Persönliche Erklärung zum Brief von RA Eisel

Darauf antwortete ich folgendermassen:

Persönliche Erklärung zum Brief von RA Eisel vom 16.12.2009

Seit über zwei Jahren verweigert Dr. Querfurt die Diskussion über die im oben genannten Brief aufgeführten Themen, auch mit anderen Personen als mir. Nun droht er mit Strafanzeige, wenn ich diese Diskussion fortführe. Ein innerhalb der demokratischen Streitkultur Deutschlands eher ungewöhnlicher Vorgang. Angesichts der gesellschaftlichen Relevanz der angesprochenen Inhalte und ihrer interkulturellen Implikationen ist es notwendig, sie sorgfältig zu untersuchen und zu behandeln. Leider erfordert es ein hohes Mass an Zeit und Konzentration, sich damit auseinanderzusetzen, und ich bitte um Verständnis für diese notwendige Ausführlichkeit, auch wenn ich nicht dafür verantwortlich bin.

Vorbemerkung.

In der Tat habe ich, wie RA Eisel schreibt, etwa ein Jahr lang die Haupt Aufbauarbeit für APA Mali gemacht, obwohl ich kein Arzt bin; ich habe sämtliche Briefe geschrieben und Übersetzungen organisiert, Einführungsreisen gestaltet und mitgemacht – ich habe mir unzählige Nächte um die Ohren geschlagen: ohne mich gäbe es APA Mali nicht. Obwohl ich dafür meine eigene Arbeit zurückstellen musste, habe ich dies allein deshalb getan, um in einem Land, das mich mit überwältigender Gastfreundschaft aufgenommen hat, den Menschen zu helfen, die hier in Mali entrechtet und entwürdigt an der untersten Stelle der gesellschaftlichen Stufenleiter stehen, Menschen, die weltweit zu der Klasse gehören, für die ich mich mein ganzes Leben mit meiner politischen Arbeit eingesetzt habe.

In der Tat habe ich, wie RA Eisel schreibt, sobald ich den Missbrauch dieser meiner Arbeit feststellen musste – auf meiner Internetseite unter dem Titel: APA Dokumentation eines Exempels in allen Einzelheiten nachzulesen – dagegen protestiert, meine Mitarbeit eingestellt und bin schliesslich ausgetreten.Aus diesem Grund fühle ich mich nicht nur veranlasst, sondern auch berechtigt und verpflichtet, die meiner Meinung nach meiner Arbeit folgenden Fehlentwicklungen zu öffentlich zu kritisieren und Alternativen vorzuschlagen.

1: Das Recht auf freie Meinungsäusserung.

Es ist mein grundgesetzlich verbrieftes Recht, einen gesellschaftlich relevanten Vorgang als „politisch moralischen Skandal“ zu bezeichnen und dieses nach besten Wissen und Gewissen zu begründen.

Genauso kann in einer Demokratie jeder andere denselben Vorgang als legitim und politisch angemessen bezeichnen und dies nach bestem Wissen und Gewissen begründen.
Wenn ich zum Beispiel behaupte, dass mit der von RA Eisel bestätigten Lieferung der aus Deutschland kommenden Hilfsgüter zum Beispiel an die CSCOMs oder PMI Zentral, die lokalen Krankenstationen Bamakos, die wohlhabende Schicht, die existentiell abgesicherte Schicht, die nicht von Hunger und tödlicher Krankheit bedrohte Schicht bevorteilt wird, die wirklich Bedürftigen aber nichts davon abbekommen, die Menschen nämlich, die nicht einmal die Beratungsgebühr, geschweige denn die folgenden Medikamentenkosten berappen können, weil sie ihr ganzes Monatseinkommen auffrässen, die Menschen, die sich mit traditioneller Medizin behelfen oder auf der Strasse von Nicht-Medizinern oder Nicht-Apothekern verkauften, meist abgelaufenen Medikamenten, weil diese einzeln und nicht nur als gesamte Packung für ein paar Pfennige zu haben sind, was unter Umständen sogar tödliche Folgen haben kann, die Menschen also, die entrechtet und entwürdigt an der untersten Stelle der gesellschaftlichen Stufenleiter stehen, wieder einmal leer ausgehen – und das, obwohl die Hilfe in ihrem Namen geleistet wird – dann möchte ich damit dazu anregen, über die Begriffe „Hilfe“, „Reichtum und Armut“, „Bedürftigkeit“ etc. nachzudenken und zu diskutieren; eine Forderung, die nicht nur ich aufstelle.

