Bamako – Juni 2012

Bamako, Anfang Juni 2012

Am Flughafen sichtbare Militärpräsenz, grünbemützt, also von der Putschfraktion, aber wenn man sie anlacht und einen Witz macht, lachen sie zurück und machen auch einen Witz. Zollkontrolle wie immer, vor allem lasch wie immer. Auch der Verkehr wie gewohnt – da sagen allerdings die Freunde, dass dies erst seit ein paar Tagen wieder so sei. Auch auf dem Markt brummt es »wie im tiefsten Frieden« – aber die Atmosphäre hat sich entscheidend geändert, man sieht kaum ein Lachen, man vermisst die Gelassenheit – dafür ernste Gesichter, Nachdenklichkeit, Stress.
Der Reis sei teurer geworden, berichtet mein Freund Sacko, der Taxifahrer, der den Putsch unter anderem deshalb befürwortete, weil er sich davon erhoffte, dass der Reispreis stabil bleibe. Darauf angesprochen, dass der Putschführer Sanogo, der mit dem Putsch die »Demokratie wiederherstellen« wollte, diese nun vergessen habe, nachdem die CEDEAO ihn mit Amnestie, einem Haus, zwei Autos und pro Monat 5 Millionen f CFA – offiziell dem Status eines Expräsidenten! – stillgelegt hat, lächelt Sacko nur: »er ist nach wie vor da und beobachtet alles«, erklärt Sacko, »wenn etwas schief läuft, wird er eingreifen.«
Und dieser Eindruck bestätigt sich auch in weiteren Gesprächen: der »Präsident des Präsidenten« (Madu Culibaly) ist und bleibt Sanogo, bei dem der Interimspräsident, der Ministerpräsident, die Minister und die Unterhändler der CEDAEO in ihren dicken Mercedessen vorfahren und Rapport erstatten. Er hat Flughafen und Staatsfernsehen unter Kontrolle, ausserdem die drei wichtigsten Ministerien – Verteidigung, Inneres, Sicherheit. Wer welche Macht hat, bleibt undurchsichtig. Es ist von einem Technokratenkabinett die Rede, das den Staat irgendwie verwaltet. Der Ministerpräsident ist ein Schwiegersohn des 1991 abgesetzten Diktators Moussa Traore, was man ihm nicht vorwerfen kann, dass freilich sein Kabinett mehrheitlich aus Moussa Traore Gefolgsleuten besteht, gibt zu denken. Mussa Traore selbst ist zur Zeit in Russland und China unterwegs, um Waffen zu besorgen, was aber wohl nicht so ganz klappt und in Mali nicht sonderlich ernst genommen wird.
Eine grundsätzliche Änderung scheint allerdings mit der Attacke auf den Präsidenten Diacounda Traoré eingetreten zu sein, in dessen Büro während einer Massendemonstration einige Schläger eindrangen und ihn verprügelten – seitdem ist er in Frankreich und weigert sich zurückzukehren, solange er nicht von der CEDEAO militärisch gesichert wird. Das war offenbar zuviel des Guten. Es gab einige Verhaftungen, die Verantwortlichen werden öffentlich kritisiert, einer von ihnen, Oumar Mariko ist nach Marokko geflüchtet, da seine Parlamentsimmunität aufgehoben werden soll, damit er für die Demonstration und deren Ausschreitungen zur Verantwortung gezogen werden kann. Selbst in der Putschfreundlichen website »malijet« wird er als »Demokratiekiller« bezeichnet. Im privaten Fernsehen »africable« lief eine scharfe Diskussion zwischen Putschbefürwortern und Putschgegnern.
Auffällig ist, dass jeder, mit dem ich rede, eine andere Einschätzung hat und mir diese Einschätzung als die aller Malier vorstellt: alle seien gegen/für den Präsidenten, weil er von der CEDEAo ein gesetzt sei/weil er verfassungsgemäss sei, das gleiche gilt für den Ministerpräsidenten, die Minister etc – mehrheitlich ist zu hören, dass »die Politiker« doch sowieso alle nur ihre eigenen Interessen vertreten und nicht die des Volkes.
Überhaupt nicht den geringsten Widerspruch gibt es gegen die überall massiv verkündete Bereitschaft, den Norden militärisch zurückzuerobern. Jeder weiss und bestätigt, dass das ein unsagbares Gemetzel werden kann, weil die sich auf den Islam berufenden Terror- und Drogengruppen um ein vielfaches besser bewaffnet sind. Die Tuaregs sind längst aus dem Rennen. Quatar schickt Jumbos voller Waffen. Der Ministerpräsident spricht vom »totalen Krieg«, den es geben werde. Was hinter den Kulissen läuft, weiss keiner, aber es soll bereits Truppenbewegungen in Richtung Norden geben, sowohl Franzosen als auch Amerikaner sind militärisch präsent, keiner weiss genau , in welchem Ausmass.
Zusammenfassend: Mein Eindruck ist gemischt. Die Menschen, die Malier, haben meines Erachtens die Nase voll von dem Putschgedöns, wollen ihre Ruhe haben, ihr Zeugs auf dem Markt kaufen und arbeiten – sind aber machtlos gegen »die Politiker«. Radikalislamisten haben in der malischen Bevölkerung mehrheitlich keine Chance: »wir sind ein laizistisches Land, hier darf jeder glauben, was er will, Punkt«, sagt mein Freund Sacko, selbst Moslem. Eine eventuelle gewaltsame Oktroyierung zu verhindern, fehlen ihnen freilich die Mittel. Dass der Norden zurück erobert werden »muss« – viel Land, meist Wüste, aber kaum Bevölkerung, praktisch nur drei Städte – ist derart fraglos, dass darüber nicht einmal diskutiert wird. Auf den Einwand der vielen Opfer wird mit einem Achselzucken reagiert. Dem Einwand, dass dadurch den Aqumis (maghrebinische Al Quadia) ein Vorwand geliefert werden könnte, im Gegenzug auch den Süden sich untertan zu machen, wird nicht widersprochen, kann sich aber kein Mensch vorstellen.
Je mehr sich die Lage in Bamako stabilisiert, desto näher rückt der Krieg.

PS nach der Rückkehr in Deutschland: inzwischen ist das Agreement zwischen der CEDEAO und Sanogo geplatzt, weil seine Leute auf dem Markt den Gefängnisdirektor entführt haben, um ihre wegen des Mordversuchs am Präsidenten verhafteten Leute frei zu pressen, was nicht geklappt hat. Nun hat er seine Privilegien wieder verloren und es ist die – bange -Frage, ob er das hinnimmt oder neuen Ärger macht. So oder so wird es in Bamako und ganz Mali nach Einschätzung der dort verbliebenen Freunde »ungemütlich« werden bzw. bleiben.

Christof Wackernagel – 15-6-2012

1. April ff

1. April:
Capitain Sanogo erklärt alles als Aprilscherz und den status quo ante wiederhergestellt. In den Staats-Nachrichten ist vom Frieden die Rede, der wieder eingekehrt sei, man gebe sich die Hand und Mali sei unteilbar: »la grande nation« ist zum  ersten Mal zu hören. TV 5 zeigt Bilder von der kompletten Machtübernahme im Norden und fragt den Sonderkorrespondenten in Bamako, wer denn jetzt den (Rest)-Staat leite: dieser Platz sei frei. Weder von ATT noch von Wahlen am 29. April ist die Rede. Der Sprecher der »Front« gegen den Putsch spricht davon, dass Sanogo »eine grosse Tür offen« stehe, um zu gehen, er wird also offensichtlich nicht zur Rechenschaft gezogen. Madus Kommentar: »Und ATT durfte durch die kleine gehen.«

2. April:
Alassanne Quattara, Vorsitzender der CDAO findet diesen Scherz überhaupt nicht komisch – er kann vor Wut kaum sprechen und presst seine Sätze nur zwischen den Lippen hervor – und das Embargo tritt in Kraft: Strom wird von 7 bis 18.30 gesperrt, weil die Elektrizitätswerke keinen Treibstoff für ihre Maschinen haben, die Banken zahlen kein Geld mehr aus, auch keine Gehälter, was sofort zu langen Schlangen vor den Banken und Menschenansammlungen führt, die Nahrungsmittelpreise schnellen hoch. Sanogo verhandelt seelenruhig mit der »Front« gegen ihn, veranstaltet eine Trauerzeremonie für die »Märtyrer« seines Putsches, die minutenlang im TV gezeigt wird, jeden Tag spriessen neue Komitees hervor und verlesen Erklärungen im Fernsehen, in denen von Frieden die Rede ist, Lösung der Krise und der Einheit Malis. Unglaublich, wieviele Gruppen es gibt, die zum Teil riesige Säle mieten können und meist auch vollkriegen. Inzwischen jagen sich die drei konkurrierenden Gadhafi-Erben-Terrorgruppen im Norden gegenseitig die eroberten Städte ab und hissen ihre Flaggen – die MNLA ist die säkulare Gruppe, die vorgestern in Kidal die malische Flagge mit der ihren ersetzte; heute machten die dem Prediger Haidara (dessen Moschee man von unserem Haus aus sehen kann) nahestehenden Islamisten das gleiche mit der Fahne der MNLA. Die einen sagen, es gehe nur um den Norden, die anderen behaupten, es werde schon auf Mopti zumarschiert (halbe Strecke zwischen Tombuctu und Bamako).

