{"id":181,"date":"2007-01-05T20:24:20","date_gmt":"2007-01-05T18:24:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/?p=181"},"modified":"2016-05-28T11:11:34","modified_gmt":"2016-05-28T09:11:34","slug":"wahrheit-an-weihnachten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/wahrheit-an-weihnachten\/","title":{"rendered":"Wahrheit an Weihnachten"},"content":{"rendered":"<h1>Wahrheit an Weihnachten<\/h1>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-220\" title=\"12_amis_blaehbauch\" src=\"http:\/\/blog.christofwackernagel.de\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/12_amis_blaehbauch-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"75\" height=\"75\" \/>Weihnachten mit Madou, Assa und ihrer Tochter Ami, die Assa bekam, als sie 16 war, der Vater\u00a0 hatte sich aus dem Staub gemacht, bevor das Kind auf die Welt kam. Assa Niar\u00e9 ist Analphabetin\u00a0 und spricht kaum Franz\u00f6sisch, ihre vierj\u00e4hrige Tochter Aminata geht, seit Assa Arbeit hat, in einen Kindergarten, in dem ihr erste Schritte zum Lesen und Schreiben beigebracht werden. Im muslimischen Mali ist Weihnachten ein offizieller Feiertag, Assa erschien in sch\u00f6nster Robe, geschminkt bis unter die Sch\u00e4deldecke, auch Ami war herausgeputzt<br \/>\n\u2013 ausgerechnet mit einem t-shirt, auf dem \u00bbI am Daddys Darling\u00ab, was Assa nicht lesen konnte, und was \u00fcbersetzt, ihr wenig Freude machte -, der Tisch zur Feier des Tages europ\u00e4isch gedeckt, es gab Fleisch, Bohnen und Kartoffelsalat, mit dem ein wenig von der europ\u00e4ischen Kultur vermittelt werden sollte.<img decoding=\"async\" class=\"mceWPmore mceItemNoResize\" title=\"Weiterlesen...\" src=\"http:\/\/blog.christofwackernagel.de\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/wordpress\/img\/trans.gif\" alt=\"\" \/>Ami stocherte darin herum, aber, wie ihre Mutter sagte, nicht, weil sie Kartoffelsalat nicht kenne, sondern weil sie nie viel esse. Daf\u00fcr habe sie aber einen ganz sch\u00f6n dicken Bauch, sagte Madou Coulibaly lachend \u2013 und in der Tat: eigentlich ist sie ja eher mager, wieso dieser Bauch? Eine d\u00fcstere Ahnung stieg in\u00a0 dem seit Jahrzehnten von den Bildern schwarzer Kinder mit Hungerb\u00e4uchen zu so heftigem wie erfolglosen politischen Engagement angetriebenen und nun in Afrika gestrandeten Weissen auf: sitzt hier etwa ein solches Kind an Deinem Tisch? Ausgerechnet an Weihnachten? Hast Du hier pl\u00f6tzlich zum Greifen nah, konkret, was bisher immer das abstrakte Movens einer abstrakten Verzweiflung war?\u00a0 Verlegen l\u00e4chelnd zog Aminata ihr T-shirt hoch und es erschien\u00a0 ein praller, straff gespannter Bauch, so eindeutig kein Wohlstandsb\u00e4uchlein, dass nur\u00a0 noch der Freund und Nachbar Dr. Seydou Sougoul\u00e9 weiterhelfen konnte.<\/p>\n<p>Und eine weitere Frage dr\u00e4ngte sich auf: wieso brauche drei Jahre, um an die Realit\u00e4t heranzukommen, wegen der ich hierhergekommen bin? Ami ist eines von Millionen Kindern in Afrika, von denen tausende t\u00e4glich daran sterben, eines von tausenden in Bamako eines von hunderten im Stadtteil Hippodrome: und ich habe nichts davon gemerkt? !<br \/>\nMit wem hatte ich bisher vor allem zu tun? Vor allem mit Familien, Clans, die eifers\u00fcchtig darauf achteten, dass ich keinen zu intensiven Kontakt mit anderen bekam. Alle anderen seien schlecht, die Schwarzen als solche sowieso ganz schlimm, Betr\u00fcger, L\u00fcgner, Verr\u00e4ter \u2013 und die dies gesagt hatten, erwiesen sich oft bald darauf genau als solche. Warum hatten sie immer betont, ich brauche die Landessprache Bamananko nicht zu lernen, sie vermittelten mir schon alles notwendige? Im Gegensatz zu Madou Coulibaly, der mir in aller Freundschaft sagte, dass wenn ich es nicht bald lernte, ich eben kein Interesse habe\u2026 Was f\u00fcr Leute waren das? Es waren\u00a0 Menschen, die franz\u00f6sisch konnten, eventuell sogar studiert hatten, gebildet oder halbgebildet waren, intellektuell oder\u00a0 pseudointellektuell, und die genau wussten, welche Kn\u00f6pfe sie bei den Weissen zu dr\u00fccken hatten, um Betroffenheit und Spendenbereitschaft auszul\u00f6sen \u2013 und das Ergebnis davon zu kassieren.<br \/>\nIch wurde abgeschottet und merkte es nicht. Ich wunderte mich, auf Lebensumst\u00e4nde zu treffen, die so verzweiflungsw\u00fcrdig nun auch nicht waren, dachte: \u00bballes halb so wild\u00ab. Ich wunderte mich \u00fcber die hektischen Warnungen, mit gewissen Leuten keinen Kontakt aufzunehmen, Analphabetinnen mit Prostituierten gleichzusetzen und Diebinnen, aber ich ging dem, zun\u00e4chst, nicht gr\u00fcndlich genug nach, hielt es f\u00fcr gew\u00f6hnliche Eifersucht, merkte nicht, dass es Strategie ist, deren Wurzeln bis in die Kolonisierung zur\u00fcckreichen und die Resultat einer postkolonialen Struktur ist, in der das Verh\u00e4ltnis zwischen schwarz und weiss komplett zerst\u00f6rt ist, weil es auf ein einseitiges Geben und Nehmen reduziert ist bzw. die sogenannten Hilfsorganisationen die verbrecherische globale Ausbeutung der rohstoffreichen L\u00e4nder mildern und kaschieren, vor allem, in dem sie auf dem Weg \u00fcber einheimische Mittelsleute den Deckel auf dem Kochtopf halten.<br \/>\nRechtsanwalt Alassanne Diop zum Beispiel, mit dem ich glaubte ein B\u00e4ckereiprojekt gemacht zu haben, mit dem nahrhafteres Brot eingef\u00fchrt werden sollte, damit die Kinder l\u00e4nger satt bleiben, sagte sp\u00e4ter, nachdem seine Schwester Fafa, die insgesamt 6 Monate in der Brotbackkunst ausgebildet worden war, nach Frankreich abgehauen war, 3 tausend Euro Spendegelder mitgenommen hatte und dort einen Mann\u00a0 sucht, w\u00e4hrend ihr Bruder Kaou, der ausgebildet worden war, die Maschinen zu betreuen, neben den Backmaschinen sitzt und D\u00e4umchen dreht, weil er kein\u00a0 Brot damit backen kann &#8211; Diop sagte neulich mit treuem Augenaufschlag: \u00bbWie? Es ging doch immer nur darum, eine Besch\u00e4ftigung f\u00fcr meinen Bruder zu finden!\u00ab<br \/>\nWarum verl\u00e4uft die ganze \u00bbEntwicklungszusammenarbeit\u00ab genannte Entwicklungshilfe fast v\u00f6llig im Sande? Weil sie von den einheimischen Kollaborateuren abgegriffen wird, die sie in ihre eigene Tasche stecken. Wobei sie auch nur nachmachen, was ihnen vorgemacht wird: Wer sieht, wie die Mitglieder der sogenannten Hilfsorganisationen sonnenbrillenbewehrt in funkelnagelneuen Vierradantrieb Jeeps aus ihren von Stacheldrahtz\u00e4unen eingeschlossenen Villen mit Swimming Pool gleiten, w\u00e4hrend die schwarzen W\u00e4chter das Garagentor schliessen, und wer weiss, was f\u00fcr Geh\u00e4lter sie einstreichen, dass sie keine Miete und keine Steuern zahlen m\u00fcssen, daf\u00fcr Auslandsentsch\u00e4digung bekommen und R\u00fcckkehrsicherung nach ihren zwei bis vier Jahren Hilfsarbeit, wer weiss, dass 60 Prozent der Entwicklungshilfemillionen in diese Struktur gepumpt werden, deren Selbstverwaltung, Selbstdarstellung und \u2013rechtfertigung, der kann verstehen, dass der schwarze Dr. X, in Frankreich oder Deutschland ausgebildet, hier kaum eine andere Chance auf Arbeit habend, sich sagt: \u00bbwieso soll ich das eigentlich nicht genauso machen?\u00ab Oder mit anderen Worten: wenn die Weissen so bl\u00f6d sind, das mitzumachen, geht mich das doch nichts an. Oder mit den Worten eines pensionierten \u00d6lmultichefs und Aktion\u00e4rs der bank of Africa, Gatten zweier Ehefrauen und Vater von vier Kindern, die in\u00a0 den USA und Frankreich studieren: \u00bbIn Europa gibt es eben Philanthropen \u2013 so etwas gibt es in Afrika nicht\u00ab. Was er nicht einmal zynisch meint, oder sp\u00f6ttisch, eher nachdenklich; schliesslich zieht er selbst soundsoviele Verwandte der Familien seiner beiden Frauen\u00a0 in seinem Haushalt mit durch, zahlt deren Krankenhausaufenthalte, teilweise deren Ausbildung etc \u2013 wie es das hiesige Sozialsystem, das kein staatliches ist, eben verlangt.<br \/>\nElend geht einen hier nur an, wenn es in der eigenen Familie vorkommt (wobei der Begriff Familie sehr weit gefasst ist) \u2013 eine Hungersnot im Dogonland haben\u00a0 gef\u00e4lligst die Franzosen, Schweden oder Canadier mit Luftbr\u00fccken zu lindern, nicht die Malier.<br \/>\nDas neueste BMW-Modell kenne ich freilich von einem Nachbarn ein paar H\u00e4user weiter, ich habe selten so viele neue Jaguar X Modelle gesehen, und die Mercedes Vertretung in Bamako reicht dicke an die in Stuttgart heran: es gibt hier f\u00fcr unsere Begriffe unvorstellbaren Reichtum, aber es gibt nur an den Fingern einer Hand abzuz\u00e4hlende Ausnahmen \u2013 meist ernsthafte Muslime, die ihre Religion w\u00f6rtlich nehmen -, die diesen Reichtum auch weitergeben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-219\" title=\"11a_deutsch-afrikanische_weihnachtsfeier\" src=\"http:\/\/blog.christofwackernagel.de\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/11a_deutsch-afrikanische_weihnachtsfeier-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-220\" title=\"12_amis_blaehbauch\" src=\"http:\/\/blog.christofwackernagel.de\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/12_amis_blaehbauch-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahrheit an Weihnachten Weihnachten mit Madou, Assa und ihrer Tochter Ami, die Assa bekam, als sie 16 war, der Vater\u00a0 hatte sich aus dem Staub gemacht, bevor das Kind auf die Welt kam. Assa Niar\u00e9 ist Analphabetin\u00a0 und spricht kaum Franz\u00f6sisch, ihre vierj\u00e4hrige Tochter Aminata geht, seit Assa Arbeit hat, in einen Kindergarten, in dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,4],"tags":[],"class_list":["post-181","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afrika","category-teil-1"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/181","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=181"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/181\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":248,"href":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/181\/revisions\/248"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=181"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=181"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=181"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}