Obwohl ich auf meiner Internetseite, in zahllosen Briefen an Dr. Piel, in meiner Video-Dokumentation „action sante -Präsentation“, in meiner Erklärung zum Mali-Tag und dem auf Nachfragebitten folgenden „Briefauszug“ viele Beispiel aus meinem inzwischen fast siebenjährigen Aufenthalt in Mali bereits aufgeführt habe, nehme ich den Brief von RA Eisel zum Anlass, mit einem weiteren Beispiel den Zusammenhang hoffentlich endgültig deutlich zu machen:

Die neunzehnjährige Fatoumata Gindo aus Bandiagara im Dogonland, im Alter von 14 Jahren zwangsverheiratet, Mutter eines vierjährigen Sohnes, wurde nach der Geburt ihres Kindes und der Abwanderung ihres Mannes an die Elfenbeinküste, von wo aus er sie weder finanziell noch materiell irgendwie unterstützte, in die Hauptstadt Bamako geschickt, um dort in der Familie ihres Bruders lebend ihr Geld als Orangenverkäuferin zu verdienen, was heisst, den ganzen Tag mit dem Kind auf dem Rücken und den zum Teil unglaublich schweren Orangen auf dem Kopf durch die Strassen zu laufen und bei jedem Verkaufsvorgang die schwere Schüssel vom Kopf zu nehmen und wieder auf den Kopf zu wuchten und dabei allerhöchstens ein paar hundert Fcfa zu verdienen. Aufgrund dieser Tätigkeit leidet sie an Rücken- und Brustschmerzen, dazu kommen durch die in Mali immer noch weit verbreitete Beschneidung – auch Genitalverstümmelung genannt – bewirkten Unterleibs- und Bauchschmerzen. Dieses behandelt sie mit traditonellen Pülverchen, die allein schon einen oder mehrere Tagesverdienste rauben oder mit einzeln gekauften Tabletten von Strassenhändlern, abgelaufenen oder tage- und wochenlang in der Sonne gebratenen Antibiotika, die das Leiden oft nur verstärkten. Als sie bei mir als Bonne arbeitete, bekam sie einen Malariaanfall und weigerte sich, in das CSCOM zu gehen, selbst obwohl ich alles bezahlte; wir brachten sie schliesslich unter Anwendung von Gewalt mit dem Taxi dorthin, als sie nur noch ununterbrochen würgend kotzte, und die Ärzte machten uns darauf aufmerksam, dass nur wenige Stunden später die sogenannte „Krise“ einen Höhepunkt erreicht hätte, nach dem auch Chinin oder andere härteste Medikamente nicht greifen und sie verstorben wäre. Ein konkretes Beispiel für die Millionen Malariatoten in Afrika, die keinen weissen Arbeitgeber oder wohlhabenden schwarzen Patron haben und nur deswegen sterben, weil selbst das staatliche Gesundheitssystem sie nicht auffängt und sie die Kosten für die Medikamente nicht aufbringen können. Das Ganze kostete 50 000 Fcfa oder 80 Euro.

Es sind aber nicht nur die Kosten, die Menschen wie sie davon abhalten, in die CSCOMs zu gehen – es ist vor allem auch Scham, eine gesellschaftliche Scham, die das „docotoro so“, das Haus der Doktoren, als verbotenen Bezirk erscheinen lassen, ein Selbstverständnis, nicht wert zu sein, es betreten zu dürfen. Als ich sie  nach Monaten endlich so weit hatte, wegen ihrer Rücken- Brust und Unterleibsschmerzen dorthin zu gehen, hat sie sich stundenlang zurechtgemacht, das beste Kleid angezogen und geschminkt als ginge es zu einer Hochzeit oder einem anderen gesellschaftlichen Grossereignis. Sie war aufgeregt wie ein kleines Kind und sträubte sich noch am Eingang verschämt, das Krankenhaus zu betreten.