Bassy windet sich – die Putschisten seien unvorbereitet da reingerutscht, da müsse man Verständnis haben -, sein bester Freund Idrissa (auch Arzt, der tief im Landesinneren gerade eine Krankenstation aufbaut, rein malische Initiative) ist ohne wenn und aber gegen diesen Putsch: »wir haben 20 Jahre Demokratie – es ist eine Schande für dieses Land«, und die beiden fetzen sich bei mir halb ernst halb ironisch – man ist sich einig, was für Schweinereien ATT gemacht hat (angeblich schon vor Wochen seine Familie ausgeflogen, weil er wusste, was kommt), aber Idrissa lässt nicht zu, dass Bassy das als Rechtfertigung für den Putsch nimmt: »das sind zwei Paar Stiefel« wiederholt er immer wieder, erregt sich aber genauso über die Tatsache, dass ATT in den letzten Jahren 40 Generäle ernannt hat für diese winzige Armee, die alles Geld verfressen haben und die Soldaten im Norden für die wenigen Waffen, die sie hatten, keine Munition hatten.

Jattara ist ziemlich geknickt. »Nein«, bestätigt er, die Krise ist nicht zu Ende, »jetzt geht es erst richtig los.« Madu meint, dass wenn es zum Krieg gegen den Norden kommt, kein Tuareg in Bamako mehr seines Lebens sicher sein kann.

Die Politiker äussern sich immer optimistischer – ihre Gesichter sprechen eine andere Sprache.
Wer hat hier wirklich welchauchimmere Interessen?
Inzwischen beginnen die Franzosen und Belgier ihre Leute herauszuholen.
Batoma fragt, ob ich Angst habe: »bleib hierm es wird dir keiner was tun.«

Malisches Fernsehn: ausnehmend hübsche, betont rundliche Mutti plaudert fröhlich lächelnd, im geübten auf und ab Leierton flötend, wie nett und normal alles ist, was der gute Onkel Sanogo wieder gesagt hat und dass dieser und jener auch etwas gesagt hat –
TV 5: eine ebenso angestrengt hübsche wie bemüht witzig intellektuelle Plappermaschine – und zwar in einem Tempo als hätte sie fünf Captagon geschluckt und unter einem Druck als stünde einer mit der Peitsche hinter ihr -, die eine Dreifachkrise hervorzaubert – und ganz furchtbar interessant findet -: ökonomisch (Embargo), politisch (Junta) und militärisch (Norden).

Die Selbstlügen und Schönredereien der politischen Kaste – dabei sind sie alle froh, dass diese Primitvlinge ihnen ATT vom Hals geschafft haben. Die einzigen und tatsächlichen Opfer dieses widerlichen Spektakels sind die Armen, diejenigen, die sowieso schon am wenigsten hatten  und jetzt gar nichts mehr, denn vor allem die Grundnahrungsmittel werden unbezahlbar.

Auf der Mairie, Polizist Maiga, »sie vergewaltigen die Frauen«, »bin aus Gao, kann an nichts anderes mehr denken, wann kommen sie nach Mopti?«. Als er hört, dass ich gehe: »warum lässt Du uns allein, Du bist doch einer von uns?« Das gleiche beim Check in und bei der Passkontrolle: »bleib!«

Und das letzte Bild in der Schlange beim boarding stehend: im Wartesaal zehn oder zwölf vollbärtige, vollständig weissgekleidete ältere Herren mit ernsten Mienen, zum Teil engagiert diskutierend, alle mit Siegerlächeln, das Treiben um sich interessiert musternd.

28.3. ff – Dichtung und Wahrheit 2

28.3.12 ff: Dichtung und Wahrheit 2

Passant:
»Wenn sie den Krieg in Morden beenden wollten: wieso haben sie dann nicht im Norden mobilisiert und die Angreifer zurückgeschlagen, sondern hier in Bamako eine zweite Front eröffnet« – die den Angreifern im Norden, wie sich gezeigt hat, den Weg frei gemacht, die strategisch wichtigste Stadt Kidal einzunehmen.

Nachbar, etwa mein Alter, spricht ein wenig deutsch:
»Das Problem ist die CDAO! Mit unserem Problem im Norden haben sie uns alleine gelassen – jetzt mischen sie sich in unsere inneren Angelegenheiten ein und drohen, den Geldhahn abzudrehen – das dürfen wir uns nicht gefallen lassen!«
»Warum mischen sie sich gerade jetzt ein?«
»Sie wollen Soumayla Cisse als Präsidenten und benützen die Krise, das gegen die Franzosen durchzudrücken, die Sidibe wollen«
»So wie damals als ATT Präsident wurde, obwohl IBK die Mehrheit der Stimmen bekommen hatte?«
»Richtig, ATT war nichtmal dritter damals! Ist doch alles nur abgekartetes Spiel«
Plötzlich fällt mir Hans Dietrich Genscher ein, der mit seiner FDP-Splitterpartei gegen Helmut Schmidt putschte und Helmut Kohl einsetzte.
»Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wenn sie uns den Hahn abdrehen, essen wir die Vorräte auf und dann wird man sehen.« Und auf deutsch: »So nicht!«
Die Putschisten nennt er nachsichtig lächelnd »Kinder«, die nicht wissen, was sie tun – und ich erinnere mich, dass ich es anfänglich auch so sah.

Aminata Traore –
die notorische Wichtigtuerin, die zuletzt als Botschafterin Quattaras die Demokratie in der Elfenbeinküste in Paris vertrat (wohin sie immer zum Shoppen fliegt, bestimmt nicht economy) stellt sich auch 100 % hinter die »jungen Leute«, die endlich mal frischen Wind in die Bude bringen.

anderer Passant:
»Wenn Sanogo wirklich nicht an der Macht bleiben will« – was er immer wieder verkündet, gleichzeitig aber eine Regierung bildet – »warum übergibt er die Macht dann nicht an die Nationalversammlung wie es in unserer Verfassung vorgesehen ist, wenn der Präsident ausgefallen ist?«

der neue Machthaber im Norden –
der sich diese Macht mit Kalaschnikows erobert hat, lehnt es ab mit einer nicht demokratisch gewählten Regierung zu reden, nach dem Motto: Sanogo, wer ist das?
Die völlige Entleerung sämtlicher Begriffe und Wertinhalte, die Tatsache, dass alle Beteiligten sich auf die gleichen Argumente berufen – Demokratie, Rechtssicherheit, Landeseinheit – und das genaue Gegenteil tun ist das faszinierendste an diesem Wahnsinn. Noch nie habe ich Logik derart ausgehebelt erlebt wie hier.

Abdul Karim Jattara, Tuareg, begnadeter Musiker –
»Sanogo wird zurücktreten, die Sache ist gelaufen – das Problem ist, dass ich hier nicht mehr leben kann -«
»- weil Du Tuareg bist?«
er nickt, ratlos blickend. »Ich will mein Moped verkaufen und von dem Geld meine Frau und die Kinder nach Tombuktu schicken« –
das Telefon klingelt. Er redet lange auf Tamaschek, der Tuaregsprache.
»Das war mein älterer Bruder. Sie werden heute Gao einnehmen. Ich bin hier nicht mehr sicher.«
»Aber dann wirst Du ja nicht mehr in Mali leben?«
Er zuckt genervt mit den Achseln.
»Aber Sanogo wird zurücktreten« – als ob er mich trösten wolle.

