ein derartiger Umgang mit Waffen einer revolutionären Organisation angemessen sei oder nicht, was verneint wurde.

Kurz darauf bekam ich Schiessunterricht, in einem Fussgängertunnel einer Autobahnunterführung, wo weit und breit kein Mensch zu erwarten war. Nicht nur der Hall faszinierte – ich musste mir schnell eingestehen, dass dieses Gefühl unangreifbar zu sein – beziehungsweise: wer es wagen sollte, mich anzugreifen, sein blaues Wunder erleben würde – phantastisch war. »Geil« würden sie jungen Leute heute sagen.
Kurz darauf bekam ich eine kleine tschechische Maschinenpistole, sehr handlich und ge-rade nur so gross, dass ich sie locker in den Hosenbund stecken konnte und sie trotzdem vom Jackett überdeckt wurde.
So ging es sich wie auf einem sanft gefederten roten Teppich – verbunden mit dem Bewusstsein für eine gute Sache zu kämpfen, siehe oben, konnte das geradezu high machen.

So schnell kann sich etwas unbemerkt in sein Gegenteil verwandeln.

Und muss es: denn die Waffe zu nehmen, aber die Skrupel zu behalten, wäre selbstmörderisch. Wer a sagt, muss auch b sagen.  Man kann gegen Waffen sein, so viel man will, in dem Moment, in dem man sie in der Hand hat, üben sie selbst Macht aus, magische Macht, und es ist nur sehr, sehr mühsam möglich, sich dem zu erwehren und wenn man sich das nicht klarmacht, nicht zu verfallen.

Verführung kollektiv:

Nachdem ich zehn Jahre lang ausserhalb des europäisch-amerikanischen Kulturraumes gelebt hatte, bekam ich einen Schock, als ich wieder mit der hierzulande Standard gewordenen Kultur- und vor allem Filmindustrie konfrontiert wurde.
Von Tarantino-Filmen bis »Tatort«: eine atemberaubende Eskalation der Gewaltdarstellung. 1:1 mit schönen Bildern ästhetisch für den Konsum aufbereitet und in Zeitlupe bildungsbürgerlich aufgemotzt. Gewaltdarstellung,  musste ich fassungslos feststellen, ist salonfähig geworden. Bei gleichzeitiger Perfektionierung einerseits von Anti-Gewalt Bekundungen von Politik und Medien,  andererseits immer brutalerer Kriegführungen in aller Welt und einem boomenden Rüstungsexport.

Mit wem auch immer ich darüber sprach: ich stiess nur auf achselzuckende Resignation. »Kann man nichts daran ändern«, »merkt doch eh keiner mehr« oder die beliebteste Ausrede der TV-Redakteure: »die Leute wollen das so«. Permanente Gewaltdarstellung erzeugt Abstumpfung.

Der Mensch ist aber ein nachäffendes Wesen.

Jedes Kind lernt durch Nachahmung. Was sollen von Stars vorgelegte Modetrends ande-res bewirken. Die gesamte Werbung setzt darauf. Karaoke, Kopien von Sex Pistols über Abba bis zu den Beatles.

Warum ausgerechnet Gewaltdarstellung ausgerechnet in dem heutzutage die Kultur dominierenden Medium Film nicht zur Nachahmung führen soll, konnte mir bisher niemand erklären.

Und wenn dann angesichts von Amok laufenden jungen Menschen erst in den USA und inzwischen auch bei uns immer noch nicht darüber nachgedacht wird, ob das vielleicht daran liegen könnte, dass dieses Verhalten diesen jungen Menschen tagtäglich auf allen Kanälen vorgemacht wird, geschweige denn darüber, dass das ein Aufschrei gegen die absolute, völlige, totale Perspektivlosigkeit unserer Gesellschaft sein könnte, dann kann ich auch niemandem mehr etwas erklären.

Ich kann allerdings immer besser nachvollziehen, warum die junge Berlinerin sich auf den Weg nach Bagdad zum IS macht – und zwar in jeder Hinsicht:
sie kann sein wie all diesen jungen schönen Frauen aus inzwischen jedem zweiten US-Blockbuster, die mit einer Maschinenpistole in der Hand vor einem rauchenden Trümmerfeld stehen und entschlossen seligen Blickes die Welt retten oder die tollen Kommissarinnen, ohne die kein deutscher TV Krimi mehr aus kommt, die mit gezücktem Baller-mann all das Böse in dieser Welt bekämpfen;
sie kann selbst und höchstpersönlich im Andy Warholschen Sinne ein 15-Minuten Star werden;
und sie kann damit, zu allem Überfluss, wohlig eingebunden in eine entschlossene und solidarische, klar und fraglos strukturierte Gemeinschaft, ihrem Leben doch noch einen Sinn geben. Dafür kann sie auch in Kauf nehmen, dass dieses Leben nicht mehr lange dauert. Und das gilt genauso für ihre männlichen Kollegen.

Die gesellschaftliche Verdrängung

Wie alle meine Generationgenossen erfuhr ich in der Schule nichts über Krieg und Faschismus. Dass unser Griechischlehrer zitterte, lag nicht an Parkinson, sondern weil er einen Tatterich hatte: er sei unter einem Panzer gelegen, wurde unter uns Schülern hinter vorgehaltener Hand weitergeben, wie alles, was die Nazizeit betraf. Die Befreiung kam durch die Studenten Ende der 60er Jahre, die Aufklärung, Verarbeitung und Schuldbekenntnisse einforderten – und dafür von der Polizei mit Wasserwerfern zurückgedrängt, verprügelt oder sogar umgebracht wurden.

Man muss kein Freudianer sein, um davon ausgehen zu können, dass Verdrängung Wiederholung erzwingt. So war es geradezu folgerichtig, dass mit dem Scheitern der Studentenbewegung bewaffnete Gruppen entstanden und die fehlende Verarbeitung einklagten, aber erst recht gewaltsam zurückgeschlagen wurden, bis sie am Ende 1977 das lebende Symbol der »Kontinuität des Faschismus« ermordeten und dazu sagten: »RAF hat die Entnazifizierung von Hanns Martin Schleyer nachgeholt«.