All diese Faktoren müssen bedacht und diskutiert werden, wenn man überlegt, wer von Hilfslieferungen profitieren soll und wer nicht.
Ob Fatoumata Gindo repräsentativ für 20 % der Bevölkerung ist oder 50 % kann ich nicht beurteilen, auf jeden Fall treffen ihre Bedingungen auf alle Frauen zu, die auf den Strassen für die ambulante Ernährung sorgen und auf einen Grossteil der in meinem Quartier lebenden Menschen. Aber selbst wenn es nur 5 % der Bevölkerung wären, bestünde ich darauf, dass Hilfslieferungen aus Deutschland, an deren Zustandekommen ich entscheidend beteiligt war, diesen Menschen zugute kommen und nicht Menschen, die im Mercedes oder Taxi bei den CSCOMs vorfahren, oder ihr Moped, wie ich, auf dem bezahlten Parkplatz abstellen; schon ein Moped zu besitzen heisst „etwas besseres“ zu sein, ein Auto zu besitzen, heisst hier zur Oberschicht zu gehören, selbst wenn es in unseren Augen noch so eine Schrottmühle zu sein scheint.
Tatsachen, Zusammenhänge und Argumente wie diese müssen dringend diskutiert werden, wenn man hier wirklich helfen will.

All die in RA Eisels Brief genannten, insbesondere staatlichen Organisationen, mit denen APA Mali zusammenarbeitet, haben ein System der Krankenversorgung geschaffen, von dem die oben genannte Bevölkerungsgruppe ausgeschlossen ist (er bestätigt also genau das, was ich kritisiere). Deshalb haben Ärzte, die in diesem Krankenversorgungssystem arbeiten, Organisationen geschaffen, die die davon ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen betreuen.
Was RA Eisel mit „deutsche Entwicklungshilfe“ genau meint, bleibt unklar, deshalb kann ich darauf nur genauso allgemein antworten und zur Beschreibung meiner Position in dieser Frage auf das bereits 1979 zu diesem Thema erschienene Grundlagenwerk der damaligen Staatssekretärin im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Brigitte Erler, hinweisen, das den Titel „tödliche Hilfe“ trägt, dessen Einschätzungen ich alle teile, und gegen das niemals Strafanzeige erhoben wurde, sondern das Willy Brandt damals mit ihr kontrovers in der Öffentlichkeit diskutierte.

Deshalb fordere ich im Rahmen der in Deutschland grundgesetzlich garantierten Meinungsfreiheit, dass die aus Deutschland kommenden Hilfslieferungen an einheimische malische, demokratisch kontrollierte Organisationen gehen sollen, die nachweislich seit Jahren sich um eben diese entrechteten und entwürdigten, vom staatlich organisierten Gesundheitssystem ausgeschlossenen Menschen kümmern und nicht über eine einzige, demokratisch nicht kontrollierte Person, an Krankenstationen, die die betroffenen Menschen noch nie von innen gesehen haben.

2: Verleumdung.

Verleumdung fällt in der Tat nicht unter das Recht auf Meinungsfreiheit.

In jahrelanger Beobachtung gewonnene Erkenntnisse über Hintergründe und Zusammenhänge wie die oben genannten zur Diskussion zu stellen, bedeutet jedoch keine Verleumdung.

