{"id":201,"date":"2010-02-18T21:39:43","date_gmt":"2010-02-18T19:39:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/?p=201"},"modified":"2016-05-27T21:41:00","modified_gmt":"2016-05-27T19:41:00","slug":"brief-von-fabian-grieger-14-jahre-an-christof","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.christofwackernagel.de\/aktuelles\/brief-von-fabian-grieger-14-jahre-an-christof\/","title":{"rendered":"Brief von Fabian Grieger, 14 Jahre,  an Christof"},"content":{"rendered":"<h1>Brief von Fabian Grieger, 14 Jahre, an Christof<\/h1>\n<h2>Lieber Christof,<\/h2>\n<p>Hier schreibe ich dir mal eine Mail. Wie du sicher wei\u00dft waren wir ja in Indien und was mich dort besonders beeindruckt hat ist die Lebensfreude, die die Menschen dort, trotz der vielen Armut, pr\u00e4gt. Man k\u00f6nnte vielleicht sogar sagen, dass diese Lebensfreude in den unteren Gesellschaftsschichten deutlicher oder st\u00e4rker vorhanden ist, als in den oberen Schichten. Daran, dass diese unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in Indien bestehen, besteht wohl kein Zweifel, auch wenn diese auf Grund der angesprochenen Lebensfreude auf der Stra\u00dfe kaum zu erkennen sind. Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich der Lebensstandard an Materiellem festmachen, doch nicht an der nach Au\u00dfen dringenden Gl\u00fccklichkeit, was bei mir die Frage nach sich zieht, ob solch eine materielle wohlhabende Welt, wie ich sie kenne, \u00fcberhaupt erstrebenswert ist. Doch das Streben nach ihr besteht zweifelsohne und das l\u00e4sst sich \u00fcberall erkennen. F\u00fcr mich allerdings auch bei den Bettlern, das mag paradox klingen, aber so habe ich es teilweise auch empfunden.<img decoding=\"async\" class=\"mceWPmore mceItemNoResize\" title=\"Weiterlesen...\" src=\"http:\/\/blog.christofwackernagel.de\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/wordpress\/img\/trans.gif\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Und zwar entdeckte ich inmitten der vielen fr\u00f6hlichen Gesichter, die von Traurigkeit gepr\u00e4gten und nach Mitleid \u00e4chzenden Bettler. Ich schaute die arme Frau mit dem hungernden Kind auf dem Arm an und bekomme Mitleid. Das Bed\u00fcrfnis des Gebens kommt auf und fast schon nach Gewohnheit kramt Karlheinz nach einer M\u00fcnze oder einem kleinen Schein, was ich als Erwachsener sicher auch getan h\u00e4tte. Das ist menschlich, doch mein Gehirn sagt \u201estopp\u201c, so hart das auch klingt. Denn hat diese Bettlerin nicht genau die gleichen Voraussetzungen wie der Schneider an der Ecke, der f\u00fcr das Umn\u00e4hen von Franziskas Jacke gerade einmal 15 Rupien (ca. 20 Cent) verlangt? Der Schneider l\u00e4chelt, wirkt gl\u00fccklich mit seinem bescheidenen Leben und seiner sinnvollen T\u00e4tigkeit f\u00fcr die Gesellschaft. Und die Bettlerin? L\u00e4sst sich auf das Niedrigste menschliche Niveau herab, versucht sich unter die Anderen zu stellen und macht sich selbst zu dem was sie ist, f\u00fcr Geld!<\/p>\n<p>Oft habe ich beobachtet, dass sich Leute \u00fcber eine Mandarine mehr gefreut haben, als \u00fcber Geld. Doch gibt man der armen Frau 15 Rupien (wie dem Schneider, l\u00e4sst sie nicht locker und will mehr, getrieben von dem Wunsch nach Wohlstand und mehr, getrieben von dem Gedanken so viel haben zu wollen wie der Spender. Ich glaube, dass jeder Mensch etwas tun kann und F\u00e4higkeiten hat, dass jeder etwas f\u00fcr die Gesellschaft tun kann und jemand nicht daf\u00fcr entlohnt werden sollte, dass er sich unter Andere stellt. Mit der Phrase \u201eetwas f\u00fcr die Gesellschaft tun\u201c meine ich nicht nur arbeiten und schon gar nicht Geld verdienen, sondern auch z.B. das Einsetzen f\u00fcr die Rechte der Armen (wie es Bettler zweifelsohne sind) und aktiv etwas daf\u00fcr zu tun, dass die Dinge sich \u00e4ndern. In welchen Dimensionen das geschieht, spielt keine Rolle. Was macht ein die Ungerechtigkeit akzeptierender Bettler f\u00fcr die Gesellschaft? \u00dcbrigens glaube ich nicht, dass ein politisches System das Betteln (besonders das moralische) durch Bek\u00e4mpfung der Armut abschaffen kann, dazu gleich ein Beispiel, wir befinden uns \u00fcbrigens im kommunistischen Bundesstaat Kerala.