Leben in Banconi Razel – Bericht von Ebby Jost – Dezember 2008

Leben in Banconi Razel –

Bericht von Ebby Jost –

Dezember 2008

Geräusche
Sind hier vielfältig. So manche Nacht der Hundechor. Ein vom Wind her und weg gewehtes Gebell-Geheule, auf und abwabernd im Widerhall der Steinbruchwand, eher eine sandabschab Wand, wo in Handarbeit mit Hacke und Schaufel die Männer allein oder zu zweit, einen Streifen Wand von oben angefangen, gerade so breit und tief, dass sie arbeiten können, abhacken und schaben und den Abraum zwanzig bis dreißig Meter in die Tiefe schaufeln.

Zum Arbeitsplatz gelangt man nur von oben über in den festgebackenen, sandigen Fels gehauene Stufen. Zur Arbeitszeit ist die Wand in Staubfahnen gehüllt. Halb weg ist er schon der Berg. Aber jetzt ist ja Nacht, er ist nicht zu sehen. Eine außergewöhnlich ruhige Nacht. Seltenst ein Auto, ab und zu ein Moped. Manche Nächte, speziell natürlich Freitag, Samstag, Sonntag; irgendwo klapperts, heute Nacht ist es windiger-ziemlich windig, einer dieser überall verwendeter, rostfarbener, blechener mit beweglichen Lamellen ausgestatteter, einfach zusammen geschweißter Fensterläden, die meist nicht vor Fenster klappen, sondern vor Fliegengitter; ploink  ploink……..

Ach so- wochenends geht hier oft die Post ab. Von der einen Seite Ballaphon, eine Art Xylophon aus Holz mit kleinen Kalebassenklangkör-pern, flotte Trommeln und kräftige Frauenstimmen; die-ser Sound von abends zehn gerne auch bis morens um vier, von der Bergseite her. Von rechts ein höheres, heißt kleineres Ballaphon, hört man auch kilometerweit, auf und abschwellend, je nach Wind. Dazu noch aus der Boutique, so heißen die kleinen Läden hier, wo der tägliche Kleinkram verkauft wird, Zigaretten einzeln usw., recht laut Mali Musik aus der Konserve und von weiter unten aus Richtung der Stadt Livemusik aus den Verstärkern. Um vier stimmt dann der eine oder andere Muezzin sein Klagelied an. In der näheren Umgebung zuerst noch am lautesten die spielenden Kinder auf dem Platz vor dem chateau d´eau, dem von den Japanern als cadeau gebauten Wasserspeicher.

A propo Wasser, die Pisse läuft nicht ab. Hier pißt Mann und Frau am besten in den Abfluss, der in der Mitte eines jeden Bades plaziert ist, als Mann kann man ja auch ins Waschbecken pissen, aber das ist plötzlich dicht. Wenn ich das Waschbecken mit
Wasser fülle und dann ablasse, drückt das Ganze aus dem Duschabfluss wieder heraus. Diese Pissmethode ist übrigens äußerst Wasser sparend und hat sich hier durchgesetzt. Einmal pissen Duschabfluss oder Waschbecken mit einem Liter Wasser, oder einmal ziehen am Spülklo mit sechs bis sieben Liter Wasser. Der Spülkasten vom Klo wird mit Eimern befüllt, die befüllt der Wassermann Sountje, ein lieber junger Typ, der mich immer anstrahlt, etwas stärker nach Schweiß riechend, also schwitzend, nachdem er acht Kanister a zwanzig Litern mit einem zweirädrigen Wagen, bei uns würde man „Mopedanhänger“ sagen, den Berg hinauf geschoben hat. Und das zu uns alleine auch zweimal am Tag. Das nur so nebenbei, aber gestern Abend war der See im Bad schon arg groß und roch unangenehm nach Pisse. Nun gut, heute Nachmittag rumgestochert und mit neu gekauftem Pümpel, sogar mit Handpumpe dran, nach giftigem Plastik intensivst riechend., versucht freie Bahn zu schaffen immerhin mit mäßigem Erfolg, wie ich beim ins Bett gehen feststellte. Es blubberte rythmisch im angenehmen – blupp blupp blüpp – blupp blupp blüpp – blüpp blupp – blüpp blupp.