  • Ich habe niemandem konkret Korruption vorgeworfen, denn es geht mir nicht um Einzelfälle, deren es unzählige gibt, die aller Welt bekannt sind, aber juristisch nicht beweisbar, sonst gäbe es sie nicht – und es ist nicht meine Aufgabe, diese zu verfolgen -sondern es geht mir um politische und gesellschaftliche Strukturen, die zu vermitteln ich als Autor und hier lebender politisch engagierter Mensch meine Aufgabe sehe. Deshalb habe ich davon gesprochen, dass die von RA Eisel bestätigte Zusammenarbeit mit vor allem staatlichen Institutionen und die Lieferungen in die Stationen des staatlichen Gesundheitssystems das „gesellschaftliche System der Korruption“ unterstützt, ich habe gesellschaftliche und politische Zusammenhänge geschildert, die jedenfalls in der öffentlichen Diskussion in Zeitung, Radio und Fernsehen hier in Mali als Korruption bezeichnet werden.
  • Die Assoziation APA Mali ist per definitionem nicht demokratisch kontrolliert, weil eine nur von einem Arzt beratene Person sich nicht selbst demokratisch kontrollieren kann (wie z.B. die „action sante“, die ein fünfköpfiges Kontrollgremium hat, das bereits einmal ein Vorstandsmitglied aus dem Vorstand entfernt hat). Auch das ist also keine Verleumdung. Was Transparenz durch Öffentlichkeit in Presse und TV betrifft, möchte ich darauf hinweisen, dass in Mali Veröffentlichungen, die nicht das politische Tagesgeschehen (s.o.), Katastrophen oder Sport (bereits da teilweise) betreffen nur durch  horrende Bezahlungen möglich sind, weshalb der Inhalt vom Auftraggeber diktiert werden kann, und ich mich schon damals gegen Verwendung von Spendengeldern für diese Selbstbeweihräucherung aussprach, auch einer der Gründe meines Austritts.
  • Verleumdung ist allenfalls in der auch von RA Eisel wiederholten Beurteilung der von mir als Alternative vorgeschlagenen Organsiationen „action sante“ und „medicins d’espoir“ zu sehen, die einmal mehr als unfähig und ungeeignet zur Zusammenarbeit dargestellt werden.

Ich habe in unzähligen Beschreibungen, meinem Präsentationsvideo oder dem „Briefauszug“ bereits ausführlich dargestellt, wie breit gestreut und fest in der Bevölkerung verankert die Arbeit dieser Organisationen ist, an denen sich viele der 150 in Mali arbeitenden cubanischen Ärzte freiwillig beteiligen, und die nicht nur kostenlose Krankenfürsorge und Verteilung von Medikamenten machen, sondern auch Gesundheitsaufklärung im Radio und Vorsorgeaufklärung in Jugendlichen Betreuungs- und Frauengruppen, die die comey sketche zu den heissesten Themen wie Medikamente der Strasse oder Aids machen, die seit sieben Jahren eine einwöchige, an verschiedenen Plätzen in Bamako stattfindende Konferenz „Jugend engagiert sich gegen die Praxis der Beschneidung“ veranstaltet, an der hunderte von Jugendlichen teilnehmen (alles dokumentiert und an APA gesandt), abgesehen von Kleidersammlungen für psychisch Kranke oder Stadtteilbetreuung von Jugendlichen. Der „action sante“ Diskontinuität zu unterstellen oder gar Unverbindlichkeit, weil jedes Jahr der Vorsitz wechselt – was wie gesagt, ein Ausweis der Antikorruptionseinstellung der Gruppe ist -, könnte in der Tat als Verleumdung gewertet werden, denn es arbeiten viele ausländische Organisationen seit Jahren mit der „action sante“ zusammen.
Das Gleiche gilt für die „medicins d’espoir“, die aus Eigenmitteln gegründet und getragen von belgischen, schweizer, französischen und kanadischen ONGs unterstützt werden und laufend Container mit Hilfsgütern zollfrei bekommen, die in Zusammenarbeit mit der action sante und den cubanischen Ärzten verwaltet und verteilt werden.

Bei einem ausführlichen Gespräch mit dem Gründer der Medicins d’espoir“, dem zu Zeiten der Diktatur inhaftierten und gefolterten ehemaligen Widerstandskämpfer und heutigen Deputierten der Nationalversammlung Dr. Oumar Marico, der in Mali „die Stimme der Opposition“ genannt wird und der – obwohl selbst Mitglied der von mir kritisierten Oberschicht – alle meine Kritik an der gesellschaftlichen Korruption im Allgemeinen und am Gesundheitssystem im besonderen vollinhaltlich bestätigte (weswegen er ja die „medicins“ gründete), erfuhr ich

  1. dass die medicins d’espoir inzwischen nicht 12, sondern 15 Krankenstationen betreiben,
  2. diese kontinuierlich arbeiten, was nicht von ausländischen Spenden abhängig ist, sondern
  3. von einem System niedriger, aber massenhafter Mitgliedsbeiträge finanziert wird, die nicht nur die kontinuierliche Betreuung der einzelnen Stationen sicher stellen, sondern einem Team von drei Ärzten erlauben, zwischen den einzelnen Stationen zu pendeln, um deren Funktionsfähigkeit durch Austausch zu verbessern.

Zu behaupten, diese Krankenstationen arbeiteten nicht kontinuierlich und seien auf ausländische Spenden angewiesen, ist angesichts der wahren Verhältnisse in der Tat eine Verleumdung.

3: Fakten.

Den Begriff „Privatkliniken“  nehme ich zurück und werde ihn nicht mehr wiederholen. Erstens ist der Plural falsch und zweitens handelt es sich um eine falsche Rückübersetzung des französischen Wortes für Arztpraxis (Clinique). Auch das ist falsch, denn ich meine damit die Privatwohnung von Dr. Seydou Segoule, der, nach Beschluss von APA Mali zu diesem Zeitpunkt, von den vier im ersten Container geschickten Ultraschallgeräten eines zur persönlichen Benutzung überlassen bekommen sollte, was unter anderem zu meinem Austritt führte, da ich dies mit meinen Vorstellungen von  Hilfe nicht vereinbaren konnte. Sollte der Beschluss nicht verwirklicht worden sein, wäre ich dankbar, wenn mir das mitgeteilt würde, da ich mich Vorwürfen aus meinem sozialen Umfeld ausgesetzt sehe, wieso ich Geräte aus Deutschland vermittle, für deren Benutzung mittellose Leute bezahlen müssen: es würde mir also sehr helfen, wenn ich diese Vorwürfe widerlegen könnte und meine dadurch beschädigte soziale Situation verbessern – dazu muss man mich allerdings über die Fakten informieren, ich kann nur von denen ausgehen, die ich kenne.
Das auch zu der gespannten sozialen Situation hier in Mali, die man sich in Deutschland wahrscheinlich nicht in Traum vorstellen kann: der von mir für APA vorgeschlagene mit mir befreundete Spediteur Abdulai Cisse hat mit mir den Kontakt abgebrochen, die Freundschaft aufgekündigt, solange ich mit Haby Dembele zu tun hatte, und erst als er von Dritten erfahren hat, dass ich mit ihr keinerlei Verbindung mehr habe, mich angerufen, mir zu dieser Entwicklung gratuliert und berichtet, dass er verzweifelt gewesen sei, dass ich nicht merke, was für ein Spiel gespielt werde, da er unfähig sei, mir das klar zu machen, sein Vater ihn aber beruhigt habe, die Wahrheit komme immer ans Licht. Ich weise vorsichtshalber darauf hin, dass von diesen Vorgängen zu berichten, keine Verleumdung meinerseits darstellt, da ich die Einschätzungen und Tatsachendarstellungen der Beteiligten nicht übernehme, sondern davon berichte, da sie für meine soziale Integration eine wichtige Rolle spielen und von den APA Aktivitäten ausgelöst wurden. Dr. Querfurt kennt Abdulai, und wir wunderten uns anfangs noch gemeinsam, wieso er sich nicht mehr meldete, hielten ihn für unzuverlässig.
Das sind die Strukturen, mit denen man hier klarkommen muss, die man erstmal durchschauen muss, wenn man hier leben und gar etwas tun will.  Konkrete Alltagsbeispiele aus dem Leben in einer Gesellschaft, die sich ihrer korrupten Strukturen bewusst ist, sie offen diskutiert und um ihre Beseitigung kämpft, sich in einem Umstrukturierungsprozess  befindet, der nicht leicht zu durchschauen ist, in dem die „Guten“ und die „Bösen“ sich nicht durch Handaufheben melden, vielleicht sogar in der einen Frage hier und in der anderen dort stehen, und in dem der von aussen Kommende selbst bei bestem Wissen und Gewissen ruck zuck sich in einer Ecke wiederfinden kann, in die er sein Lebtag nie wollte.
Auch Fakten können allerdings nicht losgelöst von ihrem Zusammenhang gesehen werden.
Sollte es in dem Heimatdorf der APA Bevollmächtigten entgegen meinen Informationen tatsächlich kein Leitungswasser geben, kann das nicht von meiner Frage ablenken, warum die Familie der APA-Alleinvertreterin, die Grund- und Goldminenbesitzerin ist und als solche bei Veranstaltungen des Goldminenverbandes dann und wann im Fernsehen zu sehen, nicht selbst für Leitungswasser sorgt und den Ausbau der Schule bezahlt, sondern der deutsche Steuerzahler?
Meine Kritik ist nicht, dass es ihr Heimatdorf ist – und wenn das nicht zutreffen sollte, muss sich RA Eisel an den Bürgermeister wenden, der dies in dem Video über den Querfurt Besuch dortselbst sagt, nicht an mich -, sondern dass sie nicht selbst, so wie es z.B Oumar Marico oder die Bevölkerung vom Welenguena es tun, erst nach Erschöpfung der Eigenmittel, um weitere Unterstützung bittet, was wiederum nur ein Beispiel für die vielfach von mir beschriebene Grundprolematik in all diesen Ländern ist, die zu diskutieren mein eigentliches Anliegen ist.
In Bezug auf die Fakten unverständlich ist der Absatz bezüglich meiner Toilettenspende.
Wenn Dr. Querfurt 1000 Euro für die Toiletten gezahlt hat, wieso wurden sie mir dann zurückgezahlt? Was soll ich unterlassen zu sagen?
Offenbar vermengt Dr. Querfurt hier zwei Vorgänge, die nichts miteinander zu tun haben, sich aber um dieselbe Summe von 1000 Euro drehen:
Zu einen hat er mir 1000 Euro mit dem Vermerk „gesparte Hotelkosten“ überwiesen, da ich ihm im Rahmen unseres Konflikts vorgeworfen hatte, mein Haus als kostenloses Hotel missbraucht zu haben. Ich habe den Vermerk allerdings sehr wohl als Zweckbindung verstanden, und die Hälfte den beiden Dr. Querfurt und seine Frau betreut habenden Frauen Assa Niare und Sanata Kone zu gleichen Teilen weitergegeben.
Zum anderen habe ich einige Zeit danach, da sich der Bau der versprochenen Toiletten für mich unerträglich in die Länge zog, die damals dafür kalkulierten 1000 Euro für ihren Bau mit dem Vermerk „urgent pour les toilettes des Welenguena“ überwiesen (siehe Brief an Frau Wittig).
Etwa drei Wochen später rief ich Frau Dembele an und fragte, ob mit den Bauarbeiten begonnen sei. Sie antwortete, das Geld sei anderweitig verbraucht. Als ich ankündigte, mich darüber bei Dr. Querfurt zu beschweren, da die Spende zweckgebunden gewesen sei, drohte sie, für meine sofortige Ausweisung aus Mali zu sorgen. Angesichts, ich muss es leider immer wieder wiederholen, der korrupten Strukturen vor allem bei Polizei und Justiz, ist das keine ganz leere Drohung, weshalb ich auch davon Dr. Querfurt berichtete und von ihm verlangte, Frau Dembele zu bremsen. Daraufhin bekam ich meine 1000 Euro zurück (und dass RA Eisel es für nötig hält, zu betonen, dass er meine Quittung hat, zeigt die erschreckende Realitätsferne, die den ganzen Brief durchzieht: als ich ob abstreiten würde, das Geld zurückbekommen zu haben – das ist doch mein Vorwurf, dass ich es zurückbekam, anstatt dass davon die Toiletten gebaut wurden!) und habe seitdem davon nichts mehr gehört. Obwohl mir unbegreiflich bleibt, wieso meine Spende nicht benutzt und dadurch der Toilettenbau unerträglich verzögert wurde, habe ich seitdem nichts darüber geschrieben oder verlautbart – nun thematisiert das Dr. Querfurt bzw. RA Eisel bei gleichzeitiger Aufforderung nicht davon zu reden.
Ich habe des weiteren nie und nirgends behauptet, Frau Dembele würde einen Teil des in den  Kostenvoranschlägen berechneten Geldes für sich verwenden. Ich habe darauf hingewiesen, dass der vom ihrem Neffen, dem Ingenieur Dialla Diallo, der den Kostenvoranschlag für die Schule gemacht hat, für mich getätigte Kostenvoranschlag für meinen Hausbau doppelt so hoch veranschlagt war wie die nach seiner Entlassung tatsächlich entstandenen Kosten. Jeder einzelne Sachposten – Türen, Fenster, Zement – war doppelt so hoch veranschlagt wie die wahren Kosten. Ich habe ausserdem darauf hingewiesen, dass alle mir bekannten und mit derartigen Projekten beschäftigten Personen von Differenzen bis zu zwei Dritteln berichten, das ist nun mal die traurige Realität in diesem Land. Ich bezweifle, dass Dr. Querfurt in der Lage ist, einen derartigen Kostenvoranschlag zu kontrollieren und weise deshalb immer wieder darauf hin, dass mit strukturell demokratisch kontrollierten Gruppen zusammengearbeitet werden sollte und nicht mit Einzelpersonen.