<\/p>\n<p>Heute haben wir eine Wanderung mit einem Guide gemacht, den wir von dem Preis 600 Rupien pro Person auf 200 herunterhandeln mussten (200 war immer noch ein sehr hoher Preis, den ein anderer Guide angegeben hatte). Dieser f\u00fchrte uns zu einer H\u00fctte der Ureinwohner Toda, die offensichtlich Touristen (es ist grausam der reiche angeblich bessere Wei\u00dfe zu sein) gewohnt waren. Schnell f\u00fchrte uns eine kleine \u00fcberfreundliche alte Frau in ihre Holzh\u00fctte und k\u00fcsste Ute und Franziska die Hand. Dann nach unnat\u00fcrlichem Smalltalk, mussten wir ihre traditionelle Kleidung und eine Kette anprobieren und fotografieren lassen. Schlie\u00dflich erkl\u00e4rte sie uns, dass ihr Mann vor 10 Jahren gestorben war und zeigte uns ein Bild von ihm. Direkt darauf wollte sie uns sowohl Kleidung als auch Kette schenken, letzteres war einfach nicht zu verhindern. Nun f\u00fchrte sie uns hinaus, weitere unehrliche Liebkosungen und H\u00e4ndehalten erfolgten bis sie schlie\u00dflich erkl\u00e4rte ins Krankenhaus zu m\u00fcssen und um Begleitung bat, darauf bettelte auch sie um Geld. Nun stand da die arme alte Ureinwohnerin, die auf Grund ihres verstorbenen Mannes ganz alleine war und schenkte den reichen Europ\u00e4ern etwas. Karlheinz gab ihr 50 Rupien, sie wollte mehr. Bettelte weiter und weiter und hielt Karlheinz fest, er gab ihr weitere 100 Rupien. Sie wollte mehr, der Guide beobachtete alles erstaunt doch es war schwer der alten Frau zu entfliehen. Sp\u00e4ter bezahlten wir den Guide, 800 Rupien. Flehend sah er uns an, wohlwissend um den Erfolg der alten Frau und wollte 50 Rupien mehr. Er bekam 20 und der Guide besa\u00df ein Haus und sein Sohn studierte. Nur zur Erinnerung, der Schneider erhielt ehrliche 15 Rupien und bat nicht um Trinkgeld. Ich glaube kaum, dass die Frau und der Guide an Essen und \u00dcberleben dachten, nein es war diese Gierigkeit, entstanden aus dem Bed\u00fcrfnis nach dem Reichtum der Wei\u00dfen. Und dieses kann kein System \u00e4ndern und so bin ich zu der \u00dcberzeugung gekommen, dass ein politisches System nur die gleichen Voraussetzungen und Grundlagen f\u00fcr jeden Menschen garantieren kann. Ungleichheit wird immer bleiben, was in der Natur des Menschen liegt, da er unterschiedliche F\u00e4higkeiten hat. Und ein Verbessern der Voraussetzungen w\u00fcrde gleichzeitig die M\u00f6glichkeit schaffen, mehr f\u00fcr die Gesellschaft zu tun, wie zum Beispiel beim Grundeinkommen. Doch auch dieses wird das Betteln nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen, da es dieses moralische Betteln ist, selbst von \u201eReichen\u201c und eine echte Gefahr f\u00fcr die Lebensfreude der Menschen hier darstellt. So wird auch eine Verbesserung der Grundstandards das \u00c4chzen nach mehr nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen, da es immer Ungleichheit geben wird. So glaube ich, dass die arme Welt ohne die Westliche oder die Oberschichten keine Arme mehr w\u00e4re und gl\u00fccklicher w\u00e4re als die luxuri\u00f6sere. Denn diese Lebensfreude gr\u00fcndet sich, glaube ich, auf das Freuen \u00fcber die kleinen Dinge (Mandarine, Freundlichkeit), das so in Europas Mittelschicht und Oberklasse nicht vorhanden ist.<\/p>\n<p>Wie ist es in Mali und welchen Umgang pflegst du mit Bettlern?<\/p>\n<p>Ich hoffe du findest Zeit die Mail zu lesen und zu antworten,<br \/>\nviele Gr\u00fc\u00dfe,<br \/>\nFabian.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brief von Fabian Grieger, 14 Jahre, an Christof Lieber Christof, Hier schreibe ich dir mal eine Mail. Wie du sicher wei\u00dft waren wir ja in Indien und was mich dort besonders beeindruckt hat ist die Lebensfreude, die die Menschen dort, trotz der vielen Armut, pr\u00e4gt. 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