Wie gesagt, die Geräusche sind hier vielfältig und das waren bestimmt noch nicht alle. Jetzt fangen die Hunde wieder ihren Chor an, die Mücken summen ihr aufreizendes Lied. Aber ich liege unter dem Moskitonetz geschützt ätsch! Cä koro ba weint im Schlaf etwas, hat heute heftig eins auf die Birne bekommen der Arme. Aber er musste ja unbedingt auf Sountjes Wasserwagen während er ihn die Rampe, die ins Haus führt, hinauf schiebt und platsch liegt der kleine Prinz auf dem Boden und hat zwei dicke blutende Beulen am Kopf. Geschwind mit Spray desinfiziert, dann auf dem Arm von Madu zur Arztstation um die Ecke, vorher ihm noch 5000 FCFA in die Hand gedrückt. Als er nach einer knappen Stunde wieder kam, hatte der Kleine einen recht notdürftigen Verband um den Kopf gewickelt, Madu hatte für 2000 FCFA Verbandszeug in der Apotheke kaufen müssen, dann wurde der Verband angelegt, und ein Rezept-´- wie sollte es hier anders sein – für Antibiotika ausgestellt, und der kleine Patient für morgen  zum Nachschauen bestellt. Die Antibiotika haben wir gestrichen und einen morgigen Besuch in der Krankenstation, wo unsere befreundeten Ärzte von der ärztlichen Hilfsgruppe arbeiten, ins Auge gefasst.

Im Krankenhaus muss man 1000 FCFA, für jeden privaten Arztbesuch muss man hier  mindestens 5 – 6000 FCFA pro Woche plus Medikamente zahlen. 6650 FCFA sind 10€. Kein Geld heißt kein Arzt. So einfach ist das hier. Jetzt ist`s fast drei Uhr und ich möchte eingeschlafen sein, bevor um vier Uhr der Muezzin ruft.

Klopfen
Ist hier ein allgemein sehr verbreitetes Geräusch. Ob für To, letztlich ein puddingartiges Gericht aus Mais mit Soße aus Zwiebeln, Möhren, Tomaten und Tomatenmark, gründlich gekocht, oder Hirse; in großen Holzmörsern zerkleinern die Hausfrauen weithin hörbar das Getreide mit rhythmischen Schlägen. Richtig ab geht es bei den Stoffschlägern, die zu dritt die Baumwollstoffe für Bubu`s plattklopfen; das kann wenn`s sein muss auch die ganze Nacht durchgehen. In immer wiederkehrenden Rythmen mit kurzen Unterbrechungen. Manchmal stampft auch ein motorgetriebener Hammer seinen Schlag dröhnend in die Landschaft. Nur andauernder Autolärm ist hier am Stadtrand nicht zu hören.

Cä koro ba, (Mann alt viel), geht’s nach dem morgendlichen Verbanderneuern wieder gut; wenn der nicht gleich kriegt was er will, legt er sirenenartiges Geheul ein und stampft mit den Füßen auf den Boden. Schwingt sich Madu auf das Moped, geht die Sirene los. Lieb sein kann er aber auch, der Dickkopf. Und das ist seine Schwester Mah:

Die Tage vergehen auch hier wie im Flug so sicher wie die Flughunde zwischen 18,40 Uhr und 19,10 Uhr von Südosten nach Nordwesten flattern, heißt von der Stadt wo sie Unterschlupf in unbewohnten Häusern finden auf`s Land zum Fressen. Sie sind Früchtefresser, haben bis zu ein Meter und fünfzig Spannweite, hab ich in Mayers Lexikon von Christof nachgeschaut, in Afrika wie man sieht beheimatet, hier nur so um die 50 bis 60 cm Spannweite, aber schon sehr große Flattertiere, und sehr pünktlich. Auch die Frösche sind, im Gegensatz zu den meisten Menschen, ziemlich pünktlich. Bei Einbruch der kurzen Dämmerung kommen sie durch den Eingang hereingehüpft, von Leo und den Menschen geduldet, grau-braun mit Flecken in gelblich und bewegen sich zielstrebig zu der Neonröhre an der Studiowand, wo sie eifrig nach oben schauend auf die abstürzenden Insekten warten. Die Frösche sind stumm, zumindest wenn sie hier bei uns sind.