Über diese Inhalte zu reden wurde als »Rechtfertigung« gebrandmarkt, die tief in die Zeitgeschichte reichenden Zusammenhänge weiter verdrängt, und so war es ebenso geradezu folgerichtig, dass mit dem Abklingen der RAF manche sogenannte »Anti-Imperialisten« übergangslos zu Djhadisten wurden.

Natürlich erschwert und behindert das Mittel Gewalt die Bereitschaft, über die Motive der Gewaltanwendung nachzudenken.
Umso mehr erforderte es grosse und grossartige Ein- und Weitsicht der Angegriffenen, zu beweisen, dass die Vorwürfe gegen sie eben nicht stimmten, indem sie auf sie eingingen und gegebenenfalls etwas an den kritisierten Verhältnissen änderten.

Soweit es sich um vergangenes Fehlverhalten handelte, kann man sich zur Not noch entschuldigen, wie es Bundespräsident Weizsäcker getan hatte.

Soweit es sich allerdings um ein Welthandelssystem handelt, dessen Entstehung bis in die Anfänge der Zivilisation zurück reicht und das als »der Natur des Menschen« entsprechend gehandelt wird, also geradezu einem Naturgesetz gleichgestellt wird und damit genauso undiskutierbar daherkommt wie der Glaube an Allah:
bekommen wir alle zusammen ein Problem.
Dann steht sich schwarz und weiss spiegelbildlich gegenüber. Jede Seite ist weiss und hält die andere für schwarz. Dann kann es nur eine nicht enden wollende Spirale der Eskalation der Gewalt geben: Dann beginnt Gewalt in Brutalität über zu gehen.

Solange Gewalt noch ein Mittel ist, auf Inhalte aufmerksam zu machen, also – so weit man noch davon  reden kann – rational bleibt, versucht sie, so wenig Gewalt wie möglich anzuwenden. So war es die Grundidee von Guerillataktik, wie sie aus Südamerika in Europa übernommen wurde, mit dem geringstmöglichen Schaden grösstmögliche Wirkung zu erzielen. Die RAF schoss Schleyers Fahrer in den Unterschenkel – dass er trotzdem starb, zeigte das Dilemma des Mittels und wurde von der Gruppe öffentlich bedauert. Der Richter in meinen Prozess erwiderte auf meine Beteuerung, dass ich den Polizisten, auf den ich geschossen hatte, nicht hatte töten wollen: »Aber Sie haben das Risiko in Kauf genommen«. Das Glück, dass mein Gegner nur leicht verletzt wurde, erleichterte es mir später, die Unhaltbarkeit meines Handelns einzusehen. Das hatte die Voraussetzung, darüber zu reden und nachzudenken.

Wenn aber Gewalt nur noch dazu dient, den Gegner zu vernichten oder gar zu »bestrafen«, wenn Gewalt nur noch gegen Gewalt steht, kann sie nur immer mehr eskalieren und schlägt aufgrund ihrer völligen Aussichtslosigkeit und damit offen werdenden Sinnlosigkeit in Brutalität um. Letztlich drückt das aus, dass die, die quälen und foltern gar nicht an ihr Ziel glauben. Das gilt freilich für CIA-Folterer genauso wie für IS-Vergewaltiger.

Nachbemerkung:

Der legendäre BKA-Chef Horst Herold fasste die Quintessenz seiner Erfahrungen mit den Worten zusammen: »wenn man den Terrorismus bekämpfen will, muss man seine Ursache bekämpfen«. Selbst wenn er damit nicht die Kritik  an der damals verfassungs-rechtlich verbotenen deutschen Beteiligung am Vietnamkrieg im Besonderen oder am ungerechten Welthandelssystem im Allgemeinen meinte, wäre das die Konsequenz gewesen. Selbst er wurde nicht gehört und endete in derselben Isolation wie die Gefangenen aus der  RAF.

Aber es geht auch anders.

Als in Holland im Jahr 1977 sozial unterprivilegierte Einwanderer der ehemaligen holländischen Kolonie Suriname Intercity Züge der holländischen stattlichen Eisenbahn stürmten, hunderte von Menschen als Geiseln nahmen, sehr viele töteten und tagelanger Notstand ausbrach, reagierten die holländischen Verantwortlichen anders als im Nachbarland Deutschland. Nachdem sie die Geiselnahme beendet hatten, behandelten sie die Geiselnehmer nicht als »normale Verbrecher« und sprachen ihnen jegliche politische Motivation ab, wie es in Deutschland von Politik, Justiz und Medien getan wurde, sondern verbrachten sie in Sondergefängnisse, wo sie mit Politikern, Sozialarbeitern und Psychologen sprachen. Dieser Dialog führte zu einer völlig neuen Immigrationspolitik, Integrations- und Arbeitsprogrammen und kultureller Autonomie der in Holland lebenden Surinamer. Nie wieder kam es in Holland zu weiteren derartigen Aktionen.

Ähnliches – wenngleich unter umgekehrten Vorzeichen – erlebte ich in Mali, nachdem ein psychopathischer Putschist den demokratisch gewählten Präsidenten kurz vor Ablauf seiner Amtszeit verjagte, damit eines der wenigen wirklich demokratischen Länder Afrikas in seine bis heute nicht überwundene tiefste Krise stürzte und den Djhadisten Tür und Tor öffnete. Selbst ich plädierte damals für den sofortigen Einmarsch der vereinigten West-afrikanischen Streitkräfte der CEDEAO, aber die Malier sagten: »Nein. Wir haben hier eine Kultur des Dialogs, wir reden mit dem Mann«. So konnte ich ihn täglich im Staatsfernsehen heiser und fuchtelnd Forderungen nach gerechten Reispreisen hören, was seine Anhängerschaft unter den Unterprivilegierten erhöhte, bis deutlich wurde, dass er und seine Kumpane nur Reiche ausplünderten um selber reich zu werden und seine Anhänger von ihm abfielen. Inzwischen ist ein neuer Präsident gewählt und in diesen Tagen beginnt der Prozess gegen ihn.

Nur durch Dialog kommt raus, was richtig oder falsch ist.

Zum Abschluss ein persönliches Beispiel dafür.

Der Leiter der holländischen Polizeieinheit, die mich gefangen genommen hatte, setzte sich, obwohl er selbst verletzt wurde, von Anfang an mit meinen, also den Motiven unserer Gruppe auseinander, diskutierte sie mit seinen Kindern, suchte den Kontakt zu meinen Anwälten. Nachdem er erfahren hatte, dass ich mich vom Mittel der Gewalt getrennt hatte ohne von der Kritik an den ungerechten Verhältnissen abzulassen, schrieb er an das für mich zuständige Oberlandesgericht: »ein Mensch, der aus idealistischen Gründen das Gesetz gebrochen hat, ist, wenn er nicht mehr an diese Ideale glaubt, harmloser als jeder Eierdieb. Jeder weitere Tag Gefängnis erzeugt nur Zynismus und Resignation« und bat um meine vorzeitige Freilassung.
Als ich Jahre danach eine bis heute noch nicht realisierte Friedenskarawane durch Afrika initiierte, die endlich den »Dialog der Kulturen« ermöglichen sollte, dessen Notwendigkeit als einzige Alternative heute bitterer denn je offensichtlich ist, schrieb er mir:

»Ich bin stolz auf Dich, mein Junge. Jetzt machst Du endlich das, was Du mit der RAF erreichen wolltest, mit den richtigen Mitteln«.

Es geht auch anders.

November 2014

2. Der Film zum Krieg

Tatort: »im Schmerz geboren« – Blutrausch als gepflegte Unterhaltung zur Förderung der Rüstungsindustrie und des Salafistennachwuchses

Das öffentlich rechtliche Fernsehen in Deutschland arbeitet mit einem vom Gesetzgeber festgelegten Bildungsauftrag. Dieser beinhaltet nicht nur die Verbreitung von Wissen und Information, sondern auch die Vermittlung von für das Zusammenleben in der Gesellschaft notwendigen Moral- und Wertvorstellungen. Dazu gehört an vorderster Stelle Orientierung im Umgang mit Gewalt; insbesondere in einer Zeit, in der Gewaltexcesse international eskalieren und nicht einmal die Kirchen dem etwas entgegensetzen.
Die Frage,  wieviel und vor allem in welcher Form die Darstellung von Gewalt dazu beitragen kann, Abscheu und Ablehnung von Gewalt zu erzeugen,  ist umstritten.  Unterschiedliche individuelle Vordispositionen gesellschaftlicher, historischer und religiöser Natur verschärfen das Problem. Umso notwendiger ist es,  über Kriterien nach zu denken,  wie Darstellung von Gewalt in Dokumentation und Kunst beurteilt werden kann.
Wenn man davon ausgeht,  dass die Darstellung selbst von Grauen notwendig ist, um eine Haltung zu unterstützen, die Gewalt ablehnt, bleibt nur noch die Beurteilung der künstlerischen und ästhetischen Form, in der sie gezeigt wird. Dabei zählt auch nicht die subjektive Absicht des Künstlers oder Dokumentaristen. Es geht nicht um die Behauptung, sondern um das Ergebnis: das, was zu sehen ist und wie es gemacht wurde – nur daraus lässt sich ableiten, wie es wirkt.
Aus diesem Grunde ist es notwendig,  das Phänomen der zunehmenden Gewalt Darstellung im öffentlich rechtlichen Fernsehen zu untersuchen. Schon vor 15 Jahren wirkte ich selbst in einem „Tatort“ mit, in dem eine Vergewaltigung derart naturalistisch gezeigt wurde, dass die Zuschauer gerade mal vom Anblick der gynäkologischen Details verschont wurden. Der Regisseur erklärte dies mit redaktionellen Vorgaben, es widerte ihn selbst an, vor allem aber die betroffenen Schauspieler.
Inzwischen ist ausgefeilteste Brutalität in jedem der unzähligen ARD und ZDF Krimis Achsel zuckend hingenommene, nicht weiter hinterfragte Realität. Wenn dann von den Verantwortlichen auf die „geniale Machart“ hingewiesen wird, klingeln nicht sämtliche Alarmglocken,  sondern ist die Sache legitimiert. Das weist auf eine nicht hinterfragte Akzeptanz von Gewalt als Mittel der alltäglichen Auseinandersetzung hin, die parallel zur Eskalation der Gewalt als Mittel der weltweiten politischen Auseinandersetzung zu sehen ist.
Mit der Konkurrenz der privaten TV-Anbieter ist dies nicht zu rechtfertigen.  Die öffentlich rechtlichen Anstalten sind unabhängiger denn je, seit jeder Bürger sie bezahlen muss, selbst wenn er ihre Dienste gar nicht in Anspruch nimmt. Auch ihr gesetzlich vorgeschriebener Auftrag, Gesellschafts schädigenden Tendenzen entgegenzuwirken wird dadurch noch größer.
Das Gegenteil ist der Fall. In einem ganz normalen ZDF Krimi darf ein amtierender Polizist drei Menschen erschießen und zwar nicht in Ausübung seines Amtes,  sondern aus persönlichen Rachemotiven,  wofür sogar sein Chef Verständnis hat. Und er killt nicht nur, er zelebriert seine Morde, er quält seine Opfer vor ihrem Tod und das alles wird bis zum kleinsten Schweiss- und Blutstropfen in HD-Qualität ausgebreitet.
Aktueller Höhepunkt dieser Brutalisierung des öffentlich rechtlichen Fernsehens ist der “Tatort” des Hessichen Rundfunks: “im Schmerz geboren”. Es wird erschossen, bei lebendigem Leibe im Main versenkt und erwürgt. Minutenlang wird die Todesangst von Opfern gezeigt – aber nicht etwa abschreckend, sondern ästhetisch verzückt, von beruhigender Trauermusik unterlegt:
der Genuss trieft allen Beteiligten aus allen Poren, wobei die Verantwortlichen für diese moralische Katastrophe alle Register modernster filmisch-technischer Mittel ziehen, wofür sie dann auch noch einen Preis und Preisgeld in Höhe von 20 000 Euro bekommen.
Wer das sieht wird nicht davon  abgeschreckt, sondern auf höchstem Niveau daran gewöhnt.
Der Gipfel ist das Crescendo des Film, in dem sich eine von Drogen  aufgeputschte Verbrecherbande ein Gefecht mit der Polizei liefert. In Zeitlupe spritzt das Blut, sirren  die Kugeln und dazu wird der Zuschauer von sanft melancholischer Verdimusik eingelullt. Massakerästhetik.
Wer hier noch behauptet, das schaffe kritisches Bewusstsein gegenüber Gewalt oder entlarve gesellschaftliche Strukturen, ist selbst längst Opfer dieses systematischen, die ganze Gesellschaft erfassenden medialen Abstumpfungsprozesses.
Ästhetisierung von Gewalt ist Verharmlosung.
Irgendwie dämmert das auch den Machern dieser öffentlich rechtlichen Blutorgie, und so blenden sie immer wieder einen Shakespeare Zitator ein, der klarstellt: “Rache ist keine Lösung”.
Die mediale Eigenart des Films ist aber, dies mit den Mitteln  des Films, also auf unbewusster, unausgesprochener, indirekter Ebene zu vermitteln, das ist der Unterschied zur Analyse oder zum gesprochenen Wort. Wer seine Botschaft dazusagen muss, gesteht selbst ein, dass er sie mit anderen Mitteln, hier dem des Films, nicht zu vermitteln verstanden hat.
Im Falle von “im Schmerz geboren” ging es allerdings sowieso nicht darum, sondern ums Gegenteil:
Unterhaltung, Ablenkung, Verharmlosung, Lächerlichmachung; Gewöhnung an den Schrecken und Aufgeilung an Gewaltdarstellung. Der atavistische Affentanz zweier Brusttrommelnden Grosstadt-Gorillas mit Maschinengewehr bewaffneten Affenhorden hinter sich wird mittels Verweisen kreuz und quer durch die Kulturgeschichte hypostasiert zum Gebet: der Mensch ist und bleibt ein Tier, ein Affe mit Atombomde, wie schon Konrad Lorenz wusste. Die textbausteinartig abgespulte Behauptung, es ginge um Kritik daran ist nur eine pseudoemanzipatorische Rechtfertigung für diese excessive Ausbreitung der Gewaltdarstellung.
Die Botschaft ist eine gegenteilige:
Gewalt hat keine gesellschaftlichen, politischen oder gar ökonomischen Ursachen, sondern geht von Irren aus – in diesem Fall einem psychisch kranken Drogenhändler.
Das ist so, daran kann man nichts ändern, das war schon immer so – was ein  bunter Zitatemix aus der Weltliteratur, klassischer Musik und Westernglorie beweist.
Und vor allem, – und das ist das Zentrum der Botschaft – :
dagegen gibt es nur ein Mittel, nämlich noch mehr Gewalt.
Das entspricht exact den Anforderungen des globalen Zeitgeists. Dieser Film spiegelt nicht gesellschaftliche Zustände wider, sondern ist selbst Spiegel und Motor gesellschaftlicher Zustände:
Wenn selbst Bischöfe Waffenlieferungen fordern, anstatt mit ihren Kollegen von der anderen Variante der Anbetung desselben Gottes auch nur versuchen  zu reden (wieso bietet sich der Papst nicht als Austauschgeisel an wie es H.D. Genscher 1972 beim Attentat der Palästinenser auf die israelischen Olympiasportler getan hat?), dann ist klar, was die Uhr geschlagen hat, dann müssen die Menschen darauf eingeschworen werden, dass es für diese Irren wie IS oder wenn nötig auch Putin nur eine Antwort gibt: “ab sechs Uhr wird zurückgeschossen”.
Deshalb ist dieser Film zum goldrichtigen Zeitpunkt gekommmen. Bequem bei einem Glas Wein in den Sessel zurückgelehnt bleibt einem, auch noch legitimiert durch die halbe Kulturgeschichte, nichts anderes übrig als – obwohl man es ja gar nicht will! – zu sagen: “ja, schmeisst die Rüstungsschmieden an und gebt jedem Zunder, der nicht mitspielt”. Man darf nicht nur nicht töten, sondern, wie jetzt von höchstbischöfflicher Seite verkündet wurde, auch nicht “töten lassen”, sozusagen das elfte Gebot: lasst andere die töten, die töten, bevor diese uns töten und rüstet sie dafür mit deutscher Qualitätsarbeit aus.
Der Hessische Rundfunk als Absatzförderer der deutschen Waffenindustrie. Das deutsche Fernsehen als Richter und Henker: wer aus der Reihe tanzt, wird im Main versenkt – so geht es auch bei der Mafia zu. Die Flüchtlinge werden ja auch im Mittelmeer versenkt, jedem das seine.
Dieser Film verwurstet wirklich alles, was es je an emanzipatorischen Ideen und Versuchen gegeben hat aus dem Elend patriarchalischer Perspektivlosigkeit, wie sie heute von der Ukraine über Irak bis Mali neue Gipfel erstürmt, herauszufinden und zu einer friedfertigen Weltgesellschaft zu kommen.
Der Versuch einer “menage a trois”, lernen wir am bemüht zitierten Beispiel des Films “Jules und Jim”, ist nicht etwa ein Versuch zu repressionsfreien Beziehungen zwischen Männern uns Frauen zu kommen, sondern führt zu Mord und Totschlag zwischen den Kerlen, das war schon immer so und wir immer so bleiben. Frauen sind Sexualobjekte und Gebärmaschinen, um die sich die Männer zu kloppen haben, damit beim Nachwuchs die stärksten Gene sich durchsetzen.
Nichts Neues also, nur neu aufgelegt.
Komik darf auch dabei sein: während der Polizist und der Drogenbaron teuren Champagner trinken, müssen Brigaden von SEK Soldaten schwitzen und werden schliesslich aus Mitleid nach Hause geschickt. Das Publikum beim Münchner Filmfest lacht brav. Am Schluss des Films werden alle Toten eben schnell nochmal augenzwinkernd lebendig gezeigt: ist ja nur Film, das Publikum lacht brav.
“Im Schmerz geboren” – dieser Courths-Mahler betitelte, mit Verdi unterlegte Shakespeare/Tarantino Verschnitt ist die bislang raffinierteste Version Abstumpfung gegenüber Gewalt mit Kritik an derselben zu verkaufen. Das kritiklose Gejubel über diese künstlerische Delikattesse führt sich selbst vor:
je besser etwas gemacht ist, desto besser wirkt es.
“Dieser Film ist trotz 47 Morden nicht brutal” beteuert eine Barbara Möller in einer der vier grössten Tageszeitungen der Republik.
Quod erat demonstrandum.
Morden ist immer brutal.
Aber angesichts des weltweiten Mordens wird es an der Zeit dieses altmodische Denken zu den Akten zu legen.

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Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte ein einziges Foto, das den verzweifelten Blick einer Frau zeigte, an deren Schläfe eine Pistolenmündung gedrückt wird, die ganze Welt erschüttern und zum Ende des Vietnamkriegs beitragen genauso wie die Empörung erzeugenden Dokumentationen von Bombardierungen Nordvietnams. Die erste Folge davon waren öffentlich rechtliche Giftschränke, in denen derartige Aufnahme verbunkert wurden. Dieses Verfahren erzeugte nur sein Gegenteil: noch mehr Proteste.
So entwickelte sich bald ein gegenteiliges Verfahren: Wir alle werden derart mit Bildern von Gewalt und Grausamkeit vollgeballert, bis nur noch jeder Mensch mit Abstumpfung und Verdrängung reagieren kann, keiner mehr betroffen ist.
Forscher in  aller Welt untersuchen seit einigen Monaten die Attraktivität der von dem IS auf facebook, twitter etc verbreiteten Propaganda für junge Menschen in Europa. Die ästhetisch perfekten Bilder von Kolonnen von Jeeps in der Wüste, auf denen vermummte Gestalten mit Maschinenpistolen posieren, genauso wie detalliert gepostete Fotos erschossener, erwürgter, geköpfter Menschen. Sie haben herausgefunden, dass die IS Propaganda sich exact an das Vorbild amerikanischer Kriegsfilme hält und damit wirbt, dieses nur fiktionale endlich real werden zu lassen.
Wenn nun  die deutsche Gesellschaft sich darüber wundert, dass viele junge Menschen nach Syrien oder in den Irak abwandern, um bei dem IS mitzukämpfen, sollte sie als erstes vor der eigenen Türe kehren:
wo sie die gnadenlose Brutalisierung des deutschen  Fernsehens in den letzten beiden Jahrzehnten findet.
Man sollte diesen Offenbarungseid des deutschen Fernsehens als nicht mehr zu überbietendes Alarmsignal begreifen, endlich die Killer- und Massakerorgie des öffentlich rechtlichen Fernsehens einzustellen. Wenn Anstaltsleitungen, Redakteure, Regisseure und Drehbuchautoren vor dem Verwertungsdruck der Rüstungsindustrie kapitulieren, dann sollte wenigstens der Bundesrechnungshof diesen Missbrauch öffentlicher Gelder beenden.
Die verantwortliche Redakteurin mit Leni Riefenstahl gleichzusetzen täte ihr zuviel der Ehre an, sie ist selbst nur Rädchen im Getriebe und muss ihre Rente sichern, indem sie in vorauseilendem Gehorsam an sie gestellte vermeintliche oder tatsächliche Erwartungen antizipiert. Aber sie erfüllt dieselbe Funktion: das Publikum, also die Gesellschaft mit Hilfe der Medien zu konditionieren, unerträgliche, immer grausamere Gewalttaten achselzuckend oder gar amüsiert als unabänderliche Tatsache hinzunehmen.
Heisst der Bildungsauftrag etwa: Abstumpfung der Gesellschaft gegenüber Gewalt und Konditionierung junger Menschen zur Beteiligung an salafistischen Mordorgien?
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1967 richtete ich in  dem Film “Tätowierung” eine Plastikpistole auf meinen Ziehvater, ein Schuss fiel, er sank zu Boden. 1977 richtete ich eine echte Waffe auf einen Polizisten und es kam zu einem glücklicherweise nicht tödlichen Schusswechsel:
wenn ich beim Anblick dieses Filmes Abscheu und Wut empfinde, weiss ich, wovon ich rede, denn ich kenne beide Dimensionen aus eigener Erfahrung: Gewalt im Film und Gewalt in der Realität.
Darstellung von Gewalt hat in jedem Fall ungeheure tiefenpsychologische Wirkungen, deren Ausmasse niemand genau bestimmen kann. Wer hier auch noch diese Abschlachterei mit dem Bedürfnis der Menschen nach Unterhaltung zu rechtfertigen versucht, handelt zumindest grob fahrlässig: Unterhaltung und Abschreckung schliessen sich gegenseitig aus.
Kunst besteht darin, nicht zu zeigen, was dargestellt werden soll, erst recht, wenn es um Gewalt geht. Nur so kann sie Schrecken und Abschreckung erzeugen. 1:1 dargestellte Gewalt verhindert Abschreckung. Gewalt als Unterhaltung schaltet kritische Reflexion aus. Vermittelt Gewalt als unabänderlich.
Wenn man die Menschen mit der wirklichen Brutalität konfrontierte – z.B. Fotos der Gräuel in Darfur – und zwar pur, 1:1, dann würden die Leute verrückt werden; die nachgemachte Brutalität hilft, die Brutalität zu ertragen, verharmlost sie: und ist damit Vorreiter und Legitimator und Ermöglicher der wirklichen Brutalität, brutalen Realität.
Als ich gestern mit meinem kleinen Sohn auf dem Spielplatz mit anderen Eltern sprach, konnte keiner dieser zur “Tatort”Zielgruppe gehörenden Menschen diesem von allen Medien zum nationalen Ereignis hypostasierten Film etwas abgewinnen. Der einhellige Kommentar war: “krank”. Niemand aus meinem gesamten Bekanntenkreis hat sich diesen Film als Ganzes angesehen.
Das lässt hoffen.
“Im Schmerz geboren” ist eine Chance.
Eine einzigartige Gelegenheit, das Steuer herumzureissen und zum wirklichen Bildungsauftrag des öffentlich rechtlichen Fernsehens zurückzukehren.

Oktober 2014

 

3. Schwarzafrika, das weisse Blatt Papier

Zu Christoph Schlingensiefs Albtraum eines Operndorfs für einen Mörder.

Dass sich das Leben in den Genussmetropolen dieser Erde gar nicht so genüsslich erleben lässt wie in der Werbung versprochen – »mit Genussgarantie« – hat sich inzwischen herumgesprochen. Freudlosigkeit, Isolation und Angst bestimmen den Alltag und können auch mit Konsumsteigerung, internetchat und Alkohol nicht verdrängt werden. Esoterik, Fitness und sowieso alles Bio bringen auch nicht so recht das ersehnte Glück – kein Wunder, dass sogar gestandene Konservative inzwischen die Kapitalismuskritik entdeckt haben.

Aber es gibt einen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation. Es stimmt nicht, dass »man nichts machen kann«! Die ganzen wohlfeil formulierten Klagen von Wertezerfall und Sinnverlust werden Lügen gestraft mit nur einem Zauberwort, das selbst Künstlern als Balsam gegen die vollgestopfte Leere der Kulturindustrie dient:
Afrika.

Afrika wird neu entdeckt: Schwarzafrika, das weiße Blatt Papier.

In Afrika kann man sich endlich mal so richtig austoben. In Afrika kann man nach Lust und Laune die Sau rauslassen. In Afrika kann der gehobene, politisch und kulturell bewusste Mittelstandsbürger die Ärmel hochkrempeln und kernig all das verwirklichen, was in unserer langweiligen europäischen Überflussgesellschaft nicht mehr drin ist.

In Afrika hat man eine Generallizenz für noch den absurdesten Blödsinn, der einem über die Leber läuft, denn
– in Afrika leben lauter arme, unfähige und hilflose Menschen, die ohne uns verloren wären!
– in Afrika gibt es keine Kultur – den Leuten muss man ja noch das 1×1 beibringen, worauf sie ein Recht haben, sind doch schliesslich auch Menschen wie du und ich!
– in Afrika leben die Opfer unserer Kolonisierung, da müssen wir etwas wieder gut machen!

Und der von seiner Frustration gequälte Mitteleuropäer schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: endlich hat das Leben wieder einen Sinn und man steht auch noch ganz toll da, kann sich auf die Schulter klopfen, wieder in die Augen sehn und in den Schlaf des Gerechten verfallen. Hilfe für Arme, Kampf gegen Krankheit und Hunger, sinnvolle Entwicklungshilfe – und das auch noch kombiniert mit erlebnisorientierter Urlaubsgestaltung: was will der Mensch mehr?

Eines der abstossendsten Beispiele für diese immer noch ungebrochene und kaum in Frage gestellte Haltung ist das von dem leider früh verstorbenen Regisseur Christoph Schlingensief initiierte Operndorf in Burkina Faso. Unzweifelhaft wollte Schlingensief nur das Beste und kannte sich mit den örtlichen Gegebeneheiten nicht aus, aber Unwissenheit schützt nicht vor Kritik. Und es geht hier nicht um Schlingensief, sondern um den exemplarischen Charakter seiner Initiative.

Hier kommt alles zusammen, was der Markt der unerfüllten Sehnsüchte dem intellektuellen, engagierten und sich seiner politischen Verantwortung bewussten Mitglied der europäischen Zivilisation zu bieten hat –
und offenbart damit seine Haltung:

– wir da oben, die da unten
– wir sind überlegen, die sind unterlegen
– wir sind keine Ausbeuter: was früher Unterdrückung war, ist heute Hilfe
– wir sind wichtig
– unsere Kultur ist die einzige, die diesen Namen verdient
– wir sind selbstlos und altruistisch
– wir wissen, was diese Menschen brauchen – deshalb brauchen wir sie nicht zu fragen, ob sie es überhaupt wollen
– wer zahlt, hat das Sagen, wer nimmt, hat die Schnauze zu halten und dankbar zu sein
– wir sind Subjekt, sie sind Objekt
– am europäischen Wesen soll Afrika genesen

Da man das nicht laut sagen darf und die Akteure dieser Haltung sich erfolgreich verbieten, es auch nur zu denken, beschwören sie eins ums andere Mal das Bild von der »gleichen Augenhöhe«, auf der sie als fortschrittliche, aufgeklärte Menschen agierten.

Davon kann in beiden Richtungen keine Rede sein.

Wenn Christoph Schlingensief, der der deutschen Kultur so viele Anregungen schenkte, dem Staatschef von Burkina Faso, Blaise Campoare, einem notorischen Menschenschinder und Mörder seines Vorgängers (was C.S. vielleicht nicht wusste) ein derart nettes, publizitätsgeladenes Geschenk wie ein Operndorf mit angegliederter Schule macht, reibt letzterer sich die Hände und lacht sich ins Fäustchen. Seine Verachtung gegenüber dieser Weissnase, die ihn davon befreit, selbst Schulen zu bauen, obwohl er und sein Land es mehr als ausreichend könnten, entspricht der Verachtung des europäischen Zeitgeistkünstlers gegenüber diesem Marionettenkaiser, der froh sein kann, dass wir uns überhaupt mit ihm abgeben.

Was Frantz Fanon schon in den 50er Jahren als »komplementär neurotisches«  Verhalten zwischen Schwarzen und Weissen diagnostizierte, kommt im neuen Jahrtausend erst richtig zum Zuge: die »Konstellation des Deliriums« hat mit dem Operndorfwahn das Delirium tremens erreicht.

Es ist die erschütterndste Erfahrung meines zehn-jährigen Aufenthalts im Nachbarland Burkinas, Mali, dass die komplementäre Verachtung zwischen Weissen und Schwarzen das Verhältnis so nachhaltig zerstört hat, dass keine Besserung in Aussicht scheint. Da fehlte nur noch ein Operndorf. Denn damit kommt auf den Begriff, was gespielt wird:

Der Herrenmensch feiert fröhliche Urständ.

Er hat die Militärstiefel mit dem Airbus vertauscht, den Feldstecher mit der Digitalkamera und das mit Powerpoint Munition geladene Maschinengewehr mit dem mit Powerpoint Dateien geladenen Laptop.
Der neue Herrenmensch fällt nicht in Kontinente ein wie einst die Siedler in Amerika – nein, er mietet sich in klimatisierten Hotels ein, die er zu diesem Zweck bauen lässt und zu deren Betrieb er Solaranlagen installiert, er durchpflügt nicht mit Panzern das wilde Land, er durchpflügt es mit vierradangetriebenen Landrovern, er metzelt die Eingeborenen nicht mehr ab, er beschenkt sie mit Kugelschreibern, Highlightern und abgetragenen, aber durchaus noch brauchbaren Klamotten.
Der neue Herrenmensch kämpft nicht mit Waffen, sondern mit Worten: er nennt sein Diktat von nun an »Cooperation«, »vertragliche Vereinbarung« oder, um das unermessliche Ausmass seiner Grosszügigkeit deutlich zu machen, »Geschenk«.
Der neue Herrenmensch schiesst nicht mehr – er zahlt. Und wer zahlt, hat das Sagen. Ohne Moos nix los. Also soll jeder froh und dankbar sein, dem der neue Herrenmensch das Geld hinterherträgt.
Der Herrenmensch braucht keine Strategien mehr: er macht Projekte.
Er »führt« Projekte »durch«, er »realisiert« Projekte: er vollstreckt Projekte.

Nun ist freilich schon fast die ganze Welt mit Projekten zugepflastert, nur ein Kontinent bietet noch das, was der neue Herrenmensch sucht: weites, unbebautes Feld, schrankenlose Entfaltungsmöglichkeiten, bedingungslose Handlungsfreiheit.
Dieser Kontinent heisst Afrika.
Schwarzafrika – das weisse Blatt Papier: Projektionsfläche für in Europa unerfüllbare Träume.

Es gibt dort zwar auch Menschen, aber die sind schwarz, die sieht man nicht, und wenn sie sich doch irgendwie bemerkbar machen, drückt man ihnen eine Schaufel in die Hand, und lässt sie eine Schule bauen: so kehrt bei diesen Halbaffen endlich mal die Zivilisation ein und ein Taschengeld bekommen sie noch dazu!
Neokolonialismus kommt heute als Kulturkolonialismus daher: der Feldherr mit dem Opernglas, Napoleon als Operettenfigur, Livingstones Tochter ist heute Projektinspektorin mit breitkrempigem Sonnenschutz. Nach der politischen die kulturelle Versklavung.

Und wie sollen die Menschen reagieren, wenn sie mit solchen Zumutungen konfrontiert sind?

»Les blancs sont la pour payer« (die Weissen sind da um zu zahlen) – so haben es einige sogar ausgesprochen, so denken alle. Diese arroganten Besserwisser in ihren fetten Vierradautos, Villen mit Pool, in einem Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung kein sauberes Trinkwasser hat, ihrem protzigen Verhalten, mit dem sie Geld um sich schmeissen, das nicht einmal ihnen gehört, diese Sonnenbrillenträger mit ihren Waffen, ihren Schrott-Containern, die sie bei uns entsorgen und noch Dankbarkeit dafür fordern,  ihrer herablassenden Grosszügigkeit – das sind doch gar keine richtigen Menschen: so werden sie jedenfalls von denen gesehen, die sie beglücken wollen. Sie gelten als grob, unsensibel, kommunikationsunfähig, »Empathie« ist ein Fremdwort für sie, sie erkennen keine Zeichen, keine Haltungen, keine Signale, sie verstehen nichts von Natur, von Geist, von Ausstrahlung, kurz: sie sind in den Augen derer, die sie für primitiv halten, selbst primitiv. Das sagt man ihnen natürlich nicht – sie sollen ruhig an ihre Überlegenheit glauben, solange sie zahlen.

Im Flugzeug sass einmal ein gut gekleidetes Paar aus Mali hinter mir. Die beiden flogen von Geberverhandlungen aus Paris zurück in ihre Heimat. Sie amüsierten sich königlich über die Uninformiertheit der Geldgeber, ihr schlechtes Gewissen und wie einfach es sei, mit gewissen Ausdrücken und Gesten Geld locker zu machen. Running Gag in dieser Lachparade der Verachtung in der Sitzreihe hinter mir war das Wort »Projekt«: es auszusprechen und eine Kalkulation in dreifacher Ausfertigung beizulegen funktioniert wie ein Klick auf dem Rechner und das Geld wird ausgespuckt. Danach kümmert sich keiner mehr drum. Unterbrochen wurde das Gespräch, als die beiden sich ausgiebig im duty free shop bedienten.

Dass Schlingensief in der ganzen Welt keinen Ort fand, seinen Plan zu verwirklichen, sondern erst in Burkina Faso fündig wurde, ist kein Wunder.

In Burkina Faso regierte in den achtziger Jahren des letzten Jahrhundert ein Präsident, der sämtliche Klischees des »typisch afrikanischen Potentaten« auf den Kopf stellte. Sein Name ist Thomas Sankara, bis heute unvergessener grösster Hoffnungsträger, den Afrika je hatte. Er schaffte die Dienstmercedesse ab und ersetzte sie durch R4 Kleinwägen,  er trug einfache Kleidung aus burkinischen Stoffen, er lebte in einem einfachen Häuschen und lehnte »Hilfe« von aussen ab: »wir sind stark, wir sind ein reiches Land, wir haben alles und können alles selbst produzieren. Der Reis auf unseren Tellern, den uns der Westen schickt, macht uns ohnmächtig, macht uns zu Bettlern, zu Almosenempfänger, blockiert unsere Entwicklung«.

Es ist klar: der Mann musste sterben. Sein Mörder: Sankaras Stellvertreter, engster Vertrauter und politischer Ziehsohn, Blaise Campoare, noch heute, inzwischen fett gewordener, Diktator Burkina Fasos. Schnell stellte er die alten Verhältnisse wieder her und vertiefte sie: John Taylor, dem Menschschlächter in Liberia lieferte Blaise Campoare noch Waffen gegen Gold und Juwelen, als Taylor längst von aller Welt isoliert war (die ZEIT berichtete). Im letzten Jahr kassierte Campoare als »Vermittler« in der Mali-Krise vor allem von der bewaffneten Organisation MNLA seinen Anteil an deren Menschen-, Zigaretten-, Kokain- und Uranhandel.

Da kommt ein Operndorf richtig gut. Zumal das Mordverfahren in Den Haag gegen ihn anhängig ist – so eine publicity lässt sich kaum bezahlen. Im Gegenteil, an dieser Schickmicki – Charity verdienen sogar noch einige:
500 000 Euro, brüsten sich die Campoare Helfer, seien schon ausgegeben worden, um ein paar modern gekühlte Schulräume zu bauen.

Wiebitte?

Für 500 000 Euro inklusive Grundstück kann man in Mali, wo Baumaterial teurer ist, fünf dreostöckige Häuser bauen, mit jeweils fünf Bädern, plus angehängten Geschäftsräumen –
was ist mit dem vielen Geld geschehen, an dem sich der »Bochum«-Sänger Groenemeyer allein mit 100 000 Euro beteiligt hatte?
Wieso musste ein Berliner Stararchitekt mit afrikanischen Wurzeln die Schulräume entwerfen – gibt es in Burkina Faso keine Architekten? Können sie nicht so medienwirksam über die unerträglichen schulischen Zustände in ihrer Kindheit klagen? Hat er ohne Honorar gearbeitet?
Wo ist das ganze Geld geblieben, mit dem man fünf Schulen hätte bauen können, wenn man schon den armen Herrn Campoare und den burkinischen Staat nicht damit belasten will? Und schon gar nicht den unermesslichen Reichtum der Oberklasse Burkina Fasos, die ihr Geld auf den internationalen Finanzmärkten arbeiten lässt anstatt Steuern zu zahlen, nicht antasten will?
Warum fahren die Initiatoren des »Operndorfs« eigentlich nicht nach Afrika und fragen die dort lebenden Menschen erstmal, wo sie eigentlich der Schuh drückt, wenn sie ihnen unbedingt helfen wollen?
Warum fördern sie nicht die von Hiphop und RAP immer weiter ins Abseits gedrängte afrikanische klassische Musik, wenn sie schon Traditionen bewahren wollen?
Warum errichten die Initiatoren des »Operndorfs« nicht ein Musikdorf zum Beispiel in der Lüneburger Heide, in das sie Musiker aus aller Welt einladen, die sich dort austauschen und voneinander lernen?
Warum benehmen sie sich statt dessen so, als ob in Burkina keine Menschen lebten; als ob diese nicht selbst wüssten, was sie bräuchten und was nicht?
Warum eine (Luxus!)Schule, wenn gerade in Burkina Faso eine grosse Anzahl Kinder vor dem Erreichen des Schulalters an verseuchtem Wasser stirbt und vielleicht ein Trinkwasserprojekt naheliegender wäre, auch wenn Burkina auch das selbst finanzieren könnte?

Das Traurige an derartigen Initiativen ist, dass die Kräfte in Afrika, die tatsächlich die Verhältnisse ändern wollen, durch diese von aussen kommenden, die wirklichen Bedürfnisse ignorierenden Massnahmen, behindert werden.

Und auch wenn es unangenehm ist:
Warum haben Menschen das Bedürfnis, sich in Afrika einzumischen, obwohl sie keine Ahnung von den Bedürfnissen der dort lebenden Menschen haben?
Weil sie in Europa das nichtswürdige Wesen sind, das unsere Hochkultur aus dem Menschen macht – in Afrika aber der grosse Macker, als der sie sich selbst verstehen. Es geht um Rekonstruktion mangelnden Selbstbewusstseins, Reparatur erniedrigten Selbstwertgefühls, böse Zungen nennen das sogar neokolonialistische Selbstbefriedigung unerfüllter Allmachtsphantasien.

Die Folge davon ist die Zerstörung der Moral der betroffenen Menschen, die Erzeugung einer fatalistischen Empfängerhaltung: wieso selber noch etwas auf die Beine stellen, wenn man nur zu warten braucht, bis irgendwelche Weissen kommen und Geld ausspucken.

Die unheilige Allianz der neuen Herrenmenschen mit ihren einheimischen Partnern verhindert genau die Entwicklung, die sie behauptet zu fördern. Sie erzeugt eine ökonomisch, politisch und kulturell völlig perspektivlose »Projekt-Gesellschaft«, die im zwei- bis drei-Jahres Rhythmus der Projekte vor sich hin west. Sie leitet die Zerstörung der Menschenwürde, unter der unsere Gesellschaft leidet, weiter.

Christof Wackernagel
15.1.2014

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