Archiv für den Monat: Mai 2010

Gefrorenes Wasser: »Glassi«

Gefrorenes Wasser: »Glassi«

Die meisten Leute in unserem Viertel haben keinen Kühlschrank. Wenn es heiss wird, sind auch für die hartgesottensten Afrikaner 40 bis 45 Grad kein Vergnügen mehr, und man lechzt nach Erfrischung wie jeder Europäer auch. Hat man keinen Kühlschrank, ist das an der Wasserstelle aus dem Wasserhahn kommende oder vom Wassermann »Dschi-Tigi“« gelieferte Wasser im besten Falle lauwarm, meist sogar warm; lässt man einen Eimer aus Versehen in der Sonne stehen, wird das Wasser so heiss, dass man sich die Finger daran verbrennt.

Das einzige, was da noch hilft, sind Eiswürfel oder irgendwelche Eisbrocken, mit Hilfe derer man die Brühe kühl oder gar kalt bekommt.

Da man mit Eiswürfeln den Bedarf niemals decken könnte, hat man hier eine »Eiswürfeleinheit« in Form von ½ oder 1 Liter Plastik-Säckchen entwickelt, die 25 oder 50 Fcfa kosten, 4 bzw. 8 Cent. Der Name: »Glassi«.

Wer das Privileg hat, einen Kühlschrank mit Eisfach zu besitzen (oder, um dem Ansturm einigermassen gerecht zu werden, sich sogar eine Tiefkühltruhe leisten kann), der ist geradezu verpflichtet, folgende Arbeit Tag für Tag zu absolvieren, auch wenn sich damit wahrlich nicht das grosse Geld machen lässt:

  1. Akt:

Einfüllen des Wassers in die Plastiksäckchen – hier
½ Liter Version.

  1. Akt:

Hundertprozentiges Verschliessen der oberen Öffnung durch zweimaliges um 360 Grad kreisen lassen und die entstandene Schlaufe fest zuziehen und neben den Kühlschrank stand by Stellen.

folgt der

  1. Akt:


In den normalen Kühlschrank zum Vorkühlen packen – direkt im Eisfach würde selbigtes eine Krise kriegen, derart kompakt mit 40 Grad Material konfrontiert.

Folgt der:

  1. Akt:

Ab ins Tiefkühlfach!

Wenn dort ordentlich durchgekühlt folgt der

  1. Akt:

und die Kostbarkeiten landen knochenhart in derTiefkühltruhe zumVerkaufen!

Dieses kann je nach Wetterlage morgens um 7 beginnen und bis 23 Uhr gehen!

Und zwar folgendermassen:

Es klopft an den Laden des Küchenfenster, eine Stimme (oft die eines Kindes) ruft:

»Auni sogoma« (Guten Morgen) oder »Auni tile/wula/shu« (Mittag/Nachmittag/Abend)

Egal ob im Zimmer, auf dem Dach oder bei  Essen, antwortet man:

»n`ba« (die Frauen: »n‘se«) »i ni sogoma« (etc).

Wer glaubt, jetzt werde nach dem „Glassi“ gefragt, hat sich getäuscht! Erst kommt noch die Frage nach dem Wohlergehen, womöglich auch dem der Kinder und der Familie insgesamt!

Sitzt man gar draussen vor der Tür mit Buch, Tee oder nur so zum Quatschen, kann sich sogar noch eine kleine Unterhaltung oder das Fussballspiel von gestern abend anschliessen, bevor irgendwann die Frage kommt:

»Hör mal, habt Ihr Glassi?!“

Wenn ja, wird geklärt wieviel Säckchen und es folgt der

  1. Akt:

Madu mit der heiss begehrten kühlen Köstlichkeit! Dem einzigen, was in der unerträglichen Hitze noch Linderung verspricht und eilig, oft in mitgebrachten Kühlboxen nach Hause getragen wird. Bleibt also nur noch der

  1. und letzte Akt:

Das Objekt der Begierde durchs Küchenfenster gereicht! Nun ist die Welt wieder in Ordnung!

Zum Abschluss ein kleiner Preisvergleich:

In der Mitte oben das 25 Fcfa Stück. Links das »Glassi«, das man dafür haben kann, rechts davon ein Säckchen ungemahlener Pfeffer, eine Tomate und eine Mangoro, wie man hier zu Mangos sagt, zum gleichen Preis.

Heiratsmarkt und Hexerei

Der Heiratsmarkt –

ist eine harte Sache in Mali. Ein Bekannter von Assas Familie Niaré hatte sich scheiden lassen, weswegen ein mitleidiger Freund von ihm eine Dreizehnjährige aus der Nachbarschaft aussuchte und ihm zum Heiraten anbot. Das Mädchen war gerade in der 6. Klasse Grundschule, weswegen der Bürgermeister um eine Genehmigung gebeten werden musste, was dieser ablehnte, erst müsse die Schule beendet werden: mit einer entsprechenden Summe wurde dieses Hindernis aus dem Weg geräumt, das Mädchen, das einverstanden war, verliess die Schule, die Hochzeit fand statt.

Kurz darauf fand die junge Ehefrau in der Küche beim Putzen einen in ein rotes Bändel gewickelten Zettel. Sie öffnete ihn und las drauf ihren und ihres Mannes Namen, weshalb sie den Zettel sofort an diesen weitergab.

Kaum hatte er ihn gelesen, begannen Schmerzen in seinem Arm, die sich auf den ganzen Körper ausdehnten, zu einer nicht heilbaren Krankheit – und schliesslich zu seinem Tod führten.

Nun muss die Dreizehnjährige 40 Tage im dunklen Zimmer sitzen, bis die Trauerzeit vorbei ist, dann kann sie wieder zu ihrer Familie zurück – und in die Schule.

Hexerei – Maraboutage –

ist für viele Menschen, hauptsächlich Frauen, eine Tatsache, an der es nichts zu rütteln gibt. In obigen Fall ist die Frage allenfalls, wer den Mord initiiert hat: die geschiedene Ehefrau, die der neuen nichts gönnte, oder – so Assas Theorie – die zweite Frau des Vaters des Mannes, die eifersüchtig auf die erste sei und ihr schaden wolle, indem sie ihren Sohn tötete.

Eifersucht unter Frauen hat ein eigenes Wort: kalaya, und sie ist sicherlich eine der Haupteinnahmequellen der Hexer, der Marabouts.

Eine erste Frau, zum Beispiel, die nicht wollte, dass ihr Mann des Nachts mit der zweiten schlief – jede Frau muss mindestens ein eigenes Zimmer haben, wenn nicht ein eigenes Haus (ich selber wohne im Haus einer der drei Frauen meines Hausbesitzers, die ab und zu mit der entsprechenden Attitüde mich besucht und Ansprüche geltend macht) – setzte sich jedesmal, wenn der Mann zu der anderen wollte, mit einer Axt bewaffnet vor die Tür derselben und liess ihn nicht hinein.

Trotzdem wurde die andere schwanger – man kann es ja auch am Tage miteinander treiben.