Das Tabasci Fest, vierzig Tage nach Ramadan.
Überall ziehen größere und kleinere Schafherden durch die Stadt, besonders eindrucksvoll bei tobendem Feierabendverkehr auf einer vierspurigen Straße im Dunkeln gerade noch vertretbar von der schwachen Straßenbeleuchtung und Fahrzeugscheinwerfern, so vorhanden, erhellt. (Auf 85% der Straßen gibt es keine Beleuchtung).

Überall blökt`s und mäht`s, sind vor den Häusern große Schafböcke angebunden und warten auf den Höhepunkt ihres Daseins – das Fest. Drei Tage wie bei uns Weihnachten. Alle haben ihre festlichen Bubu`s an, die Verwandten kommen, alle wollen cadeaux, Geschenke, man ist freigiebig bei den Bettlern die öfter vor der Tür oder plötzlich im Hof stehen und gibt hundert FCFA oder was zum Essen. Die Nachbarn werden besucht. Überhaupt cadeaux – Als Weißer bist du erstmal das cadeaux Opfer an sich. Am schwierigsten ist es wenn es sich um Bekannte handelt, die erwarten vom reichen Weißen was zu bekommen. Auch wird gerne versucht hintenherum dir etwas ab zu luchsen. Auf der Straße mit den Telefonkartenhändlern und ähnlichen Geschäftsleuten ist es einfacher, du lachst sie freundlich an, schüttelst den Kopf, sagst akain was gut heißt, sie lächeln zurück und gut ist`s, und wenn aus dir ein Bambara Wort rauskommt freuen sich alle und du wirst mit dem Bambara Begrüßungszeremoniell überschüttet, das sich, wenn du weißt wies geht, auch über mehrere Minuten hinziehen kann.
Er/sie: ani wula. (schönen Nachmittag) Du: n`bah ani wula. (große(n) (Mutter) schönen Nachmittag) somo go bee di (wie geht es den Leuten im Haus), der eine, toro si te (Probleme gibt’s nicht) und dann kann es ewig weitergehen wie: wie geht’s den Kindern – alle Verwandte durch usw. zum Schluß der Mann: n`bah, die Frau n`ce.

Die Nachbarn
Und wieder ist es mir nicht gelungen ein dunkles Gesicht sichtbar auf die Platte zu bannen, immer stellen sie sich geschickt in den Schatten. Das wird schon noch!
Mamu wohnt gegenüber mit ihrer Familie in einem Rohbau ohne Strom, Nachts mit Taschenlampen oder Handybeleuchtung im Haus unterwegs. Resolut, wie viele Frauen hier, klein, drahtig und ein uriges afrikanisches Gesicht, passend zum Namen. Zwei erwachsene Töchter Anfang zwanzig hat sie. Die Ältere mit Baby, den Namen hab ich noch nicht herausgefunden. Der  Erzeuger kommt nur ab und zu und zahlt nix. Beide hübsch anzusehen, eigentlich, wenn sich die Ältere nicht mit diesem fürchterlichen Kortison enthaltenden Zeug das Gesicht verunstalten würde, um eine helle Haut zu bekommen. Angeblich finden das die Männer hier schön. Krank machts und hässlich fleckig. Kura heißt sie, hab ich gerade herausgefunden und ein

Foto konnte ich auch gleich machen. Abends sitzt sie oft bei uns vorm Haus unter der Neonröhre, Christof hat zwei davon anbringen lassen um die Straße zu erhellen, und lernt. Nur das chateau d´eau, der große cubische Klotz gegenüber auf der anderen Straßenseite ist rundum beleuchtet. Auch hier sitzen abends junge Leute oder gehen auf und ab und nutzen den gelben Schein der Lampen zum Lernen. Die jüngere Tochter von Mamu, Aramata, verkauft abends an der Hausecke gebackene Jamswurzel-
Pommesfrites, gegrillten Fisch, Pate, in Fett gebackene Teigteile.

Daneben sitzt die große Ya Koulibaly mit dem belle belle bobara, dem großen Po, belle belle akafsa fitini, groß ist besser als klein, immer zwei drei Typen um sich geschart und verkauft Apfelsinen, Papayas, Mangos oder Nüsse.