Batoma –
auf die Frage, was sie so hört, wenn sie mit den Leuten auf der Strasse darüber redet: »Der Krieg ist aus«. Sie besteht auch auf mehrfache Nachfrage hin darauf: »die Leute sagen, der Krieg ist aus – ›abana‹« Es klingt zwar wie: »so gut wie aus«, hat aber etwas Unbedingtes, wenngleich beschwörendes.
Und ich spüre eine Haltung, wie ich sie auch bei anderen fand, von manchen ausgedrückt: »mit uns nicht« – was sich praktisch als »aussitzen«, »einfach ignorieren« oder »auflaufen lassen« darstellt.

die Berichterstattung –
über Oumar Marikos Veranstaltung im riesigen Omnistade zur Unterstützung der Junta:
– Staatsfernsehen ORTM: eng ausgeschnittene Bilder der Hauptakteure, im Hintergrund Publikum, knappe Ausschnitte, beim face der Sprecher freilich im Hintergrund ganz klein die komplett leere gegenüberliegende Seite des Stadions.
– france inter, TV 5: Totale des fast leeren Stadions mit in der Mitte einem besetzten Rang, im Vordergrund der Reporter: »500 Personen im Stadion -« – bei der Veranstaltung der vereinigten religiösen Gruppen seien »25 000 Männer und Frauen im Stadion.«

28.3. Dichtung und Wahrheit

28.-30. März 2012: Dichtung und Wahrheit.

Gespräch mit Dr. Bassy Konate, Freund, Arzt und politisch engagiert, sehr aktiv, durch ihn kenne ich Oumar Mariko, mit dem er offenbar seit dem Putsch wieder eng zusammenarbeitet und den Putschführer Sanogo heute im Propagandaradio Kayira, das Mariko als Premierminister vorschlägt, besucht hatte:
»Ich habe einen meiner besten Freunde seit Schulzeiten verloren! 2009 schon!«.
Der Konflikt im Norden, das bewusste Verheizen hunderter von Soldaten sei der Hauptgrund, alles andere Nebensache.
»ATT hat dem Chef der Rebellen beim letzten Ramadan 10 Millionen FrancsCFA bringen lassen, damit er seine Leute mit Zucker versorgen kann, wusstest Du das?«
»ATT hat also da selbst mitgemischt?«
Bassy nickt.
»Warum, das geht doch gegen seine eigenen Interessen als malischer Staatschef?«
»Das ist es ja! Es musste weiteres sinnloses Blutvergiessen verhindert werden«
»Aber es sollte doch gewählt werden!«
»Die Wahlen sind eine Farce, Oumar Mariko hat alle Beweise: Modibo Sidibe war als Nachfolger von ATT schon ausgemachte Sache«
M.S. ist nach verschiedensten Quellen, fast allgemein übereinstimmend, der Chef eines internationalen Drogenumschlagplatzes in der Nähe von Gao, in dem der – angeblich gesamte – Stoff aus Südamerika ankommt und von dort aus auf Europa verteilt wird, was ein erkleckliches Sümmchen einbringt. Er gilt als Dollar Milliardär und wurde als erster verhaftet – und als erster freigelassen – nun witzelt man, wieviel er wohl gezahlt hat.
»Sidibe war schon zu seinem vorab-Antrittsbesuch in Frankreich!«
»Dann geht es also in Wahrheit um den internationalen Drogenhandel auf höchster, auf allerhöchster Ebene?«
Bassy nickt heftig.
»Warum haben sie es dann nicht nach den Wahlen gemacht und die Beweise vorgelegt?«
Bassy schüttelt den Kopf.
»Solange konnte man nicht warten, Blutvergiessen musste verhindert werden.« Ausserdem sei ATT dabei gewesen, Geld und Ressourcen des Landes auf seine Verwandtschaft zu verteilen.
Dann gehe es also den neuen Machthabern nur darum, selbst an den Kuchen zu kommen, was ich konkret auch Oumar Mariko unterstelle. Bassy schüttelt den Kopf und lächelt:
Ich solle mich nicht aufregen, es werde bald freie Wahlen geben.
Als ich ihn zur Tür bringe, sehe ich, dass er plötzlich ein Auto hat (er arbeitet als Arzt beim CSCOM und klagte neulich noch, dass sein Lohn nicht bezahlt werde). Madu lacht, als Bassy wegfährt: das nächste Mal hat er einen der beschlagnahmten Jeeps.

Gespräch mit Sacko, Taxifahrer, seit langem befreundet:
Der Putsch sei richtig und längst überfällig gewesen, eher viel zu spät. Der Konflikt im Norden sei nicht der Grund – ATT habe sich zu sehr bereichert.
Ob die anderen das nicht auch tun würden?
Es gehe darum, dass der Reis nicht mehr als 15 000 FrancsCFA pro Kilo kosten dürfe, Schulen endlich umsonst seien – er zahle jetzt schon 10 000 pro Monat für seine beiden Mädchen, die anderen (er hat 5 Kinder) könne er nicht mehr bezahlen – und dass die Gesundheitsversorgung umsonst oder massiv billiger sei – das hätten die neuen Machthaber versprochen; wieweit sie sich darüber hinaus bereicherten sei ihm völlig egal, das täten eh alle.
Was er von Oumar Mariko halte?
Er sieht zum Himmel und schwört bei Gott, dass dieser Räuber und Verbrecher niemals an die Macht kommen werde. Wenn doch, bedeute das Bürgerkrieg.
Er rät mir, schleunigst da Land zu verlassen – viele Leute hielten Frankreich für den Verursacher der Krise und wollten sich deswegen an den Weissen rächen.

Batoma erzählt –
sie habe im Radio gehört, dass am Tag der Ankunft der Delegation der CDAO eine riesige schwarze Schlange auf den Flughafen gekrochen sei und die Soldaten panisch abgehauen seien, sie lacht fast Tränen: »ohne Schuhe und ohne ihre Sachen sind sie weggelaufen!«, aber die Schlange sei riesig gewesen, so etwas gebe es sonst nur im Urwald und sie sei giftig – aber sie habe sich auf dem Klinkerfussboden des Flughafens nicht zurechtgefunden und sei wieder verschwunden.

ein veritabler Uni Professor –
ist fest davon überzeugt, dass ATT den Putsch selbst organisiert habe – damit auch erklärt ist, warum ATT frei ist und Interviews geben kann – um demnächst als Retter zurückkehren zu können und die Wahlen zu verschieben.

Und so weiter – und so fort, jeder erzählt etwas anderes, die Spitzen der Militärführung sind bereits ausgewechselt, die der Administration folgen, beginnend mit dem Gesundheitsministerium. Das Staatsfernsehn jubelt ohne Unterbrechung und verschweigt die Anti-Putsch Demo von gestern, lässt aber die gesprächsbereite Opposition zur Wort kommen, die einen Kompromisskandidaten zur Ablösung von ATT vorschlägt.

Inzwischen –
ist Kidal, die strategisch zentrale Stadt im Norden, nach verschiedenen Quellen von den islamischen Tuareggruppen mit den Worten »dieu est grand« gegen 9 Uhr heute morgen eingenommen worden, die malische Flagge heruntergeholt und die Flagge des neuen Landes im Norden gehisst, also das eingetreten, was zu verhindern der Putsch als Rechtfertigung vorgab.

