{"id":156,"date":"2016-05-27T19:29:25","date_gmt":"2016-05-27T17:29:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/?page_id=156"},"modified":"2016-08-22T20:39:00","modified_gmt":"2016-08-22T18:39:00","slug":"gesellschaft","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/aktuelle-texte-2\/gesellschaft\/","title":{"rendered":"Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Inhaltsverzeichnis:<\/p>\n<ol>\n<li><strong><a href=\"#schlingi\">Schwarzafrika, das weisse Blatt Papier<\/a><\/strong><br \/>\n<strong><strong>Zu Christoph Schlingensiefs Albtraum eines Operndorfs f\u00fcr einen M\u00f6rder.<\/strong><\/strong><\/li>\n<li><strong><a href=\"#beschmiss\">Genitalverst\u00fcmmelung bei minderj\u00e4hrigen Jungen ist<\/a> <\/strong><strong>Kindesmissbrauch<br \/>\n<\/strong><\/li>\n<li><strong><a href=\"#eschwi\">Etikettenschwindel<\/a><\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a name=\"beschmiss\"><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Genitalverst\u00fcmmelung bei minderj\u00e4hrigen Jungen ist <\/strong><strong>Kindesmissbrauch<\/strong><\/p>\n<p>In den islamisch besetzten Gebieten Nord-Malis werden im Jahr 2012 unverheiratete Ehepaare ausgepeitscht, weil ihre Lebenspraxis jahrtausendealten Traditionen widerspricht. In Deutschland gibt es im Jahr 2012 ein Gesetz, das m\u00e4nnliche Genitalverst\u00fcmmelung erlaubt, weil sie jahrtausendealter Tradition entspricht. Einw\u00e4nde gegen diesen R\u00fcckfall in die Steinzeit werden als religi\u00f6s intolerant und antisemitisch verleumdet.<\/p>\n<p>Wer, wie der Autor dieser Zeilen, von Mali nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt ist, weil er nicht in einem Land leben kann, in dem gefoltert wird, fragt sich, ob er vom Regen in die Traufe gekommen ist. Welch verkehrte Welt. Dort k\u00e4mpfen Intellektuelle, vor allem \u00c4rzte, nicht nur gegen weibliche, sondern auch gegen m\u00e4nnliche Genitalverst\u00fcmmelung, hier eifern die intellektuellen Vorsprecher\u00a0 aus Politik, Religion und Philosophie darum, den aktuellen Hunger des Kulturindustriemolochs nach dem Gegenteil zu stillen.<\/p>\n<p>Nachdem der uners\u00e4ttliche Zeitgeist sich inzwischen anderen Fragen zugewandt hat, um sie genauso oberfl\u00e4chlich und unverbindlich zu verdauen, ist es an der Zeit, diese Frage unabh\u00e4ngig von ihrer aktuell politischen Opportunit\u00e4t zu betrachten.<\/p>\n<p>1.: k\u00f6rperlicher Missbrauch<\/p>\n<p>Auch in der intellektuell von der nordmalischen Sandw\u00fcste kaum mehr unterscheidbaren bundesdeutschen Geistesw\u00fcste gibt es kompetente und wissenschaftlich fundierte einsame Rufer. Der Psychotherapeut Professor Wolfgang Schmidbauer ist ein solcher. Anschaulich erkl\u00e4rt er die k\u00f6rperlichen Qualen, den Foltercharakter der Vorhautbeschneidung.<\/p>\n<p>Best\u00e4tigt wird er von einem der wenigen Menschen, die in dieser Frage \u00fcberhaupt objektiv Auskunft geben k\u00f6nnen, dem Autor Nils Juel, der sich als Erwachsener aus freiem Willen beschneiden liess . Aus chirurgischer Sicht sei der Eingriff gut verlaufen, berichtet Juel:<br \/>\n\u00bbDoch ich erlebte in den Tagen danach heftige Schmerzen. Ich frage mich bis heute, wie Erwachsene es verantworten, dass sogar neugeborene Jungen diese Schmerzen durchleben m\u00fcssen. Wer sagt, dass es nicht wehtut, sollte einmal versuchen, in den Tagen nach dem Eingriff auf dem Bauch zu schlafen. Auch das Pinkeln war nicht gerade lustig \u2013 allein meinen Penis zu halten war schmerzhaft. Ich konnte damit umgehen. Aber Kinder? Muss das sein?\u00ab<br \/>\nUnd er fasst zusammen:<br \/>\n\u00bbWenn wir indes die religi\u00f6se und politische Rhetorik beiseite lassen, bleibt die Beschneidung von Jungen so schlicht wie klar eine sexuelle Verst\u00fcmmelung.\u00ab<\/p>\n<p>Das ist die eine Seite, die des Schmerzes, die allein ausreichen m\u00fcsste, eine derartige Praxis restlos auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte zu schmeissen.<\/p>\n<p>Genauso unertr\u00e4glich &#8211; und insofern weiterreichend, weil irreversibel -, ist die andere Seite, die der Lust, der sinnlichen Erfahrung beziehungsweise ihrer Einschr\u00e4nkung .<\/p>\n<p>\u00bbTats\u00e4chlich hat die Vorhaut wichtige erotische Funktionen\u00ab, schreibt Schmidbauer. Die Vorhaut hat sogar unverzichtbare erotische Funktionen, wenn der Geschlechtsakt kein reiner Besamungsvorgang sein soll. Schamlippen und Vorhaut sind die Initialz\u00fcnder eines sinnlich erf\u00fcllten Geschlechtsverkehrs. Durch den anf\u00e4nglichen Austausch von m\u00e4nnlichen und weiblichen Fl\u00fcssigkeitsabsonderungen, sind sie T\u00fcr\u00f6ffner im unmittelbaren Sinne des Wortes. Dazu ist die im Verlauf des sexuellen Vorspiels entstehende Fl\u00fcssigkeit unter der Vorhaut conditio sine qua non. Vorhautbeschneidung heisst konkret, das wesentlichste des Vor-spiels ausser Gefecht zu setzen: wie die Eichel gl\u00e4nzend aus der Vorhaut herausw\u00e4chst, um so auf sanftest m\u00f6gliche Weise den gl\u00e4nzend ge\u00f6ffneten Schamlippen zu begegnen.<\/p>\n<p>Die Entfernung der Vorhaut &#8211; wie der Schamlippen, aus deren Zusammenspiel die Lust erw\u00e4chst &#8211; dient allein der Reduzierung der sexuellen Lust beziehungsweise der Verhinderung ihrer gr\u00f6sstm\u00f6glichen Entfaltung .<br \/>\nVorhautbeschneidung leistet der Brutalisierung des Geschlechtsverkehrs Vorschub.<br \/>\nSie schraubt den Geschlechtsverkehr tendenziell herunter zum reinen\u00a0 Geschlechtsakt zum Zwecke der Fortpflanzung:<br \/>\n\u00bbMit meiner Vorhaut war auch das \u00fcbersch\u00e4umende, sprudelnde Gef\u00fchl beim Orgasmus verschwunden. Leitungswasser statt Springbrunnen\u00ab.<\/p>\n<p>Die Natur ist so organisiert, dass die Fortpflanzung zur Not auch ohne Lust funktioniert, Hauptsache, der Mann kann in die Frau eindringen und spritzt ab &#8211; Menschlichkeit w\u00e4re, die Lust zu optimieren. Beschneidung\u00a0 minimiert sie.<\/p>\n<p>Mehr noch: Die Vereinigung des m\u00e4nnlichen und des weiblichen Geschlechtsteils ohne vorherige Erzeugung und Austausch von Fl\u00fcssigkeit bei beiden n\u00e4hert sich tendenziell der Vergewaltigung. Bef\u00fcrwortung von Vorhautbeschneidung redet tendenziell der Vergewaltigung das Wort. Fehlt nur eines der beiden Initialelemente wird der Geschlechtsakt zur tendenziellen Vergewaltigung.<\/p>\n<p>Sexualit\u00e4t ist nicht normierbar, ihre Praktizierung, Art und Weise der Verwirklichung darf nicht einseitig durch k\u00f6rperliche Eingriffe programmiert werden.<br \/>\nSolange es von beiden gewollt wird, ist alles erlaubt. Wer gerne Sand zwischen Scheide und Penis sp\u00fcrt, soll Sand einf\u00fchren, soviel er\/sie will, wenn es Spass macht. Aber jede(r) muss die Wahl haben zwischen sanft fliessen lassen und rammeln:<br \/>\nEs kann und darf nur die freie Entscheidung eines jeden Menschen sein, diese oder jene sexuelle Praxis vorzuziehen.<\/p>\n<p>Ein derart irreversibel an einem hilflosen Kind oder jungen Menschen exekutierter Eingriff nimmt einem am Anfang seines Lebens stehenden Menschen aber f\u00fcr immer diese Freiheit.<\/p>\n<p>Auch Vorhautbeschneidung ist wie die Genitalverst\u00fcmmelung von Frauen Missbrauch der Sexualit\u00e4t als solcher.<\/p>\n<p>2.: Vertrauensmissbrauch<\/p>\n<p>Wenn ich mir vorstelle, dass mein zwei-j\u00e4hriger Sohn freudig lachend mit ge\u00f6ffneten Armen auf mich zul\u00e4uft, sich von mir hochheben l\u00e4sst, sich an mich schmiegt, mich k\u00fcsst und sagt: \u00bbPapi, ich liebe Dich!\u00ab, erwartet, mehr noch: davon ausgeht, dass ich ihn streichele, wir spielen, ich ihm etwas beibringe, eben, dass ich ihm nur Gutes, Sch\u00f6nes und Angenehmes tue &#8211;<br \/>\nich ihn aber stattdessen auf eine Folterbank lege und ihm barbarische Schmerzen zuf\u00fcge oder zuf\u00fcgen lasse, dann wird mir nur noch spei\u00fcbel .<\/p>\n<p>Niemand hat das Recht, einen derart traumatisierenden und vor allem nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig machbaren Eingriff bei einem wehrlosen Kind vorzunehmen.<\/p>\n<p>Am wenigsten Eltern, denn sie vergehen sich an einem ahnungslosen Wesen, das ihnen nat\u00fcrlich und selbstverst\u00e4ndlich das entgegenbringt, was \u00fcberhaupt menschliches Zusammenleben m\u00f6glich macht: Vertrauen.<br \/>\nViel mehr noch: Ur-Vertrauen, das was menschliches Vertrauen als solches m\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>Eltern haben im doppelten Sinne nicht das Recht, da ihre Pflicht nicht nur die k\u00f6rperliche Unversehrtheit des Kindes ist, sondern auch sein Gl\u00fcck. Wer ungefragt ein Kind in diese Welt setzt, muss auch alles daf\u00fcr tun, dass es gl\u00fccklich und erf\u00fcllt darin leben kann. Wer das Gegenteil tut, missbraucht es.<\/p>\n<p>Eltern haben Verantwortung aber kein allumfassendes Verf\u00fcgungsrecht. Eltern haben nicht das Recht irreversible Einschnitte in das Kind vorzunehmen. Eltern haben nicht das Recht, ihren Kindern Schmerzen zuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Dieser Vertrauensmissbrauch, dieser Missbrauch des Urvertrauens, das Kinder in ihre Eltern haben, ist das Ende der Eltern-Kind-Beziehung. Ein grauenhafter Initiationsritus, \u00e4hnlich dem Vogel, der aus dem Nest geworfen wird. Ein archaisches Ritual, das unschuldige Kind mit der H\u00e4rte des Lebens konfrontieren soll.<\/p>\n<p>Ein, einer zivilisierten Gesellschaft unw\u00fcrdiges, besch\u00e4mendes Ritual, das schamlos und b\u00f6se berechnend das Urvertrauen des Kindes ausn\u00fctzt und ihm damit Misstrauen gegen\u00fcber allen anderen Menschen einimpft .<\/p>\n<p>Und das ist das Grundprinzip jeglichen Terrors: das schamlose und b\u00f6se berechnende Ausn\u00fctzen von Vertrauen.<\/p>\n<p>Das Ausn\u00fctzen von Vertrauen, ohne das menschliches Zusammenleben nicht m\u00f6glich w\u00e4re. Wer in ein Kaufhaus geht, in eine Bank oder zu seiner Arbeit, hat das Vertrauen, dass niemand ihm B\u00f6ses tut. Das n\u00fctzt der Terrorist aus, geht mit versteckter Maschinenpistole in ein Kaufhaus, eine Bank oder ein B\u00fcro und verletzt oder t\u00f6tet ahnungslose, wehrlose und hilflose Menschen.<\/p>\n<p>Im Moment sind es vor allem Vorhaut-beschnittene Muslime, die das tun &#8211; warum sollten sie auch nicht das anderen zuf\u00fcgen, was ihre eigenen Eltern ihnen angetan\u00a0 haben.<\/p>\n<p>Beherrsche den anderen, bevor er dich beherrscht. Unterdr\u00fccke ihn gewaltsam, bevor er dich unterdr\u00fcckt. Bring ihn um, bevor er dich killt.<\/p>\n<p>Wenn man freilich bedenkt, dass m\u00e4nnliche wie weibliche Genitalverst\u00fcmmelung zu den \u00e4ltesten Traditionen \u00fcberhaupt geh\u00f6rt, \u00fcberall ausge\u00fcbt und lange vor der Entstehung des Monotheismus in Vorderasien praktiziert; wenn man des weiteren bedenkt, dass die m\u00e4nnliche Genitalverst\u00fcmmelung sich bis hin in die heutige US-amerikanische Gesellschaft streckt, dann weist diese Tatsache darauf hin, dass es, jenseits von religi\u00f6sen oder angeblich medizinischen , auch einen\u00a0 tief verwurzelten gesellschaftlichen Grund, besser gesagt: Vorwand daf\u00fcr gibt.<\/p>\n<p>Macht. Der Sinn dieses abscheulichen Rituals ist Herrschaft auszu\u00fcben und ihre Reproduktion zu sichern. Herrschaft als Grundlage jeder weiteren Herrschaft wie der Name schon sagt, Herr-schaft von M\u00e4nnern \u00fcber Frauen.<\/p>\n<p>In den Naturgesellschaften, die noch an die Anf\u00e4nge der Menschheit erinnern, in denen sie bei sich den Unterschied zum Affen erkannte, wird explizit die m\u00e4nnliche Genitalverst\u00fcmmelung mit der Notwendigkeit erkl\u00e4rt, das weibliche Element des Mannes auszumerzen, die Empfindlichkeit der Eichel (wie umgekehrt bei den Frauen das m\u00e4nnliche, die Klitoris, um sie nur noch auf die lebensfeindliche angebliche Hauptfunktion der Frau als empfindungslose Geb\u00e4rmaschine zu reduzieren), um ihn hart zu machen, r\u00fccksichtslos, an entscheidender Stelle empfindungslos, damit er im allt\u00e4glichen Krieg des jedergegenjeden-Patriarchats seinen Mann stehen kann.<\/p>\n<p>Noch besser als am Verhalten radikaler Islamisten, kann diese heute noch aktuelle Praxis aus den dunkelsten Anf\u00e4ngen der Menschheit am Verhalten der US-amerikanischen Gesellschaft erkannt werden, deren m\u00e4nnliche Mitglieder zum gr\u00f6ssten Teil ohne jeden bezug auf Religion oder andere Vorw\u00e4nde beschnitten werden. Sie schaffen Vertrauen mit Coca Cola und McDonalds und schicken danach Drohnen. Und k\u00f6nnen \u00fcberhaupt nicht verstehen, dass ihnen mit Selbstmordattentaten geantwortet wird.<\/p>\n<p>Missbrauchtes Vertrauen erzeugt Misstrauen gegen\u00fcber den anderen Menschen. Dieses Verfahren kann sich fortsetzen bis ultimo. Vor allem, wenn es in fr\u00fchester Kindheit brutal eingeschnitten wird.<\/p>\n<p>Dass nicht die Erhaltung von sch\u00fctzenswerten Traditionen oder f\u00fcr das menschliche Zusamenleben notwendigen Ritualen der Grund f\u00fcr die Vorhautverst\u00fcmmelung ist, sondern einzig und allein Machterhalt und Machtreproduktion, zeigt, dass es noch eine Menge anderer, genauso tief sitzender Rituale und Traditionen gibt.<\/p>\n<p>Auch Auspeitschung von Menschen, deren Sexualverhalten nicht religi\u00f6sen Vorschriften entspricht, ist eine jahrtausendealte Tradition. H\u00e4nde abhacken von Dieben geh\u00f6rt auch dazu. Ehebruch &#8211; bezeichnenderweise nur von Frauen &#8211; geh\u00f6rt genauso dazu wie die Verst\u00fcmmelung ihres Geschlechtsteils.<\/p>\n<p>Wieso m\u00fcssen diese Traditionen und Rituale nicht genauso gesch\u00fctzt werden?<\/p>\n<p>Weil sie bei uns zur Reproduktion der bestehenden Herrschaftsverh\u00e4ltnisse nicht mehr notwendig sind &#8211; nicht aus moralischer Gr\u00f6sse oder Erkenntnis und Respekt menschlicher Werte und einer \u00fcbergeordneten Ethik. Bereits in Westafrika ist das anders. Zeigt aber genauso, dass es bei Genitalverst\u00fcmmelung allein um Aufrechterhaltung und Reproduktion von Machtstrukturen geht.<\/p>\n<p>Ich habe in den zehn Jahren meines Lebens in Mali viele kleine, unbeschwerte, liebenswerte und vertrauensvolle Kinder, Jungen wie M\u00e4dchen, oft sogar mit fast verwandtschaftlicher N\u00e4he, kennengelernt. Es geh\u00f6rt zu den deprimierendsten Erfahrungen dieser Zeit miterleben zu m\u00fcssen, wie sich der Charakter der Kinder, Jungen wie M\u00e4dchen, nach der Beschneidung ver\u00e4nderte. Aus offenen, vertrauensvoll auf andere zugehenden kleinen M\u00e4dchen, wurden scheue, \u00e4ngstliche und, schnell erkennbar und, aufgrund ihrer grauenhaften Erfahrung gut nachvollziehbar, sogar heimt\u00fcckische. Dieselben Augen, die mich vorher liebevoll angestrahlt hatten, sandten jetzt hasserf\u00fcllte Blicke. Ich glaubte Rachegel\u00fcste zu sp\u00fcren. Die Jungen, die den Kontakt zu dem Erwachsenen gesucht hatten und von ihm lernen wollten, wurden misstrauisch, ihre Blicke vorsichtig, in Deckung gehend, sich gegen eventuell Schlimmes wappnend.<\/p>\n<p>So tolerant und vor allem vorbildlich dialogbereit ich die malische Gesellschaft erfuhr, so sehr durchzog sie ein ubiquit\u00e4res Grundprinzip: Misstrauen &#8211; vielleicht eine umgekehrt proportional gegenseitige Bedingung. Von Anfang an sch\u00e4rften mir Freunde ein: \u00bbtraue keinem, auch nicht Deinem besten Freund, nicht einmal mir\u00ab. Genauso erfuhr ich das Verh\u00e4ltnis meiner malischen Freunde und Bekannten untereinander.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst sich sicher auch mit allen m\u00f6glichen ethno- und anthropologischen Gr\u00fcnden erkl\u00e4ren &#8211; aber deren Grundlage ist die elementare, tiefsitzend traumatische Kindheitserfahrung der Beschneidungsfolter, weiblich wie m\u00e4nnlich.<\/p>\n<p>Und wie funktioniert deren Reproduktion?<\/p>\n<p>Nicht durch Zwang, Gewalt oder Indoktrination, sondern durch Verinnerlichung. Die nach Jahrtausenden, selbst unabh\u00e4ngig von religi\u00f6sen Vorschriften, so tief sitzt, dass selbst die besten intellektuellen Widerspr\u00fcche fruchtlos sind. Und gegen die als wichtige Voraussetzung zur Aufrechterhaltung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse nur schwer anzukommen ist.<\/p>\n<p>Ich kannte fast nur Schamlippen-beschnittene Frauen. Sie alle waren der Meinung, unbeschnittene Frauen seien gar keine richtigen Frauen. Frauen mit Klitoris w\u00fcssten nicht, wie M\u00e4nner zu befriedigen seien: \u00bbunsere T\u00fcr steht jederzeit offen f\u00fcr Euch M\u00e4nner! Ihr k\u00f6nnt Euch jederzeit an uns befriedigen\u00ab. Diese verzweifelte Notl\u00fcge habe ich nicht nur einmal geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Genitalverst\u00fcmmelung ist und bleibt Genitalverst\u00fcmmelung. Warum f\u00fcr M\u00e4nner nicht gelten soll, was f\u00fcr Frauen selbstverst\u00e4ndlicher Konsens ist, kann ich nicht nachvollziehen. So klar wie es f\u00fcr Frauen abzulehnen ist, Teile ihrer Geschlechtsorgane zu entfernen, muss es auch f\u00fcr M\u00e4nner sein .<\/p>\n<p>Wenn Politiker oder Intellektuelle aber &#8211; vornehmlich in Deutschland &#8211; eine gesetzliche Verankerung der Vorhautbeschneidungsfolter bef\u00fcrworten, hat das allein opportunistische Gr\u00fcnde, die, weiter gedacht, gef\u00e4hrlich sind.<\/p>\n<p>Welche Religion und welche jeder ihrer unendlich vielf\u00e4ltigen Aus\u00fcbungsvarianten und Traditionen ist sch\u00fctzenswert? Das orthodoxe oder das liberale Judentum? Sunniten oder Salafisten oder Schiiten oder Sufis? Katholiken oder Evangelen oder freigl\u00e4ubige oder Mormonen? Was ist mit den Animisten, immerhin die \u00e4lteste Religion, die es gibt? Wie gross muss die Lobby sein, um politische Unterst\u00fctzung zu bekommen? Welche politischen oder finanziellen Interessen oder &#8211; im Falle Deutschland &#8211; historische Lasten m\u00fcssen gegeben sein, dass v\u00f6llig irrational fortschrittliches Denken in einem bestimmten Punkt einfach ausgeschaltet wird? Ist die Thora etwas besseres als die Scharia?<\/p>\n<p>Wenn es unter Berufung auf den Holocaust m\u00f6glich ist, Ausnahmen von der Strafbarkeit von K\u00f6rperverletzung zu machen, weil es einigen j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgern m\u00f6glich gemacht werden soll, ihr Verst\u00e4ndnis der Aus\u00fcbung ihrer Religion auszu\u00fcben, obwohl sie nicht einmal alle j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger repr\u00e4sentieren und auch kein absolut unverzichtbares Ritual aus\u00fcben wollen, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis unter Berufung auf die wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit von Qatar und Saudi-Arabien weibliche Genitalverst\u00fcmmelung nicht mehr mit zwei bis vier Jahren Gef\u00e4ngnis bestraft wird. Finanzielle Zw\u00e4nge sind wesentlich zwingender als historisch-moralische. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die in Deutschland lebenden Muslime fordern werden, ihre alte sch\u00fctzenswerten der blutigen Klitorisverletzung praktizieren zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Wo bleiben die Kinderschutzverb\u00e4nde? Warum verabschieden die verantwortlichen Politiker kein Gesetz, das Selbstverst\u00fcmmelung ab 18 Jahren erlaubt? Kein Gl\u00e4ubiger egal welcher Religion k\u00f6nnte dann ernsthaft behaupten, die Aus\u00fcbung seiner Glaubensvorschriften w\u00fcrde ihm in Deutschland verboten.<\/p>\n<p>Ich selbst habe von m\u00fctterlicher Seite j\u00fcdische Vorfahren. Niemals wurde von den \u00fcberlebenden Verwandten ein\u00a0 derart abstossender Akt als unverzichtbarer Bestandteil des Judentums bezeichnet. Die Berufung auf die religi\u00f6sen Riten des Judentums und ihre Unantastbarkeit der Vorhautverst\u00fcmmelung wegen der Ermordung von Millionen Juden w\u00e4hrend der Nazizeit ist ein Missbrauch der Opfer des Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>3.: Glaubensmissbrauch<\/p>\n<p>Religionsvertreter, die die m\u00e4nnliche Genitalverst\u00fcmmelung praktizieren, geben als Rechtfertigung f\u00fcr dieses Leiden an, dass damit ein \u00bbBund mit Gott\u00ab vollzogen werde.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re das f\u00fcr ein Gott, der Gesch\u00f6pfe erschafft, denen, ohne ihre Zustimmung von dritten Schmerzen zugef\u00fcgt werden m\u00fcssen, damit er sie anerkennt?<br \/>\nWas w\u00e4re das f\u00fcr ein Gott, der die Gesch\u00f6pfe, die er geschaffen hat, qu\u00e4len l\u00e4sst, damit sie sich ihm zugeh\u00f6rig f\u00fchlen d\u00fcrfen?<br \/>\nWas w\u00e4re das f\u00fcr ein\u00a0 Gott, der den Menschen als gr\u00f6sstes Geschenk zur Erfahrung ihrer Lebendigkeit Sexualit\u00e4t mitgibt &#8211; und diese, kaum dass die Menschen auf der Welt sind, wieder entscheidend einschr\u00e4nkt?<\/p>\n<p>Das w\u00e4re ein Gott, der menschliche Eigenschaften hat. Ein Gott, der in Wirklichkeit ein supertotalmegagepowerter \u00dcbermensch ist. Ein Gott, der sich bei genauem Nachdenken als Projektion entpuppt.<\/p>\n<p>Dahinter steht eine Gottesvorstellung, der es gar nicht um Gott geht, sondern die Glauben an Gott, das Bed\u00fcrfnis der Menschen, der Unerkl\u00e4rlichkeit des Daseins einen\u00a0 Sinn und ihnen damit Halt zu geben, die Hoffnung der Menschen, ihrer Zerstrittenheit ein einigendes Ziel zu geben, ihre Sehnsucht nach Gnade, Verzeihung und Frieden &#8211;<br \/>\nEine Gottesvorstellung, die all das dazu missbraucht, gnadenlos menschliche Interessen durchzusetzen.<\/p>\n<p>Vielleicht muss man Ungl\u00e4ubiger sein, um, unabh\u00e4ngig von den Gruppenzw\u00e4ngen der Religionsgemeinschaften, die Gottesidee als eine absolute, jenseits menschlicher Charakterz\u00fcge und ausserhalb menschlicher Vorstellungskraft stehende sehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn es Gott gibt, und darin k\u00f6nnten sich Gl\u00e4ubige wie Ungl\u00e4ubige einig sein, ist er allwissend, allm\u00e4chtig, allumfassend und:<br \/>\nnur Gutes tuend.<\/p>\n<p>Wer an Gott glaubt, kann ihn also nur\u00a0 als das sehen, was einer Vorstellung von Gott im Unterschied zum Menschen entspricht:<br \/>\njenseits von Gut und B\u00f6se, jenseits von oben und unten, jenseits von richtig oder falsch, an einem Ort, zu dem wir keinen Zugang haben, und mehr wissend als wir je wissen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wer an Gott glaubt, kann ihn also nur als eine Instanz erkennen, die mehr weiss als wir &#8211;<br \/>\nund nicht ihn kritisieren, gar korrigieren.<\/p>\n<p>Wer an Gott glaubt, geht davon aus, dass der Mensch das Werk Gottes ist:<br \/>\nwer also die Vorhaut beschneidet,\u00a0 greift in das Werk Gottes ein.<\/p>\n<p>Wer dieses Werk aus menschlichen Gr\u00fcnden wie sozialen oder rituellen\u00a0 Zw\u00e4ngen mit der Folge der Unterdr\u00fcckung der sexuellen Entfaltung irreversibel vesrt\u00fcmmelt, missachtet den Sch\u00f6pfer dieses Werks, unterstellt ihm, unvollkommene Arbeit geleistet zu haben .<\/p>\n<p>Denn Gott, als Sch\u00f6pfer begriffen, wusste schon, warum er Menschen Vorhaut und Schamlippen mitgegeben hat; er hat diesen Organen einen Sinn, eine Funktion, einen Auftrag gegeben.<\/p>\n<p>Man muss die Interpretation, dass diese Organe der Erh\u00f6hung der Lust dienen sollen, nicht einmal teilen:<br \/>\nsie sind da, selbst wenn sie aus Gr\u00fcnden da sind, von denen wir nichts wissen.<\/p>\n<p>Was steckt also in Wirklichkeit hinter diesem &#8211; mit den Kriterien gl\u00e4ubiger Menschen gesprochen &#8211; Frevel an dem Werk Gottes, der Missachtung seiner Sch\u00f6pfung, was steckt hinter der Anmassung, Gottes Arbeit &#8211; auch noch blutig schmerzhaft &#8211; korrigieren zu d\u00fcrfen?<\/p>\n<p>Hauptkennzeichen jeder Religion ist Beschr\u00e4nkung, Einschr\u00e4nkung, Unterdr\u00fcckung der Sexualit\u00e4t. Der Grund daf\u00fcr ist urspr\u00fcnglich sicher auch ein zivilisatorischer: Z\u00fcgelung unmittelbarer Triebe, Erzeugung von Respekt und Achtung der Bed\u00fcrfnisse der anderen Menschen. Solange sich noch keine Erkenntnis durchgesetzt hatte, warum freiwillige Absprachen unter den Menschen die Lebensqualit\u00e4t aller Menschen erh\u00f6hen, mussten religi\u00f6se Vorschriften als Grund herhalten.<\/p>\n<p>Das mag im Verlauf der Menschheitsgeschichte anf\u00e4nglich eine Funktion zur Bewusstwerdung menschlicher Umgangsformen gehabt haben &#8211;<br \/>\nheute braucht es das nicht mehr.<br \/>\nEs gibt also nur einen Grund f\u00fcr diese Funkionalisierung der Religion, diesem Missbrauch des Vertrauens gl\u00e4ubiger Menschen, dieser Umkehrung g\u00f6ttlicher Intention:<br \/>\nDie Unterdr\u00fcckung der Sexualit\u00e4t zum Zwecke der Umleitung ihrer angestauten Energie in den Profit-orientierten Produktionsprozess, die Gr\u00fcndung, Erhaltung und\u00a0 Sicherung l\u00e4ngst \u00fcberkommener patriarchalischer Dominanz:<br \/>\nDie Perpetuierung gewaltsamer Machtaus\u00fcbung.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit kann der \u00bbBund mit Gott\u00ab viel besser und glaubw\u00fcrdiger von erwachsenen, bewussten Menschen vollzogen werden als vom unbewussten Kleinkind.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit ist der \u00bbBund mit Gott\u00ab als freiwilliger, bewusster ein viel verbindlicherer, g\u00fcltigerer, glaubhafterer als ein aufgezwungener.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit ist die Beendigung der Beschneidung von Frauen wie M\u00e4nnern ein weiterer Schritt zur Optimierung der sie praktizierenden Religionen.<\/p>\n<p>Christof Wackernagel<br \/>\n10.03.2015<br \/>\n<a name=\"schlingi\"><\/a><\/p>\n<h1 class=\"entry-title\">Schwarzafrika, das weisse Blatt Papier<\/h1>\n<div class=\"entry-content\">\n<h2>Zu Christoph Schlingensiefs Albtraum eines Operndorfs f\u00fcr einen M\u00f6rder.<\/h2>\n<p>Dass sich das Leben in den Genussmetropolen dieser Erde gar nicht so gen\u00fcsslich erleben l\u00e4sst wie in der Werbung versprochen \u2013 \u00bbmit Genussgarantie\u00ab \u2013 hat sich inzwischen herumgesprochen. Freudlosigkeit, Isolation und Angst bestimmen den Alltag und k\u00f6nnen auch mit Konsumsteigerung, internetchat und Alkohol nicht verdr\u00e4ngt werden. Esoterik, Fitness und sowieso alles Bio bringen auch nicht so recht das ersehnte Gl\u00fcck \u2013 kein Wunder, dass sogar gestandene Konservative inzwischen die Kapitalismuskritik entdeckt haben.<\/p>\n<p>Aber es gibt einen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation. Es stimmt nicht, dass \u00bbman nichts machen kann\u00ab! Die ganzen wohlfeil formulierten Klagen von Wertezerfall und Sinnverlust werden L\u00fcgen gestraft mit nur einem Zauberwort, das selbst K\u00fcnstlern als Balsam gegen die vollgestopfte Leere der Kulturindustrie dient:<br \/>\nAfrika.<\/p>\n<p>Afrika wird neu entdeckt: Schwarzafrika, das wei\u00dfe Blatt Papier.<\/p>\n<p>In Afrika kann man sich endlich mal so richtig austoben. In Afrika kann man nach Lust und Laune die Sau rauslassen. In Afrika kann der gehobene, politisch und kulturell bewusste Mittelstandsb\u00fcrger die \u00c4rmel hochkrempeln und kernig all das verwirklichen, was in unserer langweiligen europ\u00e4ischen \u00dcberflussgesellschaft nicht mehr drin ist.<\/p>\n<p>In Afrika hat man eine Generallizenz f\u00fcr noch den absurdesten Bl\u00f6dsinn, der einem \u00fcber die Leber l\u00e4uft, denn<br \/>\n\u2013 in Afrika leben lauter arme, unf\u00e4hige und hilflose Menschen, die ohne uns verloren w\u00e4ren!<br \/>\n\u2013 in Afrika gibt es keine Kultur \u2013 den Leuten muss man ja noch das 1\u00d71 beibringen, worauf sie ein Recht haben, sind doch schliesslich auch Menschen wie du und ich!<br \/>\n\u2013 in Afrika leben die Opfer unserer Kolonisierung, da m\u00fcssen wir etwas wieder gut machen!<\/p>\n<p>Und der von seiner Frustration gequ\u00e4lte Mitteleurop\u00e4er schl\u00e4gt zwei Fliegen mit einer Klappe: endlich hat das Leben wieder einen Sinn und man steht auch noch ganz toll da, kann sich auf die Schulter klopfen, wieder in die Augen sehn und in den Schlaf des Gerechten verfallen. Hilfe f\u00fcr Arme, Kampf gegen Krankheit und Hunger, sinnvolle Entwicklungshilfe \u2013 und das auch noch kombiniert mit erlebnisorientierter Urlaubsgestaltung: was will der Mensch mehr?<\/p>\n<p>Eines der abstossendsten Beispiele f\u00fcr diese immer noch ungebrochene und kaum in Frage gestellte Haltung ist das von dem leider fr\u00fch verstorbenen Regisseur Christoph Schlingensief initiierte Operndorf in Burkina Faso. Unzweifelhaft wollte Schlingensief nur das Beste und kannte sich mit den \u00f6rtlichen Gegebeneheiten nicht aus, aber Unwissenheit sch\u00fctzt nicht vor Kritik. Und es geht hier nicht um Schlingensief, sondern um den exemplarischen Charakter seiner Initiative.<\/p>\n<p>Hier kommt alles zusammen, was der Markt der unerf\u00fcllten Sehns\u00fcchte dem intellektuellen, engagierten und sich seiner politischen Verantwortung bewussten Mitglied der europ\u00e4ischen Zivilisation zu bieten hat \u2013<br \/>\nund offenbart damit seine Haltung:<\/p>\n<p>\u2013 wir da oben, die da unten<br \/>\n\u2013 wir sind \u00fcberlegen, die sind unterlegen<br \/>\n\u2013 wir sind keine Ausbeuter: was fr\u00fcher Unterdr\u00fcckung war, ist heute Hilfe<br \/>\n\u2013 wir sind wichtig<br \/>\n\u2013 unsere Kultur ist die einzige, die diesen Namen verdient<br \/>\n\u2013 wir sind selbstlos und altruistisch<br \/>\n\u2013 wir wissen, was diese Menschen brauchen \u2013 deshalb brauchen wir sie nicht zu fragen, ob sie es \u00fcberhaupt wollen<br \/>\n\u2013 wer zahlt, hat das Sagen, wer nimmt, hat die Schnauze zu halten und dankbar zu sein<br \/>\n\u2013 wir sind Subjekt, sie sind Objekt<br \/>\n\u2013 am europ\u00e4ischen Wesen soll Afrika genesen<\/p>\n<p>Da man das nicht laut sagen darf und die Akteure dieser Haltung sich erfolgreich verbieten, es auch nur zu denken, beschw\u00f6ren sie eins ums andere Mal das Bild von der \u00bbgleichen Augenh\u00f6he\u00ab, auf der sie als fortschrittliche, aufgekl\u00e4rte Menschen agierten.<\/p>\n<p>Davon kann in beiden Richtungen keine Rede sein.<\/p>\n<p>Wenn Christoph Schlingensief, der der deutschen Kultur so viele Anregungen schenkte, dem Staatschef von Burkina Faso, Blaise Campoare, einem notorischen Menschenschinder und M\u00f6rder seines Vorg\u00e4ngers (was C.S. vielleicht nicht wusste) ein derart nettes, publizit\u00e4tsgeladenes Geschenk wie ein Operndorf mit angegliederter Schule macht, reibt letzterer sich die H\u00e4nde und lacht sich ins F\u00e4ustchen. Seine Verachtung gegen\u00fcber dieser Weissnase, die ihn davon befreit, selbst Schulen zu bauen, obwohl er und sein Land es mehr als ausreichend k\u00f6nnten, entspricht der Verachtung des europ\u00e4ischen Zeitgeistk\u00fcnstlers gegen\u00fcber diesem Marionettenkaiser, der froh sein kann, dass wir uns \u00fcberhaupt mit ihm abgeben.<\/p>\n<p>Was Frantz Fanon schon in den 50er Jahren als \u00bbkomplement\u00e4r neurotisches\u00ab\u00a0 Verhalten zwischen Schwarzen und Weissen diagnostizierte, kommt im neuen Jahrtausend erst richtig zum Zuge: die \u00bbKonstellation des Deliriums\u00ab hat mit dem Operndorfwahn das Delirium tremens erreicht.<\/p>\n<p>Es ist die ersch\u00fctterndste Erfahrung meines zehn-j\u00e4hrigen Aufenthalts im Nachbarland Burkinas, Mali, dass die komplement\u00e4re Verachtung zwischen Weissen und Schwarzen das Verh\u00e4ltnis so nachhaltig zerst\u00f6rt hat, dass keine Besserung in Aussicht scheint. Da fehlte nur noch ein Operndorf. Denn damit kommt auf den Begriff, was gespielt wird:<\/p>\n<p>Der Herrenmensch feiert fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd.<\/p>\n<p>Er hat die Milit\u00e4rstiefel mit dem Airbus vertauscht, den Feldstecher mit der Digitalkamera und das mit Powerpoint Munition geladene Maschinengewehr mit dem mit Powerpoint Dateien geladenen Laptop.<br \/>\nDer neue Herrenmensch f\u00e4llt nicht in Kontinente ein wie einst die Siedler in Amerika \u2013 nein, er mietet sich in klimatisierten Hotels ein, die er zu diesem Zweck bauen l\u00e4sst und zu deren Betrieb er Solaranlagen installiert, er durchpfl\u00fcgt nicht mit Panzern das wilde Land, er durchpfl\u00fcgt es mit vierradangetriebenen Landrovern, er metzelt die Eingeborenen nicht mehr ab, er beschenkt sie mit Kugelschreibern, Highlightern und abgetragenen, aber durchaus noch brauchbaren Klamotten.<br \/>\nDer neue Herrenmensch k\u00e4mpft nicht mit Waffen, sondern mit Worten: er nennt sein Diktat von nun an \u00bbCooperation\u00ab, \u00bbvertragliche Vereinbarung\u00ab oder, um das unermessliche Ausmass seiner Grossz\u00fcgigkeit deutlich zu machen, \u00bbGeschenk\u00ab.<br \/>\nDer neue Herrenmensch schiesst nicht mehr \u2013 er zahlt. Und wer zahlt, hat das Sagen. Ohne Moos nix los. Also soll jeder froh und dankbar sein, dem der neue Herrenmensch das Geld hinterhertr\u00e4gt.<br \/>\nDer Herrenmensch braucht keine Strategien mehr: er macht Projekte.<br \/>\nEr \u00bbf\u00fchrt\u00ab Projekte \u00bbdurch\u00ab, er \u00bbrealisiert\u00ab Projekte: er vollstreckt Projekte.<\/p>\n<p>Nun ist freilich schon fast die ganze Welt mit Projekten zugepflastert, nur ein Kontinent bietet noch das, was der neue Herrenmensch sucht: weites, unbebautes Feld, schrankenlose Entfaltungsm\u00f6glichkeiten, bedingungslose Handlungsfreiheit.<br \/>\nDieser Kontinent heisst Afrika.<br \/>\nSchwarzafrika \u2013 das weisse Blatt Papier: Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr in Europa unerf\u00fcllbare Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>Es gibt dort zwar auch Menschen, aber die sind schwarz, die sieht man nicht, und wenn sie sich doch irgendwie bemerkbar machen, dr\u00fcckt man ihnen eine Schaufel in die Hand, und l\u00e4sst sie eine Schule bauen: so kehrt bei diesen Halbaffen endlich mal die Zivilisation ein und ein Taschengeld bekommen sie noch dazu!<br \/>\nNeokolonialismus kommt heute als Kulturkolonialismus daher: der Feldherr mit dem Opernglas, Napoleon als Operettenfigur, Livingstones Tochter ist heute Projektinspektorin mit breitkrempigem Sonnenschutz. Nach der politischen die kulturelle Versklavung.<\/p>\n<p>Und wie sollen die Menschen reagieren, wenn sie mit solchen Zumutungen konfrontiert sind?<\/p>\n<p>\u00bbLes blancs sont la pour payer\u00ab (die Weissen sind da um zu zahlen) \u2013 so haben es einige sogar ausgesprochen, so denken alle. Diese arroganten Besserwisser in ihren fetten Vierradautos, Villen mit Pool, in einem Land, in dem die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung kein sauberes Trinkwasser hat, ihrem protzigen Verhalten, mit dem sie Geld um sich schmeissen, das nicht einmal ihnen geh\u00f6rt, diese Sonnenbrillentr\u00e4ger mit ihren Waffen, ihren Schrott-Containern, die sie bei uns entsorgen und noch Dankbarkeit daf\u00fcr fordern,\u00a0 ihrer herablassenden Grossz\u00fcgigkeit \u2013 das sind doch gar keine richtigen Menschen: so werden sie jedenfalls von denen gesehen, die sie begl\u00fccken wollen. Sie gelten als grob, unsensibel, kommunikationsunf\u00e4hig, \u00bbEmpathie\u00ab ist ein Fremdwort f\u00fcr sie, sie erkennen keine Zeichen, keine Haltungen, keine Signale, sie verstehen nichts von Natur, von Geist, von Ausstrahlung, kurz: sie sind in den Augen derer, die sie f\u00fcr primitiv halten, selbst primitiv. Das sagt man ihnen nat\u00fcrlich nicht \u2013 sie sollen ruhig an ihre \u00dcberlegenheit glauben, solange sie zahlen.<\/p>\n<p>Im Flugzeug sass einmal ein gut gekleidetes Paar aus Mali hinter mir. Die beiden flogen von Geberverhandlungen aus Paris zur\u00fcck in ihre Heimat. Sie am\u00fcsierten sich k\u00f6niglich \u00fcber die Uninformiertheit der Geldgeber, ihr schlechtes Gewissen und wie einfach es sei, mit gewissen Ausdr\u00fccken und Gesten Geld locker zu machen. Running Gag in dieser Lachparade der Verachtung in der Sitzreihe hinter mir war das Wort \u00bbProjekt\u00ab: es auszusprechen und eine Kalkulation in dreifacher Ausfertigung beizulegen funktioniert wie ein Klick auf dem Rechner und das Geld wird ausgespuckt. Danach k\u00fcmmert sich keiner mehr drum. Unterbrochen wurde das Gespr\u00e4ch, als die beiden sich ausgiebig im duty free shop bedienten.<\/p>\n<p>Dass Schlingensief in der ganzen Welt keinen Ort fand, seinen Plan zu verwirklichen, sondern erst in Burkina Faso f\u00fcndig wurde, ist kein Wunder.<\/p>\n<p>In Burkina Faso regierte in den achtziger Jahren des letzten Jahrhundert ein Pr\u00e4sident, der s\u00e4mtliche Klischees des \u00bbtypisch afrikanischen Potentaten\u00ab auf den Kopf stellte. Sein Name ist Thomas Sankara, bis heute unvergessener gr\u00f6sster Hoffnungstr\u00e4ger, den Afrika je hatte. Er schaffte die Dienstmercedesse ab und ersetzte sie durch R4 Kleinw\u00e4gen,\u00a0 er trug einfache Kleidung aus burkinischen Stoffen, er lebte in einem einfachen H\u00e4uschen und lehnte \u00bbHilfe\u00ab von aussen ab: \u00bbwir sind stark, wir sind ein reiches Land, wir haben alles und k\u00f6nnen alles selbst produzieren. Der Reis auf unseren Tellern, den uns der Westen schickt, macht uns ohnm\u00e4chtig, macht uns zu Bettlern, zu Almosenempf\u00e4nger, blockiert unsere Entwicklung\u00ab.<\/p>\n<p>Es ist klar: der Mann musste sterben. Sein M\u00f6rder: Sankaras Stellvertreter, engster Vertrauter und politischer Ziehsohn, Blaise Campoare, noch heute, inzwischen fett gewordener, Diktator Burkina Fasos. Schnell stellte er die alten Verh\u00e4ltnisse wieder her und vertiefte sie: John Taylor, dem Menschschl\u00e4chter in Liberia lieferte Blaise Campoare noch Waffen gegen Gold und Juwelen, als Taylor l\u00e4ngst von aller Welt isoliert war (die ZEIT berichtete). Im letzten Jahr kassierte Campoare als \u00bbVermittler\u00ab in der Mali-Krise vor allem von der bewaffneten Organisation MNLA seinen Anteil an deren Menschen-, Zigaretten-, Kokain- und Uranhandel.<\/p>\n<p>Da kommt ein Operndorf richtig gut. Zumal das Mordverfahren in Den Haag gegen ihn anh\u00e4ngig ist \u2013 so eine publicity l\u00e4sst sich kaum bezahlen. Im Gegenteil, an dieser Schickmicki \u2013 Charity verdienen sogar noch einige:<br \/>\n500 000 Euro, br\u00fcsten sich die Campoare Helfer, seien schon ausgegeben worden, um ein paar modern gek\u00fchlte Schulr\u00e4ume zu bauen.<\/p>\n<p>Wiebitte?<\/p>\n<p>F\u00fcr 500 000 Euro inklusive Grundst\u00fcck kann man in Mali, wo Baumaterial teurer ist, f\u00fcnf dreost\u00f6ckige H\u00e4user bauen, mit jeweils f\u00fcnf B\u00e4dern, plus angeh\u00e4ngten Gesch\u00e4ftsr\u00e4umen \u2013<br \/>\nwas ist mit dem vielen Geld geschehen, an dem sich der \u00bbBochum\u00ab-S\u00e4nger Groenemeyer allein mit 100 000 Euro beteiligt hatte?<br \/>\nWieso musste ein Berliner Stararchitekt mit afrikanischen Wurzeln die Schulr\u00e4ume entwerfen \u2013 gibt es in Burkina Faso keine Architekten? K\u00f6nnen sie nicht so medienwirksam \u00fcber die unertr\u00e4glichen schulischen Zust\u00e4nde in ihrer Kindheit klagen? Hat er ohne Honorar gearbeitet?<br \/>\nWo ist das ganze Geld geblieben, mit dem man f\u00fcnf Schulen h\u00e4tte bauen k\u00f6nnen, wenn man schon den armen Herrn Campoare und den burkinischen Staat nicht damit belasten will? Und schon gar nicht den unermesslichen Reichtum der Oberklasse Burkina Fasos, die ihr Geld auf den internationalen Finanzm\u00e4rkten arbeiten l\u00e4sst anstatt Steuern zu zahlen, nicht antasten will?<br \/>\nWarum fahren die Initiatoren des \u00bbOperndorfs\u00ab eigentlich nicht nach Afrika und fragen die dort lebenden Menschen erstmal, wo sie eigentlich der Schuh dr\u00fcckt, wenn sie ihnen unbedingt helfen wollen?<br \/>\nWarum f\u00f6rdern sie nicht die von Hiphop und RAP immer weiter ins Abseits gedr\u00e4ngte afrikanische klassische Musik, wenn sie schon Traditionen bewahren wollen?<br \/>\nWarum errichten die Initiatoren des \u00bbOperndorfs\u00ab nicht ein Musikdorf zum Beispiel in der L\u00fcneburger Heide, in das sie Musiker aus aller Welt einladen, die sich dort austauschen und voneinander lernen?<br \/>\nWarum benehmen sie sich statt dessen so, als ob in Burkina keine Menschen lebten; als ob diese nicht selbst w\u00fcssten, was sie br\u00e4uchten und was nicht?<br \/>\nWarum eine (Luxus!)Schule, wenn gerade in Burkina Faso eine grosse Anzahl Kinder vor dem Erreichen des Schulalters an verseuchtem Wasser stirbt und vielleicht ein Trinkwasserprojekt naheliegender w\u00e4re, auch wenn Burkina auch das selbst finanzieren k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Das Traurige an derartigen Initiativen ist, dass die Kr\u00e4fte in Afrika, die tats\u00e4chlich die Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern wollen, durch diese von aussen kommenden, die wirklichen Bed\u00fcrfnisse ignorierenden Massnahmen, behindert werden.<\/p>\n<p>Und auch wenn es unangenehm ist:<br \/>\nWarum haben Menschen das Bed\u00fcrfnis, sich in Afrika einzumischen, obwohl sie keine Ahnung von den Bed\u00fcrfnissen der dort lebenden Menschen haben?<br \/>\nWeil sie in Europa das nichtsw\u00fcrdige Wesen sind, das unsere Hochkultur aus dem Menschen macht \u2013 in Afrika aber der grosse Macker, als der sie sich selbst verstehen. Es geht um Rekonstruktion mangelnden Selbstbewusstseins, Reparatur erniedrigten Selbstwertgef\u00fchls, b\u00f6se Zungen nennen das sogar neokolonialistische Selbstbefriedigung unerf\u00fcllter Allmachtsphantasien.<\/p>\n<p>Die Folge davon ist die Zerst\u00f6rung der Moral der betroffenen Menschen, die Erzeugung einer fatalistischen Empf\u00e4ngerhaltung: wieso selber noch etwas auf die Beine stellen, wenn man nur zu warten braucht, bis irgendwelche Weissen kommen und Geld ausspucken.<\/p>\n<p>Die unheilige Allianz der neuen Herrenmenschen mit ihren einheimischen Partnern verhindert genau die Entwicklung, die sie behauptet zu f\u00f6rdern. Sie erzeugt eine \u00f6konomisch, politisch und kulturell v\u00f6llig perspektivlose \u00bbProjekt-Gesellschaft\u00ab, die im zwei- bis drei-Jahres Rhythmus der Projekte vor sich hin west. Sie leitet die Zerst\u00f6rung der Menschenw\u00fcrde, unter der unsere Gesellschaft leidet, weiter.<\/p>\n<p>Christof Wackernagel<br \/>\n15.1.2014<\/p>\n<p><a name=\"eschwi\"><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Etikettenschwindel<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbWollen Sie diese Eier?\u00ab, fragte mich ein Ladenbesitzer in Bamako, der Hauptstadt Malis. Er stand vor seinem B\u00fcdchen und deutete auf einen Turm von mindestens zehn Beugen Eierkartons, die in der tropischen Hitze vor sich hinbr\u00fcteten, \u00bboder wollen Sie normale Eier?\u00ab<\/p>\n<p>Ich stutzte. Was meint er nur? Eier sind doch Eier, sind unnormale Eier eckig oder was? \u00bbWas ist der Unterschied?\u00ab, fragte ich den Eierverk\u00e4ufer. Er nickte mir verschw\u00f6rerisch zu, griff hinter sich, zauberte ein T\u00fctchen mit ziemlich kleinen, dreckigen Eiern hervor und sagte: \u00bbdie sind von normalen H\u00fchnern, die normal in der Gegend herumlaufen und normales Futter picken, das sie im Hof finden oder f\u00fcr sie gestreut wird &#8211; nicht von diesen Gef\u00e4ngnish\u00fchnern, die nur chinesisches Abfallfutter bekommen!\u00ab<\/p>\n<p>Langsam d\u00e4mmerte mir, was er meinte: Bio-Eier! Schlicht nat\u00fcrlich entstandene Eier von frei laufenden, gl\u00fccklichen H\u00fchnern &#8211; und ich dachte: \u00bbguck mal an! Die haben auch schon \u00f6kologisches Bewusstsein hier, von wegen \u203aEntwicklungsland-\u2039!\u00ab Demeter Norm hatten sie wohl nicht, da ja auch die Menschen, deren Reste sie frassen, vergiftetes Zeugs zu sich nahmen, aber die bio-light Europa Norm hatten sie bestimmt und entscheidend war: die Haltung stimmte!<\/p>\n<p>Gl\u00fccklich, mal wieder ein Vorurteil gegen\u00fcber angeblich r\u00fcckst\u00e4ndigen Menschen ausger\u00e4umt zu haben, trug ich meine normalen Bio-Eier nach Hause, die, wie in Deutschland, das doppelte gekostet hatten und die es, wie mir der Verk\u00e4ufer versicherte, nicht immer gab, da normale H\u00fchner nicht st\u00e4ndig Eier legen. Wahrscheinlich hatte er sie mir nur angeboten, weil er wusste, dass ich als Weisser das n\u00f6tige Kleingeld hatte, gestand ich ihm grossz\u00fcgig zu.<\/p>\n<p>Aber irgendetwas nagte an meinem g\u00f6nnerhaftem Wohlwollen, irgendein Widerspruch klopfte an mein Bewusstsein, irgendetwas stimmte nicht an diesem normalen Bio-Durcheinander -!?<\/p>\n<p>Da stand also \u00bbnormal\u00ab gegen\u00fcber \u00bbbio\u00ab. Was sagt uns das? Dass \u00bbnormal\u00ab normal ist und \u00bbbio\u00ab etwas besonderes, mit zus\u00e4tzlichem Aufwand und den Erkenntnissen der menschlichen\u00a0 Wissenschaft und Zivilisation angereichertes &#8211;<br \/>\naber &#8211; &#8211; &#8211;<br \/>\ndas stimmt doch gar nicht!!<\/p>\n<p>In Wirklichkeit ist \u00bbBio\u00ab normal, n\u00e4mlich so, wie es seit Jahrtausenden der Fall ist, seit es n\u00e4mlich Eier legende H\u00fchner, \u00c4pfel tragende B\u00e4ume und Karotten erzeugende Samen gibt! Unnormal ist es, H\u00fchner in winzigen K\u00e4figen zu halten, sie chemisch aufzup\u00e4ppeln und aus Tieren Maschinen zu machen! Und noch unnormaler ist es, etwas als besonders dar zu stellen, das in Wirklichkeit normal ist, genau genommen sogar eine L\u00fcge!<\/p>\n<p>Das werden doch die Tatsachen auf den Kopf gestellt, fuhr es mir w\u00fctend in meinen Kopf, als ich meine kleinen, dreckigen normalen Eier zu Hause auspackte, das ist doch Etikettenschwindel:<\/p>\n<p>\u00bbAchtung vergiftet!\u00ab m\u00fcsste als Warnung auf Kartons mit Eiern stehen, deren Legehennen mit chemisch aufbereitetem Trockenfutter gehalten wurden.<br \/>\n\u00bbVon zu lebensl\u00e4nglichem Knast verurteilten H\u00fchnern!\u00ab m\u00fcsste prominent hervorgehoben auf den entsprechenden Kartons stehen &#8211; nicht \u00bbvon freilaufenden\u00ab auf denen mit normalen Eiern: jedes Kind weiss, dass H\u00fchner frei laufen, das ist normal, darauf muss man nicht hinweisen.<br \/>\nFotos von den Massenminik\u00e4figen, in denen die Industrielegehennen vor sich hin vegetieren, m\u00fcssten auf Kartons mit Eiern abgedruckt werden, die dort gelegt wurden &#8211; nicht Fotos von gr\u00fcnen Wiesen, auf denen normale H\u00fchner herumstolzieren wie seit tausenden von Jahren, die kennt jeder, da k\u00f6nnte man sich die Druckkosten sparen und die Eier daf\u00fcr billiger machen:<\/p>\n<p>einfach nur graue Eierkartons ohne Aufdruck &#8211; wie fr\u00fcher! &#8211; und jeder weiss, das sind normale Eier, die man bedenkenlos essen kann, so m\u00fcsste das sein!<\/p>\n<p>Aber sobald auch nur ein Gramm Fischmehl gef\u00fcttert wurde, sobald Gitter die Bewegungsfreiheit einschr\u00e4nken, sobald Fl\u00fcgel gestutzt wurden, m\u00fcsste auf den Packungen von Hochglanzfotos verifiziert stehen: \u00bbvon gefolterten H\u00fchnern!\u00ab, \u00bbvon Hennen, die noch nie einen Strahl Sonne gesehen haben!\u00ab, \u00bbvon Tieren, die zu Maschinen gemacht wurden!\u00ab.<\/p>\n<p>Dass dies nicht der Fall ist, zeigt wie fix und fertig diese Gesellschaft ist, die nur die eine Perspektive hat: sich selbst zu Grunde zu richten, bis nur noch ein schwankender Haufen virtuelles Geld \u00fcbrig ist und auf verlassenen Festplatten in verlassenen B\u00f6rsenzentren vor sich hin zittert.<\/p>\n<p>In M\u00fcnchen, der Hauptstadt des Freistaates Bayern, versuchte ich, in einem Supermarkt einzukaufen ohne von der mich schlottern lassenden Klimaanlage und der s\u00e4uselnden Musik abgelenkt zu werden. Die Erinnerung an das Schaufensterbild eines Luxusgesch\u00e4fts am Rathaus liess mir keine Ruhe: es wurde dort normale Milch angeboten, die sich nur die Creme der M\u00fcnchner Schickeria leisten konnte &#8211; \u00bbheute morgen direkt vom Bauernhof, direkt von der Kuh, die keine Antibiotika bekommen hat, garantiert ohne Rahmabsch\u00f6pfung\u00ab. In Mali hatte ich einmal einer Frau die mich um Milch f\u00fcr ihr Baby gebeten hatte, s\u00fcndhaft teure pasteurisierte Milch mitgebracht, aber sie hatte die Flasche nur ratlos in den H\u00e4nden gehalten: \u00bbich meinte Milchpulver\u00ab, erkl\u00e4rte sie schliesslich verlegen l\u00e4chelnd, m\u00f6glichst von dem Weltkonzern, dessen Trockenmilch daf\u00fcr bekannt war, dass sie so voll mit Chemie war, dass sie Babys umbringen konnte. Und die zum Katerfr\u00fchst\u00fcck am Rathaus normale Milch trinkenden M\u00fcnchner Million\u00e4re entsorgten dann noch ihre alten Klamotten in Afrika und schluckten ihren mit f\u00fcr den Rest der Welt unbezahlbarer normaler Milch zubereiteten Latte Macchiato schmatzend herunter, sich in dem Bewusstsein suhlend,\u00a0 doppelt Gutes zu tun, sich selbst und dem Rest der Welt.<\/p>\n<p>\u00bbIn was f\u00fcr einem Irrenhaus lebe ich eigentlich?\u00ab, fragte ich mich, als ich sinnierte, ob ich mir normale Eier leisten kann und eine erotische s\u00e4uselnde Frauenstimme, untermalt von s\u00e4uselnden Schalmeienkl\u00e4ngen aus dem Lautsprecher t\u00f6nte:<br \/>\n\u00bbkaufen Sie unsere Fair Trade Produkte! Unterst\u00fctzen Sie mit uns eine bessere Welt, in der den Produzenten gerechte Preise bezahlt werden! Helfen Sie armen Bauern, ein menschenw\u00fcrdiges Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen!\u00ab<\/p>\n<p>Ich sah mich um. Die Menschen standen vor den Regalen und packten ihre Einkaufw\u00e4gen voll. Supermarktangestellte schoben W\u00e4gen mit Nachschub durch die G\u00e4nge.<\/p>\n<p>\u00bbJa, aber dann ist doch alles andere unfair!\u00ab, wollte ich rufen &#8211; riss mich aber in letzter Sekunde zusammen aus Angst ins Irrenhaus zu kommen, wie das ja immer der Fall ist, wenn man die Wahrheit sagt.<br \/>\nIn London g\u00e4be es wenigstens die speakers corner, in der weltfremde Spinner von vorbeihetzenden B\u00f6rsenpuppen bel\u00e4chelt sich ereifern k\u00f6nnten:<br \/>\nFair Trade ist doch die Verifizierung des unfairen Handels! Fair Trade macht klar: alles andere ist unfair! Jeder andere Handel ist unfair!<\/p>\n<p>99% der Waren in diesem Supermarkt stammten aus unfairem Handel. 99% der Produzenten dieser Waren, ganz gleich ob es Bauern, Arbeiter oder Angestellte waren, wurden unfaire L\u00f6hne gezahlt. 99% der armen Bauern f\u00fchrten kein menschenw\u00fcrdiges Leben,<br \/>\nweil Welthandelsmanager mit Hilfe von bis an die Z\u00e4hne bewaffneten Milit\u00e4rs und Politikersprachrohren hergehen und Bauern in aller Welt Heckler und Koch Maschinenpistolen an die Schl\u00e4fen halten lassen, damit sie die Preise niedrig machen,<br \/>\nweil diese menschenverachtenden Weltdirigenten mit Kriegsschiffen, Panzern, Kampfflugzeugen und Drohnen Welthandelspreise erpressen, von denen die Bauern weder leben noch sterben k\u00f6nnen,<br \/>\nweil diese Lenker der Menschheit den Fluss der Waren so dirigieren, dass die Minderheit sich beinahe zu Tode fressen kann und die Mehrheit am Rande des Verhungerns steht.<\/p>\n<p>Und dann kommen satte, von eben jenen Industriellen, Milit\u00e4rs und Politikern abgesicherte Humanisten daher und zahlen f\u00fcr eine von tausenden von Kaffeepaketen<br \/>\netwas mehr, um das dann \u00bbfair trade\u00ab nennen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Warum fordern sie nicht statt dessen Gesetze, dass<br \/>\n&#8211; auf jedem mit roher Gewalt erpressten billigen Kaffee \u00bbKriegsgewinnlerangebot\u00ab zu stehen hat,<br \/>\n&#8211; an jeder Tankstelle in riesengrossen Lettern angeschrieben stehen muss: \u00bbdamit Sie so billig tanken k\u00f6nnen, ermorden wir t\u00e4glich in aller Welt tausende von Menschen!\u00ab,<br \/>\n&#8211; und auf jedes T-Shirt, das aus afrikanischer Baumwolle gefertigt wurde, gedruckt werden muss:<br \/>\n\u00bbf\u00fcr den Spottpreis dieses Hemdes sterben t\u00e4glich zigtausende von Kindern!!!\u00ab &#8211;<\/p>\n<p>?<\/p>\n<p>Weil das normale Politik w\u00e4re, aber die gibt es hier so wenig wie normale Eier.<\/p>\n<p>Februar 14<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inhaltsverzeichnis: Schwarzafrika, das weisse Blatt Papier Zu Christoph Schlingensiefs Albtraum eines Operndorfs f\u00fcr einen M\u00f6rder. Genitalverst\u00fcmmelung bei minderj\u00e4hrigen Jungen ist Kindesmissbrauch Etikettenschwindel &nbsp; &nbsp; Genitalverst\u00fcmmelung bei minderj\u00e4hrigen Jungen ist Kindesmissbrauch In den islamisch besetzten Gebieten Nord-Malis werden im Jahr 2012 unverheiratete Ehepaare ausgepeitscht, weil ihre Lebenspraxis jahrtausendealten Traditionen widerspricht. 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