Dann gibt’s bei Mamu im Haus noch nen kleinen Zweijährigen, der mich immer mit großen Augen anschaut. Dann ihr freundlicher, zurückgezogener Mann, und seit neuestem Verwandte vom Hausbesitzer, der glaube ich in Frankreich arbeitet.

Der Hausbau geht hier uns unbekannte Wege. Hast du etwas Geld, kaufst du dir ein Grundstück, das du dir gerade leisten kannst. Ist wieder Geld da, baust du aus Zement, Sand und Eisen das Grundgerüst für das Erdgeschoss, hast du mehr Geld, machst du dir noch die Zementsteine selber, die gekauften zerfallen schon beim Anschauen, und mauerst sie zwischen die Zement – Eisensäulen und noch eine Treppe Richtung zukünftigen ersten Stock. Geht dann noch die Decke beziehungsweise der Boden für das nächste Stockwerk, kannst du dich glücklich schätzen und einziehen. Die Eisen der Säulen schauen oben heraus und wenn wieder Geld da ist wird weiter gebaut. Ist alles fertig wird die Baugenehmigung eingeholt.

So schauts aus, wenn das Erdgeschoss fertig ist

Neulich haben sich Mamu und Belle Belle Bobara heftig bis zur Schlägerei in die Wolle gekriegt wegen der Männer die immer um sie herumschwänzeln und weil der eine oder andere mal an ihr hängen bleibt. Das Geschrei hätte man aufnehmen sollen. Ist Mamu wohl ein zu schlechtes Beispiel für ihre jüngere Tochter die nebenan ihren Verkaufsstand hat.
Es ist wirklich auffällig wie viele junge Frauen mit Kindern auf dem Rücken und Eimern mit Wasser, Körben voller Bananen, Geschirr – gespült an der Wasserstelle, auf dem Kopf, herumlaufen in schöne bunte Röcke gekleidet.
Sieht schön aus, fördert aufrechte Haltung und Wirbelsäulenschäden.
Kennt man etwas die Verhältnisse, stellt sich heraus, daß meist die Erzeuger verschwunden sind und die Mädels alleine dastehen – verheiratet oder nicht. Sind sie verheiratet müssen sie sogar aufpassen wenn sie sich mit nem Anderen einlassen. Wird von der Familie des Erzeugers nicht gerne gesehen.
Um die Ecke herum wohnt die schöne Hawa, die abends vor der Haustür Tee macht und Bananen verkauft. Zwischen ihr und uns, beziehungsweise Madu und ihr besteht ein reger Teeaustausch. Aber Madus Tee ist einfach der Beste. Trinkst du ihn abends, hält er dich bestimmt bis zwei Uhr wach. Auch sie hat zwei Töchter mit Kindern und selber auch keinen Mann, geschieden glaube ich – – –

Und was ist jetzt? Ich sitze im Hof am Tisch, es ist halb eins, Mamu wäscht gegen etwas Geld unsere Wäsche und singt mit dem Radio die Lieder auf Bambara mit, Madu macht Tee, hat die Nachbarin mit Tee versorgt und das Moped vom Straßenstaub befreit, Sanata kocht To zum Mittagessen auf den beiden urigen Holzkohleöfen.

So, das war der Zwischenbericht über meine Umgebung hier bei Christof. Der LKW ist noch nicht verkauft, morgen vielleicht. Zwischen fünf und sechstausend Euro werden mir geboten, den besseren nehme ich. Aber ich bin in Mali Afrika und hier weiß man nie nichts genaues bis das Geld auf dem Tisch ist. Noch ist der 19.12.2008 um 23 Uhr und 17 Minuten und es sieht ganz so aus als würde ich über Weihnachten hier sein. Es kommt halt immer anders als man denkt. Das Visum gilt noch und wenn das Auto weg ist muss ich noch ein bisschen auf Tourist machen. Zu tun gibt’s hier genügend für mich – Berichte schreiben, Mücken jagen, Musik zusammen schneiden, der Großbäckerei zeigen wie man Sauerteig macht, mit Christof Theaterstück schreiben, eine Treppe hab  ich schon gebaut und ein italienisches Mäuerchen als Stütze für die Küchen Arbeitsplatte.
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage und ein gutes neues Jahr.
Bis zum nächsten Jahr. Alles Liebe Ebby
Zum Abschluss noch eine Seite mit Fotos.

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