Es geht nicht um Vorwürfe gegen Einzelne, sondern um die Frage, wie am effektivsten und den besten Erfolg garantierenden Mitteln geholfen werden kann.

Auch habe ich niemals Dr. Querfurt vorgeworfen, für den Tod des Kindes der ihm vorgestellten „Frau mit gynäkologischen Problemen“ wie ich sie als Nicht-Arzt nun einmal genannt habe, verantwortlich zu sein, sondern ich habe kritisiert, dass die Klinik der nahegelegenen Kreisstadt Kutialla kein Ultraschallgerät bekommen hat, wie mir ausdrücklich erklärt wurde, weil die Klinik sich nach dem Erhalt einer Absaugpumpe in Folge des ersten Besuches von Dr. Querfurt als „unzuverlässig“ (Dr. Segoule) erwiesen habe, obwohl es dort, wie oben beschrieben, viel notwendiger ist als in Bamako, und den Tod dieses Kindes als Beispiel dafür genannt. Über nichts würde ich mich mehr freuen als die Nachricht, die leider auch nicht dem Brief von RA Eisel zu entnehmen ist, dass die Klinik in Kutialla ein Ultraschallgerät bekommen hat.
Nachdem Dr. Querfurt die erwähnte Begegnung offenbar vergessen hat, möchte ich ihn mit seinen eigenen Worten daran erinnern, wie er sie im Bericht von seiner ersten Reise vom 25.3. bis 5.4.2007 beschrieben hat; lesen wir also Dr. Querfurt selbst, unter der Tagesnotiz vom 29-3-2007:
„Ein junges Mädchen kommt. „Das ist Mädchen mit dem kranken Busen. Vor 1 Monat war der total entzündet,“ berichtet Christof. Sie ist dann behandelt worden. „Und wie geht es dem Busen heute?“ fragt Christof. Sie antwortet nicht, tritt stattdessen vor und hebt ihr T-Shirt hoch, so dass jeder sehen kann, wie prächtig gesund dieser junge Busen wieder ist. „Ein Busen hat in Afrika nicht die sexuelle Bedeutung wie bei uns“,  klärt mich Christof auf. Ich möchte nicht wissen, wie viel Fehlschlüsse ich aufgrund meiner europäischen Denk- und Sichtweise gezogen hätte, wäre ich ohne ihn unterwegs gewesen. Danke an dieser Stelle für die hervorragende Einführung in das Land!“

Nachfragen:

Wieso werden Kritiken oder Sachpunkte  nicht sachlich entgegnet und gegebenenfalls widerlegt, sondern mit Strafanzeige in Deutschland und Landesverweis in Mali gedroht?

Woraus schliessen Dr. Querfurt und RA Eisel, dass ich einen eventuellen falschen Sachverhalt, der auch noch auf der Informationssperre von APA beruht, weiterverbreiten würde, selbst wenn ich eines besseren belehrt werden würde?

Wenn Dr. Querfurt nicht mit eingeführten, funktionierenden und bewiesenermassen zu den wenigen nicht-korrupten Organisationen gehörenden Gruppen zusammenarbeiten will, sondern nur mit einer von ihm selbst kontrollierten Person, auch wenn sie noch nie eine derartige Arbeit gemacht hat  – warum steht er dann nicht dazu? Warum droht er mit Strafanzeige wegen Verleumdung und verleumdet dabei, wie oben beschrieben, selbst, um seine Verweigerung zu begründen?

Wieso gibt sich ein ansonsten als seriös bekannter Rechtsanwalt dafür her, Falschaussagen wie die über die „medicins d’espoir“ unüberprüft weiterzuleiten und bei Widerlegung mit Strafanzeige zu drohen?

Warum stellt Dr. Querfurt zum Beispiel die auch in RA Eisels Brief nicht widerlegte und auf der damaligen Beschlusslage beruhende Information, dass Dr. Seydou ein Ultraschallgerät zur freien Verfügung bekommen hat, nicht einfach richtig, wenn dem nicht so sein sollte: selbstverständlich würde ich sie nie wieder wiederholen, wieso sollte ich? – im Gegenteil: ich wäre hocherfreut über diese Mitteilung, weil dann auch in diesem Punkt auf mich gehört worden wäre?

Wenn Dr. Seydou allerdings wie beschlossen ein Gerät bekommen haben sollte – warum steht Dr. Querfurt nicht dazu? Wenn er davon überzeugt ist, dass das richtig ist, kann er es doch begründen, und dritte können sich ihre Meinung über die vorliegenden Argumente bilden, wie das in einer demokratischen Streitkultur üblich ist?

Das als pars pro toto stehendes Beispiel für alle anderen aufgeführten Streitpunkte, um zur zentralen, alles beherrschenden Frage zu kommen:
Wieso drohen Querfurt/Eisel mit Strafanzeige anstatt anstehende Sachfragen durch einfachen Informationsaustausch zu klären –
und behindern damit die im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit und des interkulturellen Dialogs dringend notwendige Diskussion um Begriffe wie „Hilfe“, „Armut und Reichtum“, „Bedürftigkeit“ , „Europäische Denk- und Sichtweisen“, „korrupte gesellschaftliche Strukturen“ und „damit verbundene politische und moralische Implikationen“?

PS: Solle es zu einem Gerichtsverfahren kommen, beantrage ich vorab, dazu die deutsche „Rosa Luxemburg Stiftung“, die den ebenfalls von Dr. Oumar Marico gegründeten Radionsender „Kayira“ unterstützt, als in Mali arbeitende und mit malischen Verhältnissen vertraute Stiftung zur Bestätigung aller der von mir genannten Fakten und Einschätzungen beizuziehen, genauso wie den Regisseur Valentin Jeker zum Beweis der Tatsache, dass Dr. Querfurt sich für andere Aktivitäten in Mali ausser denen von Frau Dembele „nicht interessiert“, die ehemalige DED Mitarbeiterin Gabriele Riedl zur Frage des Umgangs mit Kostenvoranschlägen, und die seit 15 Jahren in Mali lebende und arbeitende, hier verheiratete international tätige Entwicklungszusammenarbeits Consulentin Sylvia Sangare Mollet zur gesellschaftlichen Korruption und politischen Situation in Mali.
Es ist mir zwar ein Rätsel wie ein deutsches Gericht diese hochkomplizierten malischen Verhältnisse durchschauen und beurteilen will, und warum damit eine in Deutschland in dringend notwendige Diskussion verhindert werden soll, die in Mali zur Tagesordnung gehört:
aber es ist ja auch nicht mein Wunsch.
Es gibt wichtigere Dinge, und die konkreten Aktivitäten von APA Mali sind  hier in Mali noch das geringste Problem, zu dem ich niemals auch nur ein Wort gesagt hätte, wenn ich nicht durch meine Vorarbeit dafür mitverantwortlich wäre.
Ich bin selbstverständlich weiterhin zu jeder Diskussion bereit, habe aber zu diesem konkreten Beispiel gesagt, was zu sagen ist, und werde mich weiterhin vor allem auf die oben beschriebenen politisch-moralischen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Fragen konzentrieren.
Solange ich nicht durch Nachfragen oder jetzt den Brief von RA Eisel oder das angedrohte Gerichtsverfahren gezwungen werden, die Sache immer weiter zu vertiefen, ist „Der Fall APA“ für mich erledigt.

Christof Wackernagel, Bamako, den 21-12-2009

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