{"id":152,"date":"2009-11-22T19:06:50","date_gmt":"2009-11-22T17:06:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/?p=152"},"modified":"2016-05-27T19:09:35","modified_gmt":"2016-05-27T17:09:35","slug":"apa-aktion-pro-afrika-erklaerung-zur-naeheren-erlaeuterung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/apa-aktion-pro-afrika-erklaerung-zur-naeheren-erlaeuterung\/","title":{"rendered":"APA \u2013 Aktion Pro Afrika: Erkl\u00e4rung zur n\u00e4heren Erl\u00e4uterung&#8230;"},"content":{"rendered":"<h1>APA \u2013 Aktion Pro Afrika: Erkl\u00e4rung zur n\u00e4heren Erl\u00e4uterung&#8230;<\/h1>\n<h2>1. abstrakt:<\/h2>\n<p>Je l\u00e4nger ich hier lebe, desto krasser f\u00e4llt mir der Widerspruch zwischen arm und reich auf, bzw. genauer gesagt: desto mehr f\u00e4llt mir der immer un\u00fcbersehbarere Reichtum mehr als nur einer kleinen Oberschicht auf. Es gibt \u00fcberhaupt keine Zahlen und Statistiken, jedenfalls komme ich an keine heran, wieviele Leute hier eigentlich wieviel besitzen und woher es kommt, und\u00a0<img decoding=\"async\" class=\"mceWPmore mceItemNoResize\" title=\"Weiterlesen...\" src=\"http:\/\/blog.christofwackernagel.de\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/wordpress\/img\/trans.gif\" alt=\"\" \/>der Hinweis auf Exilmalier oder gar Drogenhandel lenkt da nur ab. Gehe ich nach dem Augenschein, sehe ich jedenfalls in Bamako bald genauso viel\u00a0 Reiche wie Arme: und beide umso extremer. Selbst in meinem Viertel, das zum unteren Niveau geh\u00f6rt, hat jedes vierte Haus eine riesige Satellitensch\u00fcssel, sehe ich in jeder Strasse mehrere neueste Mercedesse (nicht die alten 190er!), und gibt es einige Prunkvillen, die alles \u00fcbertreffen, was ein normaler Mensch sich leisten kann. Seit ich selbst gebaut habe, kann ich beurteilen, was was kostet und staune immer wieder, wenn ich z.B. in Vororten Neubauten mit Aluminiumfenstern sehe, wie ich sie mir nur leisten kann, falls ich\u00a0 wieder Hauptrollen in Kinofilmen spielen werde.<\/p>\n<p>Gleichzeitig schreibt Brigitte Erler schon\u00a0 1989 in meiner \u201eBibel\u201c in diesem Zusammenhang,\u00a0 (\u201eT\u00f6dliche Hilfe\u201c, Dreisam Verlag), dass wenn in diesen L\u00e4ndern (sie war damals in Bangladesh, konnte das als Staatssekret\u00e4rin des Entwicklungshilfeministeriums aber weltweit sagen) die Reichen nur 2-10 Prozent Steuern zahlen w\u00fcrden, die gesamten Zahlungen der internationalen Entwicklungshilfe gedeckt w\u00e4ren.\u00a0 2004 schreibt Jean Ziegler in \u201eImperium der Schande\u201c (Goldmann), dass es in Afrika 600 Dollarmillion\u00e4re gibt, und es jedes Jahr 100 mehr werden, sie ihr Geld aber nicht in Afrika anlegen, um dessen Wirtschaft zu entwickeln,\u00a0 sondern in der Schweiz bunkern oder auf die internationalen Finanzm\u00e4rkte werfen. Alle diese zahlen keine Steuern, was man auch an den Kampagnen ablesen kann, mit denen hier zum Steuern zahlen aufgefordert wird.<br \/>\n<span class=\"Apple-style-span\">Das heisst: wir zahlen die Steuern der Reichen in den Drittweltl\u00e4ndern.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Anders gesagt: Wir kleistern die krassesten Wunden, die dieser asoziale Steinzeitkapitalismus hier schl\u00e4gt, mit unserer Hilfe zu. Und \u201ewir\u201c heisst eben nicht nur die Entwicklungshilfe, sondern vor allem auch die ONGs und privaten Initiativen, sie sich viel genauer als die staatlichen Organisationen darum k\u00fcmmern, wo es wirklich am meisten brennt.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist das alles nur noch Aufforderung zur Korruption, so wie man es Aufforderung zum Diebstahl nennt, wenn man einen dicken Geldbeutel auf das Handschuhfach des Autos legt und das Fenster offen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die ONGs zementieren und perpetuieren das korrupte, verrottete Bereicherungssystem, an dem Afrika krankt. Sie sind die Engel der Reichen im Namen der Armen, die ihnen erlauben, alles beim Alten zu lassen.<\/p>\n<p>Das ist der Hauptwiderspruch, den ich hier sehe, von den furchtbaren Nebenwirkungen wie Zerst\u00f6rung der Menschenw\u00fcrde, Niedergang der Moral, Erosion des Selbstbewusstseins und Selbstwertgef\u00fchls der Menschen ausnahmsweise mal abgesehen, obwohl das ansonsten mein Hauptthema und Hauptschmerz, das miterleben zu m\u00fcssen, ist.<\/p>\n<h2>2. Konkretes Beispiel APA.<\/h2>\n<p>APA eignet sich deshalb so gut, diesen Widerspruch transparent zu machen, weil hier das Allgemeine und das besondere zusammenfallen. W\u00e4hrend normalerweise von den ONGs Leute profitieren, die es brauchen k\u00f6nnen, mal ein Moped zu bekommen oder ein\u00a0 Telefon oder gar ein Visum (obwohl sie meist eh schon zu den Privilegierten geh\u00f6ren, allein schon, weil sie eine Schulbildung besitzen), also der Zusammenhang, dass die Oberschicht profitiert, verschleiert wird, sind im Falle APA\u00a0<span class=\"Apple-style-span\">die Leute, die die Hilfsg\u00fcter einstecken identisch mit denen, die sie bezahlen k\u00f6nnten und m\u00fcssten<\/span>.<\/p>\n<p>Haby Dembele ist nicht nur Goldminenbesitzerin, und hat mir, als ich ein Haus suchte, drei Grundst\u00fccke in diesem Viertel und Hippodrome II angeboten, sondern sie geh\u00f6rt vor allem einer Familie an, die den Schulausbau in ihrem Heimatdorf, den APA mit 100 000 Euro (75 % davon der deutsche Steuerzahler) finanzieren m\u00f6chte, aus der Portokasse zahlen k\u00f6nnte, ihr Schwager war sogar Minister (sein Sohn f\u00e4hrt im weissen Mercedes vor &#8211; als ich das zum ersten Mal sah, fing ich an, genauer hinter die Kulissen zu gucken), ihr Bruder ist Steuereintreiber, was, zusammen mit Z\u00f6llner, der beliebteste Beruf ist, denn diese Leute kassieren h\u00f6chstpers\u00f6nlich einen Grossteil desssen, was eigentlich der Staat bekommen m\u00fcsste, als Schweigegeld.<br \/>\nWarum soll diese Familie die Schule im Heimatdorf zahlen, wenn die Deutschen so bl\u00f6d sind, es f\u00fcr sie zu tun?<\/p>\n<p>Dr. Seydou Segoule, der APA beratende Arzt, hat mich x mal gebeten, ihm Firmen in Deutschland zu nennen, bei denen er gebrauchte Ultraschallger\u00e4te kaufen k\u00f6nne, er k\u00f6nne sie bezahlen (was ich ihm glaube, er hat ein Haus, Autos, M\u00e4tressen und Orangenplantagen) \u2013 ich konnte ihm nicht helfen, aber nachdem ich zu der \u00c4rztegeschichte gekommen bin wie die Jungfrau zum\u00a0 Kind, hat er nun ein Ultraschallger\u00e4t umsonst bekommen:<br \/>\nWieso soll er es dann selbst bezahlen?<\/p>\n<p>b- Was den Fall APA allerdings zum politisch-moralischen Skandal macht, ist die Weigerung, mit Organisationen zusammenzuarbeiten, die diese korrupte Struktur durchbrechen.<\/p>\n<p>Schon bei seinem ersten Besuch wurde Dr. Querfurt eine der 150 in Mali arbeitenden cubanischen \u00c4rzte und \u00c4rztinnen vorgestellt. Er selbst schreibt in seinem Bericht, dass ich sagte: \u201eda haben wir das missing link\u201c, denn wer besser k\u00f6nnte ihn \u00fcber die medizinischen Verh\u00e4ltnisse in Mali aufkl\u00e4ren als diese \u00c4rzte, deren Vertreterin schon bei diesem Gespr\u00e4ch sagte, das f\u00fcr sie Unfassbarste sei, dass die Menschen, die nicht bezahlen k\u00f6nnten, sterben gelassen werden.<\/p>\n<p>Beim zweiten Besuch wurden ihm und seiner Frau die \u201eaction sante\u201c , die mit \u00fcber 20 Mann und Frau anmarschiert kam und seit 10 Jahren konstenlose Krankenberatung, Aufkl\u00e4rung im Radio und in Stadtviertelversammlungen, comedy sketche, Organisation der Verteilung von kostenlosen Medikamenten, Kleidersammlungen, eine j\u00e4hrliche Aktionswoche gegen Beschneidung in ganz Bamako und vieles anderes macht: was will man eigentlich noch besseres, verifizierteres, bereits bestehendes als Partner? Querfurt lehnte u.a. ab, weil jedes Jahr der Vorsitz wechselt und so angeblich keine kontinuierliche Zusammenarbeit m\u00f6glich sei: dieser Wechsel ist eine der zentralen Massnahmen gegen Korruption, und die Gruppe macht noch ganz andere kontinuierliche Arbeit als die Entgegennahme von ab und zu einem Container. Ich habe einen Film \u00fcber diese Gruppe gemacht und nach Deutschland gesandt, ich habe Dokumente geschickt \u00fcber Aktivit\u00e4ten, ich habe f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch Januar 2009 in Bamako gesorgt, bei dem Querfurt auf dreimalige Nachfrage erkl\u00e4rte, dass ihn andere Aktivit\u00e4ten oder Gruppen in Mali \u201enicht interessieren\u201c.<\/p>\n<p>In dem o.g. Film ist auch eine Szene im Medikamentenlager der \u201emedicins d&#8217;espoir\u201c, die mit der \u201eaction sante\u201c\u00a0 und den cubanischen \u00c4rzten zusammenarbeitet, zu sehen, der Initiator Dr. Oumar Marico und die Er\u00f6ffnung der 12. Krankenstation, speziell f\u00fcr Mutter und Kind, die diese Vereinigung in diesem Land mit einer h\u00f6chsten Kindersterblichkeitsraten der Welt aufgebaut hat \u2013 ebenfalls in Anwesenheit von cubanischen \u00c4rzten \u2013 was will Querfurt eigentlich in Cuba, wenn ihn die Arbeit der Cubaner in der Welt \u201enicht interessiert\u201c?<\/p>\n<p>Es ist schlimm genug, wenn Reiche reicher werden im Namen der Armen, weil es sonst keine Alternative gibt \u2013 wenn aber welche der wenigen und schwer genug zu findenden Alternativen explizit ausgeschlagen werden, wenn also die Korruption gef\u00f6rdert wird, obwohl es es nachgewiesenermassen antikorrupte Initiativen gibt, dann ist das politisch, moralisch und medizinisch nicht mehr hinnehmbar.<\/p>\n<h2>3. Die Haltung.<\/h2>\n<p>Auch ich wurde, als ich nach Mali kam, in diesen Sog, dass \u201eman\u201c hier \u201ewas machen\u201c muss hineingezogen, liess mich hineinziehen, obwohl ich ja eigentlich nur kam, um ihn Ruhe meinen Roman zu schreiben. Ich erfand als erstes ein Plastikbeseitigungsspiel f\u00fcr Kinder, liess mich dann auf das Vollkornbrotprojekt ein, obwohl ich urspr\u00fcnglich die Idee hatte, eine B\u00e4ckerei zu suchen, auf was es am Ende dann herauslief, und obwohl mir dabei schon einiges aufgegangen war, machte ich mit den deutschen \u00c4rzten zun\u00e4chst wieder den gleichen Fehler: obwohl ich keine Ahnung hatte, was gebraucht wird und was los ist, als Nicht Arzt doppelt und dreifach (das Vollkornbrot wird ja wenigstens gebraucht und immer mehr gewollt), half ich, etwas von aussen zu oktroyieren und zu diktieren, anstatt zu gucken, was vorhanden ist und das zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Diese Haltung ist ubiquit\u00e4r und unentrinnbar: man kommt hierher, schaut sich \u00c4rmel hochkrempelnd um und fragt: \u201ewas kann ich tun?\u201c<br \/>\nUnd darf sich, bescheinigt vom Rest der Welt, noch einbilden, man sei der gute Mensch von Sezuan.<br \/>\nSo geht\u2019s aber nicht.<br \/>\nDiese Haltung hilft den Falschen, verl\u00e4ngert das Elend, verhindert Entwicklung.<\/p>\n<p>Und ob man das in Kauf nimmt, um eine akute Not zu lindern, was ja ein Rechtfertigungsgrund w\u00e4re, kann wirklich nur jeder f\u00fcr sich selbst entscheiden, da gibt es keinen K\u00f6nigsweg. Ich pers\u00f6nlich mache keine und unterst\u00fctze keine Projekte mehr, die von aussen kommen.<\/p>\n<p>Als mein Freund Ebby hier war, brachte er zum Beispiel B\u00e4ckern hier Sauerteigherstellung bei, so einfach, kein Projekt, nix, aber grosse Wirkung.<br \/>\nDa ich Schauspieler und Autor bin, spiele ich bei einer vorhandenen Theatergruppe mit, die engagiertes Theater macht, eher so wie bei uns in den sechzigern und siebzigern. Ich habe bereits einen Ladenbesitzer in einem St\u00fcck \u00fcber Kindererziehung gespielt, wir entwickeln gerade mit einer Trommelgruppe zusammen ein neues St\u00fcck gegen Beschneidung, wozu ich auf Bitten der anderen und nach Absprache einen programmatischen Text schrieb, ein St\u00fcck \u00fcber Verkehrserziehung ist in Arbeit, bei dem ich einen Verkehrsbullen mit Trillerpfeife spielen soll, der verzweifelt gegen das Chaos k\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Ich sehe das auch im \u00fcbertragenen Sinne als die einzige M\u00f6glichkeit, egal auf welchem Gebiet:<br \/>\nnicht initiieren, diktieren, vorgeben, einf\u00fchren, und dann\u00a0 auch noch bezahlen, sondern:<br \/>\nmit-spielen, sich einklinken, in was Vorhandenes was dazugeben, seine Erfahrung, Wissen oder K\u00f6nnen einbringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>APA \u2013 Aktion Pro Afrika: Erkl\u00e4rung zur n\u00e4heren Erl\u00e4uterung&#8230; 1. abstrakt: Je l\u00e4nger ich hier lebe, desto krasser f\u00e4llt mir der Widerspruch zwischen arm und reich auf, bzw. genauer gesagt: desto mehr f\u00e4llt mir der immer un\u00fcbersehbarere Reichtum mehr als nur einer kleinen Oberschicht auf. 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