27.3. Sieg des Opportunismus

27-3-12:
Nicht der Putsch ist die Katastrophe, sondern die Reaktion der Gesellschaft darauf. Nun haben auch die grossen Parteien ihren Kotau vor dem neuen Machthaber, der sich jetzt »chef d’etat« nennt, gemacht: gestern fand eine vollmundig unter dem Motto »Demokratie oder Tod« angekündigte Demonstration statt, von der zwei Abgesandte der grössten Parteien zum Putschistenführer Sanogo gingen und
nicht bedingungslose Durchführung der Wahlen am 29.4.
und
nicht bedingungslose Wiedereinsetzung des gewählten Präsidenten
forderten, sondern ihre Sorge um die Krise ausdrückten und Gespräche anboten, die zum Ziel haben sollten eine »möglichst baldige Lösung« der Krise zu finden, nämlich die »Wiederherstellung der Demokratie und des Staates«. Damit beteten sie wortgleich das Programm der Putschisten nach und machten den Weg frei für den bei den verhinderten Wahlen aussichtslosen Präsidenschaftskandidaten, Ghadafi-Anhänger und bekennenden Stalinisten Oumar Mariko, der sich nun als Premierminister der Terrorregierung angeboten hat und gleich ankündigte, dass als erstes die Spitzen aller administrativen Organisationen ausgewechselt werden sollten. Womit die wahren Ziele formuliert sind: Sicherung aller erreichbaren Pfründe für den eigenen Clan, die eigenen Anhänger.
Die malische Tagesschau begann gestern mit der Nationalhymne (der übliche chauvinistische Dreck, den die Kinder jeden Tag in der Schule eingetrichtert bekommen) – danach Ansprache des erstmalig als »chef d’etat« bezeichneten Organisators des Staatsstreichs, Herrn Sanogo, vor der Landkarte Malis und neben der Fahne, in der er nichts inhaltliches sagte, nicht einmal unverbindlich Wahlen versprach, sondern nur verlangte, dass alle zur Arbeit gehen sollten, das Militär in die Kasernen zurück solle und die Grenzen geöffnet würden, der Benzinnachschub gesichert werde. Danach nochmal Nationalhymne, danach Antrittsbesuche der restlichen politischen Parteien, siehe oben, der vereinigten Führer aller islamischen Gruppen, wobei der stärkste vom ihnen, ein Herr Haidara, 800 Koranfürsprachen für das neue Regime mitbrachte, verschiedener gesellschaftlicher Gruppen oder sattsam bekannter Wichtigtuer wie Frau Aminata Traore, eine Multimillionärin, sich selbst als »Globalisierungskritikerin« von der internationalen Presse feiern lässt, um auf dem schlechten Gewissen der Weissen herumreitend, dessen finanzielle Besänftigung in ihre eigene Tasche umleiten zu können, also nur das besonders geschickt macht, was diese ganze Bande zum Inhalt und Ziel hat. Alle stellten sich entweder bedingungslos hinter das neue Regime oder baten darum, doch so nett zu sein, auch über Wahlen nachzudenken, wozu man Bilder des nachdenklich nickenden Putschistenchefs sah. Danach bis Mitternacht eine Ergebenheitsadresse nach der anderen, Vereinigung der Markthändler bis Menschenrechtsorganisationen, zum Teil stockend vom Papier vorgelesen, zum Teil vor allem von Jugendorganisationen (die bis dahin keiner kannte) enthusiastisch vorgetragen, wobei es den Militärveteranen vorbehalten blieb, daran zu erinnern, dass Macht gefährlich sei – ansonsten stellten sie sich freilich »stolz« hinter ihre jungen Nachfolger.

26.3. das Regime stabilisiert sich

26.3.:
Das Regime stabilisiert sich, die kleinen Parteien allen voran die Partei SADI, die bei der bevorstehenden Wahl keine Chance gehabt hätten, kriechen den Militärs in den Arsch, vielleicht hat die SADI den Putsch sogar mitorganisiert – heute grosse Anti-Demo in der Innenstadt – wenn dann geschossen wird, ist die Katastrophe da.
Die Partei SADI ist eine stalinistische Splitterpartei, mit deren Chef Oumar Mariko ich befreundet war, bis wir uns wegen Ghadafi verkrachten und er begann, sein wahres Gesicht zu zeigen. Radio Kayira, das Verlautbarungsorgan der Partei, ist nun Organ der Putschisten und verbreitet dieses verlogene Geschwätz, es gehe Bildung, Gesundheit soziale Sicherheit – die liegen überall im Argen und ich habe von Oumar Mariko bei manchem rotweingetränkten Abend keine Silbe herausbekommen, was er denn anders machen würde – bis er sich zu Ghadafi bekannte und dann auch noch Stalin als sein Vorbild bezeichnete. Auch was den Norden betrifft , ist es genau umgekehrt: die starten jetzt eine Offensive nach der anderen, weil es überhaupt keine staatliche Struktur mehr gibt.
Meines Erachtens geht es um das Erbe Ghadafis: Millionen, wenn nicht Milliarden, von denen man nicht weiss, wer darauf den Zugriff hat, riesige Landstriche in Mali, die ihm (seinem Clan) von dem angesetzten Präsidenten ATT übereignet wurden, die Waffenarsenale, die zum Teil schon von den Tuareg Söldnern hierhergeschafft wurden und die Immobilien vor allem in Bamako (darunter vier internationale Hotels, sogenannten „Libya – Hotels“): das abzusahnen, darum streiten sie sich jetzt, davon bin ich felsenfest überzeugt und das Geschwätz von Bildung und Gesundheit ist der übliche Klischeevorwand, der hier nun im Fernsehen (und Radio Kayira, das das gebetsmühlenartig wiederholt) verbreitet wird, um den Leuten was vorzumachen und im Ausland gut dazustehen.
Mali war international anerkannterweise eine der stabilsten Demokratien Afrikas – und das geht gerade in einem atemberaubenden Tempo den Bach runter, das Leben normalisiert sich, unzählige Organisationen stellen sich hinter die Putschisten und verlesen langatmige Erklärungen im Fernsehen, „retten“ die Demokratie, indem sie demokratische Wahlen verhindern, die am 29. April hätten stattfinden sollen.

Zum Putsch: 1. Reaktion am 26.3.

Ziemlich blödsinnig kurz vor den Wahlen einen Putsch zu machen; alles sehr wirr und unklar; junge Leute, die keine Ahnung haben, keine Unterstützung finden, wobei unklar ist, ob nicht doch jemand dahintersteckt – starker Verdacht: die Franzosen, denn es geht um dem Tuaregaufstand im Norden, der wiederum ein Ghadafi Nachbeben ist (wobei es um Uran, Öl und die Kohle geht, die G. wo auch immer gebunkert hat), weil die von ihm gekauften Söldner, wie befürchtet, nun zurückgekommen sind und schwerste Waffen (darunter die guten deutschen Heckler und Koch! „Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt“) mitbrachten, was der Präsident zuliess, die eigene Armee aber fast unbewaffnet liess, teilweise selbst ohne Essen, wogegen erst Mütter und Frauen demonstrierten und nun eben diese jungen Kerle zugeschlagen haben, denen aber keiner eine Chance gibt. Montag ist der Jahrestag der Revolution 1991, bei der der jetzt abgesetzte Präsident ATT den damaligen Diktator absetzte, also ein schwer symbolisch belastetes Datum, das wohl der Grund für die Wahl dieses Zeitpunktes war und das man abwarten muss, bevor man genaueres sagen kann.
Ausgerechnet die sozialistische Partei, mit der ich eine Zeitlang sympathisierte, hat sich nun hinter die Jungs gestellt, die nur einen kleinen Teil des Militärs ausmachen, von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, aber Fernsehen, Flughafen und Präsidentenpalast unter Kontrolle – Rest sind Schiessereien auf den menschenleeren Strassen. Bis jetzt drei oder vier Tote, vierzig Verletzte. Diese Partei (SADI) und ihr Chef Oumar Mariko unterstützt mit ihrem Radio rund um die Uhr die Putschisten – ich vermute, dass Mariko morgen in die Startlöcher springt.
Hauptfrage ist, wo Präsident ATT steckt – solange das unklar ist, kann man gar nichts sagen.
Inzwischen haben sich die (38!) Parteien organisiert, die es hier gibt und wollen am morgigen Gedenktag eine Riesendemo machen, bei der sie davon ausgehen , dass das Militär nicht schiessen wird – danach wird man sehen.

Geld stinkt nicht

Geld stinkt nicht

Der Tatort:

ACI 2000, die Reichen-Meile Bamakos, in der ein Palast sich an den anderen reiht, einer schöner und in phantasievollerer Architektur gebaut als der andere, wo internationale Hotels stehen, Mercedes eine seiner verglasten Stahlbetonvertretungen hat wie auch Peugeot oder Air France, und wo alle Strassen asphaltiert sind und nachts beleuchtet (beides ansonsten in Bamako eher die Ausnahme). Der »espace cuturel« Bouna, ein Restaurant mit Bar und Podium für Musik- und Theaterveranstaltungen, geschmackvoll eingerichtet, natürlich mit lokalen Naturbausteinen. Zelte sind in U-Form gegen die Sonne aufgebaut, bequeme Bestuhlung und moderne Verstärkeranlagen mit Funkmikrophonen am Rednerpult und einem Tisch für eine Podiumsdiskussion.

Der Tatvorgang:

An einem Tisch unter einem Bastdach auf dem Terrain des »espace culturel« steht eine kleine, schwarzhaarige Frau, ihre Handtasche fest umklammernd, und erwehrt sich des Andrangs eines Menschenpulks, der sie bestürmt.

Es handelt sich hauptsächlich um Frauen, elegant gekleidet, mit wertvollen Colliers und Seidenschals geschmückt, aber auch um einige Männer, nicht weniger geschmackvoll und edel gekleidet. Die Menschen tragen ihren Namen und ihre Adresse in ein Formular ein, und erhalten daraufhin von der ziemlich gestresst wirkenden Frau einen grünen Geldschein, 5000 FCFA, etwa 8 Euro, was etwa zwei Drittel des Monatsgehalts einer normalen Hausangestellten entspricht. Das mehrheitlich noble Publikum, das sich um diese Geldscheine buchstäblich reisst, ist mit Mercedessen, anderen Luxuskarossen oder Taxen angereist. Es handelt sich um Mitglieder der privilegierten Oberklasse dieses angeblich ärmsten Landes der Welt, in dem es aber in Wirklichkeit unvorstellbaren Reichtum einer gar nicht mal so kleinen Ober- und Mittelschicht gibt und ebenso unvorstellbare Armut eines Grossteils der Bevölkerung, der von eben jener vermögenden Schicht gehegt und gepflegt wird, um sich an ihm weiter bereichern zu können.

Die Tat:

Die jährliche »Sensibilisierung« der lokalen Mitarbeiter der deutschen  Hilfsorganisationen in Mali – GTZ, DED, Kreditanstalt für Wiederaufbau, deutsche Botschaft – für »problematische Themen«, heute: »Mütter und Töchterbeziehungen«. Von einer bekannten – allerdings der Landessprache nicht mächtigen – Fernsehmoderatorin geleitet, diskutieren Expertinnen und Experten zu dem Thema und unterhält eine Theatergruppe mit erhobenem Zeigefinger das geneigte Publikum. Anschliessend gibt es eine Kleinigkeit zu essen und als Belohnung, sich sensibilisieren zu lassen, 5000 FCFA.

»Sonst würde ja keiner kommen« – so die Auskunft der verantwortlichen Organisatorin dieser Veranstaltung, die 2 Millionen FCFA, etwa 3000 Euro gekostet hat, 250 000, etwa 400 Euro, dafür, dass die Betroffenen überhaupt erscheinen.

Christof Wackernagel

Bamako, den 15-12-2010

Wenn Fakten sprechen

Wenn Fakten sprechen

Im Begleitbrief zum Mali-Rundbrief bemerkt Klaus Piehl, dass Fakten für sich sprächen. Das Faktum, dass APA die korrupte gesellschaftliche Struktur in Mali unterstützt, versuchte er von seinem Rechtsanwalt mit der Erwähnung des Faktums widerlegen zu lassen, dass APA Mali mit den malischen Gesundheitsbehörden und »der deutschen Entwicklungshilfe« zusammenarbeitet.

Dazu folgende Fakten.

Nach der Häufung von »Unregelmässigkeiten« wie dem »Verschwinden« von umgerechnet 300 000 Euro, dem Scheitern des jahrelang angelegten Impfprogramms der WHO, nachdem es in die Hände der malischen Gsundheitsbehörden kam oder dem »Verschwinden« des westafrikanischen Honorarfonds für Medizinprofessoren, der in allen anderen westafrikanischen Ländern ausser in Mali ausgezahlt wurde, um nur einige alltägliche Beispiele zu nennen,  musste der Gesundheitsminister nun zurücktreten. Ins Gefängnis wird er wohl nicht kommen. Von seinem mit unvorstellbarem Luxus ausgestatteten Palast – sicher nur vorübergehend – in eine Gefängniszelle umziehen muss womöglich der Leiter der staatlichen Gesundheitsbehörden, Souleyman Golo, ein freundlicher, zurückhaltender Mensch, der als »einfach« beschrieben wird, weil er vier Millionen Dollar – nicht etwas FCFA, nein: Dollar – in seine Tasche hatte wandern lassen. Das WHO Geld, bzw. die von der WHO gespendeten Medikamente waren für Aids- und Tuberkulosekranke bestimmt, teilweise explizit für Gefangene. Alles weg. Zum ersten mal in der Geschichte der Hilfsorganisationen hat die WHO nun eine kanadische Kontrollkommission beauftragt, Rechnung für Rechnung zu prüfen. Der Leiter dieser Kommission verzweifelte derart bei seiner Arbeit, dass ihm in einem Interview der Satz entwich: »Ganz Mali ist korrupt«, was natürlich einen Sturm der Entrüstung hervorrief, denn es gibt sehr wohl auch hier Organisationen und Einzelpersonen, die sich nicht an dieser mafiosen Struktur beteiligen, wie etwa die »medicins d’espoir« oder die engagierten jungen Ärzte der »action sante«. Aber wenn der Leiter der staatlichen Gesundheitsbehörde Gefangenen Aidsmedikamente stiehlt, wieso soll dann nicht ein Seydou Seguole den Menschen in Wuelenguena für sie bestimmte Medikamente stehlen, zumal er ja zwar die besten, aber nur einige aus dem für sie bestimmten Karton nimmt! Es machen doch fast alle so! Ist doch nur ein Klacks gegenüber zum Beispiel vier Millionen Dollar. Man kann diesen Leuten keinen persönlichen Vorwurf machen, denn es gehört schon ein besonders starker Charakter dazu, diesen gesellschaftlichen Strukturen nicht zu erliegen.

Ein Vorwurf ist nur deutschen Ärzten zu machen, die weiterhin diese Struktur unterstützen, anstatt mit Organisationen zusammen zu arbeiten, deren Integrität von internationalen Institutionen erwiesen ist.

Zum Thema »deutsche Entwicklunghilfe« anliegend eine Randbemerkung, die einmal mehr die deprimierende Begriffslosigkeit allein der Haltung dieser Menschen zeigt, die irgendwelche Buschwilden sensibilisieren wollen, anstatt vielleicht selbst einmal einen Funken Sensibilität für die hiesigen Verhältnisse zu entwickeln.

Christof Wackernagel  am 23-12-2010

PS – ich bitte Herrn Dr. Pille  und Herrn Dr. Quackbart einen Gruss von Christian Klarnagel auszurichten. Dass Klaus Piehl nicht einmal meinen Vornamen richtig zu schreiben weiss, ist Ausdruck genau des gnadenlosen Desinteresses an den Fakten, mit dem seine behauptete Hilfe für die Armen zu Hilfe für die Reichen wird. Er war es, der mich dazu verleitete, ihn bei seinem Ansinnen zu unterstützen, medizinisches Material nach Mali zu schicken, obwohl ich als Nicht-Mediziner von den medizinischen Verhältnissen hier keine Ahnung hatte, was dazu führte, dass es in die falschen Hände kommt. Nun weigert er sich, es in die richtigen Hände kommen zu lassen, nachdem ich mich kundig gemacht habe – und kennt mich nicht mehr.

Ebbys Fahrt in Madous Heimatdorf Welenguena

Ebbys Fahrt in Madous Heimatdorf Welenguena

Besuch im Heimatdorf von Madu im Gebiet von Welengena bei Koutiala

Bamako Mopti Welengena

Seid drei Tagen hängt der Saharastaub dicht über Bamako.

Es ist Winter und kalt für die hiesigen Verhältnisse. In Welengena wird es noch kälter sein als hier meint Madu.

Drei Tage ohne Sonne, heizt Madu momentan im Zimmer mit einem Charbonofen (Holzkohle Ofen). Bei dem Wetter wollen wir Morgen nach Welengena fahren. Bei dem dichten Dunst der über allem liegt, kann ich ja überhaupt nicht fotografieren. Unlust, alles absagen, kalt und windig, mit meinem bisschen Französisch alleine mit Madu und Sako ins tiefe Afrika. Aber absagen ist nicht mehr und Schiss haben gilt sowie so nicht. Also schauen was passiert. Um sieben Uhr aufgestanden, Foto, Telefon, Waschzeug etc. eingepackt, zwischen acht und neun Uhr soll Sako kommen.

Um acht ist er da. Er kommt oft früher als er soll, meist ist hier das Gegenteil der Fall. Sako ist ein zuverlässiges Schlitzohr und wenn man sich nicht von ihm übers Ohr hauen lässt, kommt man gut mit ihm aus. Er wohnt in Bamako, ist aber aus Segou, bekommt von mir 25000 FCFA, 40€, pro Tag für sich und das Auto, plus Diesel.

Eigentlich wäre ich ja gerne ohne Fahrer gefahren, aber hier verleiht keiner Autos ohne Fahrer, zu schnell sind sie hier über die Grenze verschwunden oder Schrotthaufen. Also fahre ich lieber mit Sako als mit einem fremden Fahrer. Sako fährt, nachdem er uns in Welengena abgesetzt hat, zurück nach Segou und ist dann übers Wochenende bei seinen

Verwandten, Sonntag Mittag holt er uns dann wieder ab.

Also los geht’s durchs vernebelte Bamako mit meiner, samt Bettzeug aufgerollten Matratze im Kofferraum.

Siedlungsprojekt des Präsidenten ATT

Bei 200 Metern Sicht circa, fahren wir durch die Landschaft, flach, landwirtschaftlich genutzt, mit einzelnen Bäumen auf den Feldern, unterbrochen von Gebüsch, kleinen Ortschaften und einzelnen Gehöften in der traditionellen Lehmbauweise, viereckige Wohnhäuser und die schönen runden mit Schilf oder Stroh gedeckten Vorratshütten.

Nach etwa hundert Kilometern, der Mitte zwischen Bamako und Segou, schiebt sich die Sonne durch den Dunst, und es wird deutlich wärmer. Sako und Madu unterhalten sich auf Bambara, ich genieße die Fahrt; auch nicht schlecht mal als Beifahrer.

Das Tor zum Bezirk Segou – und da recken sie ihre mächtigen Stämme durch den Nebel in den Himmel. Die ersten Baobabs in Natura.

Ohne Grün, es ist schließlich Winter, manchmal noch einige Früchte tragend, stehen sie auf den Feldern, einzeln oder mal zu zweit, verteilt.

Stämme mit mehreren Metern Durchmesser sind keine Seltenheit. Aber auch kleine, junge gibt es. Die meisten sind bewirtschaftet, das heißt sie werden, fast schon wie die Kopfweiden bei uns, beschnitten. An den Astenden hängen dann die Früchte. Jungen Bäumen werden bis in zirka zwei Metern Höhe die Rinde abgeschält, die für die traditionelle Medizin genutzt wird.

Segou.

Bei der Stadteinfahrt werden von der Polizei kritisch die Wagenpapiere von Sakos Taxi kontrolliert. Nach ein paar Erklärungen seitens Sako können wir in die Stadt hinein. Eine viertel Stunde halten wir bei Freunden von Sako, die an der Hauptstraße sitzen und Tee trinken, Brettspiele machen und sonst anscheinend nichts weiter zu tun haben. Erst auf der Rückfahrt wollen wir einen kleinen Rundgang durch Segou und an den Niger machen; jedoch Heute möglichst im Hellen noch in Welengena ankommen. Also weiter geht’s über die etwas schmale, anden Seitenrändern ausgefranste Straße. Kühe, Esel, Hunde, Eselkarren, Fußgänger, langsame Mopeds und Lkws muss man hier beachten, aber Sako fährt uns sicher durch die Landschaft. Es geht jetzt Richtung Kutiala, der größten Stadt bei Welengena. Dies ist eigentlich der Name für die Gegend hier, kein Ortsname. Welengena besteht aus mehreren Dörfern und vielen einzeln liegenden Höfen, Feldern, Mangobäumen, Baobabs, Buschland, umherziehenden Zeburinder Herden, Ziegen und Schafen. Sako hält mitten in der Landschaft am Straßenrand an, grummelt was vor sich hin, macht die Motorhaube auf

Warten auf Madu der im Dorf Wasser und Fahrradschlauch holt

um stirnrunzelnd den weißen Dampf zu betrachten, der vom Motor aufsteigt. Das fängt ja gut an denke ich mir und sehe wie das Kühlwasser aus einem völlig zerfressenen Schlauch spritzt. Schlauch mit Plastiktüte und Klebeband umwickelt, Wasser rein, zwei Kilometer gefahren, Motor kocht, im Dorf neues Wasser holen und Fahrradschlauch. Selbigen auch noch um den defekten Schlauch gewickelt, Wasser rein, entlüftet, drei Kilometer gefahren, Motor kocht. Kopfdichtung kaputt, bin ich mir mit Sako einig. Wieder Wasser rein,

entlüften, dann mit voll aufgedrehter Heizung und wenig Gas bei knapp hundert Grad die restlichen Kilometer nach Kutiala gerollt, bis auf den Hof eines Mechanikers. Sako verhandelt mit ihm, der gibt nach kurzer Überprüfung auch der Kopfdichtung die Schuld, dem Schlauch sowie so und macht sich mit seinen Helfern sofort dran den Schaden zu beheben. Uns hängt der Magen in den Knien und wir suchen ein winziges Restaurant an der belebten Straße auf. Sako bestellt Pommes mit Hühnchen, Madu Nudeln mit Huhn und ich Nudeln mit einer hellen scharfen Soße. Das vielleicht fünfzehn jährige Mädchen das uns bedient, schaut mich immer mit großen Augen an. Jeder bekommt noch einen großen Becher Wasser. Ich zahle für uns drei 1200 FCFA, 1,85 €, Wir beschließen für die noch fehlenden acht Kilometer nach Welengena das Angebot des Mechanikers anzunehmen mit seinem Auto weiter zu fahren, während das Taxi repariert wird. Also Gepäck umladen, für 3000 FCFA Essence getankt dann geht’s von der Hauptstraße rechts ab auf einer löchrigen, breiten Sandpiste Richtung Madu’s Heimatdorf. Die Sonne scheint bleich durch den Saharastaub; in anderthalb Stunden ist es dunkel. Die Spannung steigt; was mich wohl in Madus Dorf erwartet? Ich werde es in Kürze erfahren. Noch drei Kilometer Piste.

Hier war vor zwanzig Jahren noch dichter Wald erzählt Madu

Flache Lehmziegel Bauten tauchen aus dem Dunst auf. Eine kleine Moschee abseits. Rechts ein alter Baobab mit vielen großen Vogelnestern in der Krone. Gegenüber ein Boutiqui, Fahrradwerkstatt und Fleischgrill. Madu und Sako rufen Begrüßungsworte aus dem Fenster. So mogo bee dee – torosite. Wie geht’s? Alles gut! kommt als Antwort. Staubige, strahlende Kinder winken und auch die Alten. Wir halten am ersten Gehöft auf der rechten Seite, ein Rudel Kinder umschwärmt uns neugierig. Madu hat natürlich unser Kommen angekündigt und so wird die Schar der uns Begrüßenden immer größer, und ich blicke überhaupt nicht mehr durch wer wer ist, in dem Durcheinander. Nur Madu’s jüngerer Bruder, Darami heißt er, bleibt mir erstmal präsent. Er führt uns in seinen Hof, größere Kinder tragen unser Gepäck in das rechte der beiden Zimmer dieich hier ausmachen kann. Hier werde ich mit Madu schlafen, meine Matratze ausrollen. Madu auf der anderen, die mit einem Vorhang abgetrennt in der anderen Ecke liegt. Ein Wust von Kleidungsstücken hängt an einer Stange, darunter Töpfe und Schüsseln. Die Wände sind verputzt und Blau mit Mustern getüncht. Einen kahlen Nebenraum gibt es in dem Holzkohle in der einen und Zwiebeln in der anderen Ecke liegen.

Der Vorratsraum. Darami hat uns sein Zimmer für unseren Aufenthalt abgetreten. Mein Karton mit gekauftem Wasser wird herein gebracht. Vorsichtshalber habe ich mich mit sauberem Wasser zum Trinken versorgt, obwohl ich denke, dass ich mich in den letzten drei Monaten soweit akklimatisiert habe, dass mir ein bisschen schmutzigeres Wasser nichts mehr aus macht. Daramis Hof besteht aus dem Haus mit drei Räumen, dem Sitzplatz draußen mit einer dicken Maisstroh Schicht auf krummen Holzpfosten. Gerade so Stehhöhe. Eine Ziegelwand trennt den Wohnhof vom

Unser Schlafplatz am nächsten Morgen

Stallteil, wo mich ein Bulle und zwei Kühe aus ihren braunen Augen anschauen. Gut genährte Tiere mit sauberem Fell.

Daran anschließend das neu gebaute „Badezimmer“, die zweite Toilette im ganzen Dorf. Ein von einer Schulter hohen Lehmmauer umbauter Raum mit Zementboden. Im hinteren Teil ein Loch im Boden mit einer Grube darunter fürs Feste und einer Rinne mit Ausgang in der Umfriedungsmauer fürs Flüssige. Ein Eimer mit Wasser am Eingang zum Waschen und Nachspülen für die Pisse. Stinkt kaum und macht einen sauberen Eindruck.

Ausblick über die Mauer: Der große Baobab mit den Vogelnestern.

Sako verabschiedet sich, er bringt das geliehene Auto zurück Nach Kutiala und hofft, dass sein Taxi repariert ist. Ich gebe ihm schon einmal einen Teil der Fahrtkosten, damit er die Reparatur zahlen kann. Madu stellt mir seinen „grand frere“ vor, Omägä, der einen einzeln liegenden Hof mit viel Land einige Kilometer von hier bewirtschaftet.

Ein Kommen und Gehen von Kindern und Erwachsenen, Lachen und Scherzen um uns herum, ich fühle mich herzlich aufgenommen und einen Pulk von Kindern hinter uns her ziehend gehen Madu, Omägä und ich zu Madu’s Eltern, Onkel und Tante um sie zu begrüßen. Es ist inzwischen dunkel geworden. Ich habe meine Taschenlampe dabei und Madu hat eines der Kinder in den Dorfladen geschickt um noch eine zu kaufen.

Strom geschweige denn Straßenlaternen gibt es hier nicht. Frisch ist es, ein kühler Wind weht Staubfahnen hoch. Wir passieren einen Durchgang, einen niedrigen Raum und im Licht der Taschenlampen sehe ich an den Wänden Trommeln, Beutel und Gegenstände hängen, die ich nicht identifizieren kann im Dunkel. Dies ist das Fetisch Haus meines Vaters erklärt mir Madu. An der einen Wandseite hängen die Trommeln für die Totenfeiern, an der anderen die für Feste und ähnliche Gelegenheiten. Madus Vater führt die Rituale bei den Begräbnissen durch, begleitet die Toten mit Trommeln in die nächste Welt. Wir betreten den Innenhof des Gehöftes. Schwacher Lichtschein dringt aus dem Raum gegenüber in den mich Madu führt. Im Schein einer Petroleumlampe sitzen Wara, Madu’s Vater, Shotan, seine Mutter und Maramu die Frau seines Onkels um einen Charbonofen herum.

Ich werde mit warmem Händedruck begrüßt, mit direktem Blick in die Augen so mogo bee dee – torosite – amina – amina – amina. Weil ich natürlich nichts verstehe, sagt mir Madu vor, was ich beim Begrüßungsritual wann sagen muss. Eine Katze schleicht um uns herum, Kinder drängen sich an der Tür, kleine und größere Rotznasen schauen mich mit großen Augen an.

die drei Brüder – Omägä, Darami, Madu

Eine junge Frau bringt drei Schüsseln mit Essen herein und stellt sie auf den Boden. Das Abendessen. Madu fragt mich ob wir hier essen sollen oder beim petit frere, rethorische Frage, denke ich mir und antworte. „Beim petit frere“. Wir erheben uns, wünschen gute Nacht. Madu zieht mich zum nächsten Haus.

Hier begrüßt uns sein Onkel, petit pere Bougouza, der Dorfmarabu, mit weichem Händedruck und scheuem Blick der mich  nicht trifft. Eine Seltenheit hier, wo dir doch alle direkt in die Augen schauen, der Blickkontakt sehr wichtig ist für die Kommunikation. Wir verlassen den Hof und gehen durch das etwas unheimliche Fetischhaus durch zu Madu’s Bruder Darami, unserem Schlafplatz. Hier sitzen inzwischen Einige Männer und Kinder unter dem Schattendach mit der Strohdeckung beim Tee. Wieder mit großem Hallo werden wir begrüßt, mir der bequemste Polsterstuhl zum Sitzen angeboten. Alima, die erste Frau von Darami bringt das Abendessen, eine große Schüssel mit weißem Reis und eine kleinere mit Soße und kleinen Fleischstückchen. Madu schaut mich etwas entsetzt an – er hatte vergessen zu sagen dass ich kein Fleisch esse. Macht nichts, meine ich und lange wie die anderen Männer in die Reisschüssel, esse ihn halt pur. Doch nach zehn Minuten kommt Alima, mit Kind auf dem Rücken und einer kleinen Schüssel mit roter Soße in der Hand wieder. Lächelt mich an und stellt sie vor mich hin. I ne che, danke, sage ich und ziehe ein Reisbällchen mit der rechten Hand geformt durch die Soße. Der Abend wird lang. Nach dem Essen gibt es Tee. Überhaupt ist einer immer am Tee machen. Der jüngste Bruder Neryere ist es meist.

Hier bedient immer der Jüngere den Älteren. Er spricht ganz gut Französisch und mit ihm kann ich ganz gut reden. Er geht in Kutiala in die Schule Und arbeitet nebenbei auf dem Bau, erzählt er mir. Ein dauerndes Kommen und Gehen ist hier. Manchmal sitzen wir zu zehnt auf der Liege und den Gartenstühlen. Die langen Begrüßungen der Neuankömmlinge, neugierige Blicke zu mir. Einer aus dem Nachbardorf mit einer verletzten Hand, war ihm bei der Arbeit ein Stein darauf gefallen, reicht mir seinen Arm zur Begrüßung und erzählt auf Bambara wie es passiert ist. Nach kurzem Überlegen hole ich aus meinem Gepäck die grüne Dose mit dem Rest der Pferdesalbe, die mir meine Frau Karin vor der Abreise noch in die Hand drückte. Einen Teil habe ich selber verbraucht, einen anderen Sanata, Madu’s Frau, für den Rücken spendiert. Diese gebe ich dem Verletzten. Die Anwendungsweise erkläre ich französisch holprig dem auch gerade gekommenen Doktor aus der Gegend. Der gibt es dann in Bambara wieder. Die Freude ist groß. Ich reibe dem Verletzten die verstauchte Hand ein und bin damit gut eingeführt. Madu ist für einige Zeit zu seinen Eltern und Onkel verschwunden. Es ist ziemlich kühl geworden, ich schaue zum Himmel und sehe die Sterne, den Orion mit seinem Gürtel direkt über mir, der Saharastaub ist verschwunden. Morgen scheint bestimmt die Sonne wieder. Obwohl ich von den Unterhaltungen nichts verstehe, fühle ich mich sehr wohl unter den Leuten hier. Allmählich haben sich einige verabschiedet, Madu kommt wieder, wir rücken näher an den Holzkohle Ofen und trinken einen der letzten Tees vorm Schlafengehen.

Der nächste Morgen weckt mich mit strahlendem Sonnenschein. Madu ist auch schon wach, im Freiluft BadeZimmer, mit Blick auf den imposanten Baobab, steht ein Eimer mit warmem Wasser, woraus ich mir eine Hand voll Wasser ins Gesicht schmeiße und die Zähne putze. Madus jüngerer Bruder Darami bereitet das Futter für die drei Rinder. Madu und ich machen einen Rundgang durchs Dorf. Ich bin ganz hingerissen von den Lehmziegel Bauten

und den runden Stroh gedeckten Vorratshäusern.

Allerdings sind schon viele der LehmBauten verfallen, da die Bewohner das Dorf verlassen um Arbeit in den Städten zu finden.

Die Chance auf Arbeit hier ist gering, und ein Luxusleben, auch in bescheidenem Maße ist das hier wirklich nicht. Wenig Wasser, kein Strom, Landwirtschaft ist nur Richtung Regenzeit möglich, ohne ohne Bewässerung. So ist es sehr schwierig im Dorf Geld zu verdienen und ohne Geld kann man die Grundlagen nicht verbessern. Immerhin wurde am Rande des Dorfes eine neue Schule gebaut, sogar mit Toiletten, die von einer nicht staatlichen deutschen Hilfsorganisation finanziert werden sollten. Aber nach diversen Querelen mit den malischen Vertretern, die die Kohle in ihr eigenes Heimatdorf und eigenen Geldbeutel umgeleitet haben, wurde es doch selbst geschafft auch noch das Dach zu organisieren.

Inzwischen sind wir am Dorfplatz angekommen, wo am Grillplatz eine Frau sitzt und kleine Pfannkuchen aus Hirsemehl auf einem Holzkohleofen bäckt. Für 200 FCFA zirka 30 € cent bekommen wir eine ganze Schüssel voll und gehen wieder zurück zu Darami, der inzwischen die Kühe hinaus gelassen hat zum Blätter und Buschwerk abweiden. Gras gibt es jetzt nicht. Alima hat eine große Schüssel Moni gekocht, eine weiße dickflüssige Suppe mit weißen Klümpchen. Hält nicht lange vor, ziemlich geschmacklos, etwas säuerlich süßlich, das übliche Frühstück hier. Auch aus Hirse. Wir essen es alle aus einer Schüssel mit Schöpfkellen ähnlichen Löffeln aus Holz oder buntem Plastik. Nicht gerade der Hit, aber mit den Pfannkuchen ganz ok. Die Männer essen zuerst, dann die Kinder und Frauen was übrig bleibt. So ist das hier. Also als Mann nicht alles aufessen!

Neryere macht schon wieder Tee, die Kinder wuseln um uns herum, ich mache Fotos und fasziniert schauen sich die Kleinen, und nicht nur die, das Ergebnis auf dem Display an.

Jetzt gehen wir zusammen mit Madu’s älterem Bruder Omägä zu ihren Eltern. Ich werde wieder herzlich begrüßt. Wara, der Vater ist ein ganz lieber Fünfundachtzig jähriger Mann mit einer ungemein freundlichen Ausstrahlung, ungewöhnlich alt für Mali, wo ein Durchschnittsalter von einundfünfzig Jahren herrscht.Er macht die Begräbniszeremonien, spielt die Totentrommeln, bei Festen spielt er Ballaphon und singt. Ist auch für die traditionelle Medizin zuständig. Shotan die Mutter begrüßt mich und fragt, nach der langen Begrüßungszeremonie, natürlich über Madu, besorgt, ob ich auch genug zu essen hätte, denn ohne Fleisch sei es doch schwierig hier. Fleisch macht hier nicht die Menge, sondern den Geschmack in den Soßen. Gemüse gibt es nur sehr wenig in der Trockenzeit, und so ist das Angebot für Vegetarier noch etwas dürftiger als für Allesesser. Aber ich sage ihr, dass alles wunderbar sei, ich satt sei und für die liebe Aufnahme im Dorf danke.

Wara und Shotan – Madu mit Tante Maramu

Madu und ich haben ein kleines Programm für Heute. Mittagessen bei Omägä, er bewirtschaftet einen Hof ein paar Kilometer weiter, vorher noch die kleine Schwester besuchen.. nachmittags größerer Rundgang durch das Dorf und später dann ein Besuch bei Onkel Bougouza dem Dorfmarabu und seiner Frau Maramu.

Bougouza will die Karten für mich legen, wie wir sagen würden, er wird es auf seine Weise machen. Ich bin gespannt. Habe gehört, dass Leute sogar aus dem fernen Bamako bis hier her kommen, um sich weissagen zu lassen. Aber jetzt setzen wir uns erstmal auf das von Omägä geliehene Moped und knattern nach anfänglichen Startschwierigkeiten zur „Tankstelle“, dem Boutiqui, dem Dorfladen.

Draußen steht ein Regal mitalten ein Liter Glasflaschen, in eine wird etwas Zweitaktöl nach Gefühl gegossen, dann mit Benzin aufgefüllt und ab in den Tank. Vier Mal das Ganze für je siebenhundert FCFA, macht zirka vier Euro fünfzig, ganz schön teuer für die Verhältnisse hier. Ich übernehme die Bezahlung und dann geht es los. Ein Gewirr von Wegenund Fahrspuren, über ausgetrocknete Felder, in Abständen von Nußbäumen und Mangos bewachsen, an dichtem Gebüsch vorbei, Palmen, ab und zu ein dicker Baobab, Gehöfte mit Frauen und Kindern denen Madu Begrüßungen zuruft. Wir sind am Hof seiner kleinen Schwester angekommen, er hat ein paar Geschenke für sie dabei, aber die Frau im Hof, mit dem kleinen Mädchen das mich mit großen Augen anstarrt, bedeutet ihm, dass sie nicht da ist. Madu lässt die Sachen da und wir fahren weiter durch den Busch zu Madu’s Bruder.

Nach zwei, drei Kilometern kommen wir zu Omägäs Hof und werden strahlend empfangen.

Es ist noch zu früh zum Essen und so sitzen wir, die Männer unter dem Vordach und trinken…was wohl? Tee. Omägäs Frau stampft Mais für To im großen Mörser und seine kleine Tochter linst scheu hinter dem Türpfosten hervor. Omägä wollte eigentlich in der Armee bleiben, war schon Offiziersanwärter, ein „sicherer“Job, aber der Vater hat, wie meist hier im Dorf, durchgesetzt, dass er die Landwirtschaft übernimmt. Aber wie soll man hier Landwirtschaft machen, wenn man nur ein paar Monate im Jahr hat. Der Brunnen ist jetzt schon fast trocken und bis zur Regenzeit sind es noch Monate. Über dem eigentlichen Grundwasser liegt eine harte Steinplatte, wie dick weiß man nicht genau, meint Omägä. Wenn man die durchbohren könnte, gäbe es genug Wasser. Aber das kostet zu viel. Es ist wie überall – ohne Geld keine Investitionen – ohne Investitionen kein Verdienst. Madu meinte, wenn ich wollte könnte ich mich auch alleine etwas umsehen, und nachdem mir Omägä versicherte es gäbe nur kleine, schwarze, giftige Schlangen, die ziemlich schnell seien, aber mit meinen dicken Schuhen das kein Problem sei, mache ich mich beruhigt auf zu einem Spaziergang. Eine gute Stunde treibe ich mich jetzt in der Landschaft herum, schaue mir fremde Pflanzen und Blüten an, sitze eine Weile an einen Baobab gelehnt; die Großen, Alten, meist mehr Stamm als Ast, knorrige Wesen.

Lasse die Landschaft auf mich wirken und stelle fest, dass ich ja doch noch immer in einer Kultur Landschaft sitze und nicht im Urwald. Bis auf ein paar laute, bunte Vögel ist die Fauna nicht besonders rege. Es zwicken keine Ameisen oder Termiten und kleine schwarze Schlangen habe ich auch nicht gesehen. Langsam gehe ich wieder zurück an dem Brunnen vorbei, dessen Rand ein alter Autoreifen befestigt.

In ungefähr sechs Metern Tiefe spiegelt sich die Wasserfläche. Über die Felder komme ich wieder zu dem einstöckigen Lehmziegel-Bau in L Form. Drei runde Vorratshäuser mit Strohdach und Esel dazwischen bilden dann das U. Im Hof liegt ein großer Stapel frisch gemachter Lehmziegel um zu einem weiteren Gebäude verbaut zu werden. Dann ist der Vierseithof fertig. Omägä und Madu sitzen noch unter dem Schattendach, aus dem kleinen demolierten Radiorekorder schallt Ballaphon und malische Gesänge. Omägäs Frau bringt eine Schüssel Mais To mit den üblichen zwei Soßen, die grüne aus Acekeschoten und Baobabfrucht, die Rote aus Tomatenmark, Zwiebeln und sonstigen Gewürzen. Die Grüne kostet schon Überwindung und geschmacklich eher nichts sagend. Ich halte mich an die rote Soße. Zum Trinken Wasser aus dem Becher.

Ich hatte mir ja eine Kiste Mineralwasser gekauft, aber ich trinke auch Brunnenwasser, wenn es nicht gerade rot oder sonstig gefärbt ist. Gegen Bakterien oder ähnliches bin ich sehr resistent, wie mir die letzten drei Monate in Mali bestätigen. In Bamako schmeckt das Wasser ziemlich nach Chlor, weshalb ich Flaschenwasser vorziehe. 12 mal 1,5 l kosten 5€, auch nicht billig. Aus einem Plastikeimer mit Deckel bietet mir Omägä Milch von den eigenen Kühen an; sehr gut, wie sich’s gehört. Danach noch ein Glas Wein aus der Gegend. Da muß man erst noch einen zweiten Schluck nehmen, um ein Urteil fällen zu können. Auch nicht schlecht, süß, etwas herb und sehr fruchtig, wenig Alkohol, sechs bis sieben Prozent vielleicht. Kann man trinken. Beim abschließenden Tee unterhalten wir uns über die Wasser und Geldprobleme, das Hauptthema. Ich erzähle dass es bei uns in Europa auch nicht so einfach ist und es arme Leute gibt. Aber wenigstens genug Wasser gibt es noch. Wir jammern auf anderem Niveau.

Wir verabschieden und schwingen uns auf’s Moped, fahren wieder Richtung Dorf. Omägä braucht nachher das Moped um nach Kutiala zu fahren. Er kommt mit dem Rad nach. Wir halten zwischendurch noch am Baumwollsammelplatz wo große rechteckige Baumwollhaufen liegen.

Mehrere Arbeiter sind dabei auf blaue Plastikplanen die Baumwolle zu häufen und dann die zugebundene Plane zu der Hütte, vor der eine Waage, steht zu schleppen.

Auch hier werden wir mit großem Hallo begrüßt. Die Geschäfte gehen schlecht, der Baumwollpreis ist unten, von den subventionierenden Amerikanern versaut. Trotzdem Lachen und Fröhlichkeit. Wieder auf’s Moped und während der kurzen Fahrt zum Dorf erklärt mir Madu, dass vor zwanzig Jahren hier überall noch dichter Wald war. Alles wurde zu Bauholz und Holzkohle verarbeitet und man sieht auch immer wieder Frauen mit Holzbündeln auf dem Kopf aus dem Busch kommen, mit denen sie die Kohlemeiler füttern. