Seite 20 / Süddeutsche Zeitung Nr. 138          MÜNCHNER KULTUR


STATIONEN EINER MERKWÜRDIGEN KARRIERE: Christof Wackernagel als "Benno " in Tätowierung (l 967; Bild links), heute als Maler kleiner Briefmarkenbilder
(Mitte) und 1977 als gesuchter RAF-Terrorist auf dem polizeilichen Fahndungsphoto. Photos: Catherina Hess, SZ-Archiv/AP, ZDF

Schlupflöcher aus der Wirklichkeit
Warum der Schauspieler und Ex-Terrorist Christof Wackernagel heute Bilder in Briefmarkengröße malt

 

Die winzige Spinne krabbelt den Grashalm empor - auf dem handtuchgroßen Rasen im Gefängnishof beäugt er sie aus der Nähe. Beim Hofgang hat sich Christof Wackernagel ins Gras gelegt, um eine Zigarette zu rauchen. "Ich hab mir vorgestellt, ich wäre sie. Aus dem Halm wurde ein Baum, ein 20 Meter hoher Urwaldriese. Mir ist ganz schwindlig geworden, als sie auf den nächsten Baum sprang, um ihr Netz zu spinnen." Er lächelt wie ein Kobold und zappelt herum. "Das war nämlich ich, der da von Urwaldwipfel zu Urwaldwipfel sprang." Die Größe im Kleinen entdecken - "eine klare Knastreaktion". Miniaturen wie Döschen, Puppenhaus-Sofas und Würfel, deren Augen man mit der Lupe zählen muß, haben es ihm von jeher angetan. "Doch so eine Vorliebe wird gigantisch verstärkt im Gefängnis. Gehst du in die Kleine, hast du viel mehr Platz ", sagt der 48jährige und pusselt an der bestickten Indienjacke herum. Nach zehn Jahren Isolationshaft wegen versuchten Mordes und Mitgliedschaft bei der Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF) kann er kaum stillsitzen. Lieber fegt er als Derwisch mit wehendem Schal durch die Ausstellung im Landesvermessungsamt, um seine "Briefmarkensammlung" zuzeigen: Mini-Formate mit knallbunt verschlungenen Ornamenten in Acryl, wie von einem Insektenrüssel gemalt. Schlupflöcher aus der Einzelzelle. Erst sind es nur Aphorismen und Kurzgeschichten, 3000 schreibt er in der Haft. Nadja ist 1986 das literarische Debüt. Doch nach dem ersten Jahr überfällt den damals 27jährigen dieser "riesige Farbenhunger, und der läßt komischerweise auch zehn Jahre nach der Entlassung nicht nach. Ich träumte in ganz intensiven Farben." Aus dem Nichts fängt er an zu malen, reißt - Papier ist knapp - die Ränder von Briefmarkenbögen. Davon gibt es Nachschub - hat er doch 60 Briefpartner, darunter ein paar Pfarrer, die den radikalen Idealisten bekehren wollen. Bleistiftkonturen malt er mit immer feineren Pinseln aus. "Weil mich Hieroglyphen, Maja- und Keilschriften faszinieren, hab ich eine eigene Schrift kreiert. Ich erzähle Geschichten mit diesen Bildchen." Wie kleine Wurfsterne sollen sie "den Mantel der Lähmung, der um die Phantasie gehüllt ist", zerfetzen. "Kostbare javanische Unterhautgeschwüre" nennt sie der Dichter Günter Herburger, "die bald hervorbrechen und gar nicht mehr bunt und kindlich sein werden." Letzteres befürchten auch die Bewacher des Hochsicherheits-Gefangenen: "Geheimschrift!" argwöhnen sie, verbieten ihm, die Marken zu verschicken. "Daraufhin habe ich wie wild produziert." Oft sitzt er vier Monate an einem Bild, verbeißt sich in einem Zeichen. Eine Leinwand ängstigt ihn: "Groß, dick, ohne Grenzen?" Fragend breitet er die Arme aus. "Ich brauche eine Form, die ich ausmalen kann wie ein Kind." Das Kind darf früh machen, was es will. Am Münchner Maximilian-Gymnasium wird der Sproß des Intendanten Peter und der Schauspielerin Erika Wackernagel für den Film entdeckt. 1967 - da ist er 15 - spielt er die Hauptrolle in Johannes Schaafs vielgerühmter Tätowierung. "Ein gewinnendes Bild von Jugend" attestiert die Presse. Daß er im Film den Pflegevater erschießt, erscheint manchen später als böses Omen. Journalisten diktiert der Jungstar in die Feder: "Wenn ich etwas ändern könnte, dann würde ich so etwas wie Menschenführung einführen, daß die Leute sich besser verstehen. "Filmgagen für das Kollektiv Er spielt in Engelchen mit Gila von Weitershausen und in Der Bettenstudent mit Hannelore Eisner. Den Kopf hat er woanders. Schmeißt die Schule, spielt in diversen Bands, rutscht in die Drogenszene, schließt sich nach Entziehungskuren einer Stuttgarter Kommune an und gründet mit Schulfreunden die alternative Druckerei "Fantasia". Filmgagen investiert er ins Kollektiv.   Bald lernt er den RAF-Anwalt Klaus Croissant kennen, nimmt als sein "Tonbandtechniker" am Baader/Meinhof-Prozeß teil. Von Mitte '77 an ist er für alte Freunde und die Eltern nicht mehr erreichbar. "Ich war überhaupt nur zwei Monate lang RAF-Mann, aber weil ich so ein bekannter Schauspieler war, wurde ich der berühmteste", erregt er sich. "Nach zehn Jahren Knast war ich dann der Ex-Terrorist. Heute kann ich dankbar sein für irgendeinen Serienscheiß." Er zerrt an seinem Schal. Kurz vor dem Abtauchen hat er die Hauptrolle in Alan Parkers Midnight Express abgelehnt: "Das war die Entscheidung: RAF oder Hollywood." Seit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer am 5. September 77 hängt sein Fahndungsphoto an den Litfaßsäulen. Am 11. November findet ihn die holländische Polizei: Mit Gert Schneider steht er nachts in einer Telephonzelle am Amsterdamer Stadtrand, es kommt zur Schießerei, Schneider zündet eine Eierhandgranate. Drei Polizisten werden leicht verletzt, mit schweren Verletzungen werden Wakkernagel und Schneider festgenommen. 15 Jahre Haft für den 26jährigen. "Das verkaufe ich nie", sagt Christof und blickt auf das postkartengroße Gefängnisbild "Die Königskinder". "Mit Trick 17 kam ich über die Zeit: einem so vollen Tagesprogramm, daß ich ständig unter Zeitdruck war. Wir waren die zweite Generation und wußten, wie man überlebt. Nach Trotzkis Motto: Knast als Universität." Ovid, Adorno, zurück zu Karl Marx, Band eins. Von 40 Karl-Kraus- Bänden Die Fackel ackert er die Hälfte durch. Die zerfledderten Bücher stehen heute in der Bochumer Wohnung, in der er mit seiner Frau Renate lebt. Sie traf er beim Prozeß: Als Anwaltsgehilfin stenographierte sie die Verhandlung mit. Nach drei Jahren darf er mit Schneider auf Hofgang, unablässig kauen sie Theorien durch. "Die Gefängnis-Zeit begreift man als Teil der Sache, die weiter geht. Schlimm wird's, wenn die Ideologie weg ist." Im Mai '84 sagen sie sich von der RAF los. Zitat aus der taz: "Irgendwann hat man die Nase voll von dem unerträglich unsäglichen Schwachsinn von Leuten, die auch heute noch behaupten, damit die Revolution zu machen." Im November '87 die vorzeitige Entlassung. "Ex-Terrorist bei Praxis Bülowbogen", titelt Bild genüßlich, als er wieder einsteigt. "Heute kennen mich Jüngere als den Terroristen aus Männerpension oder den schwäbischen Professor aus Katrin ist die Beste, oder?" Er streicht sich über den licht gewordenen Schopf. Zuletzt gab er im Tatort den fiesen Vorsitzenden des Jagdvereins. Die Bilder bleiben klein. "Mein Protest in einer Zeit, in der man von Informationen erschlagen wird." Insbesondere Kinder können seine Zeichen lesen und Araber, "die sind viel ornamentaler geprägt". Und Günter Nagel, Präsident des Landesvermessungsamtes. Christof eilt zum Bild "Was der Hund sagte, als er den Mond anbellte", eine Briefmarke auf schwarzem Passepartout. Zur Vernissage hat ihm Nagel in gleicher Aufmachung ein Satellitenphoto von München und Umgebung verehrt. Titel: "Was der Mond sah, als der Hund bellte." Vor Entzücken springt er auf und ab. "Man sieht Ammersee und Starnberger See als winzige Flecken. Daß sich jemand in meine Bilder so einfühlen kann!" (Christof Wakkernagels Bilder sind noch bis zum 27. Juli im Bayerischen Landesvermessungsamt, Alexandrastraße 4, zu sehen).
ANDREA SURKUS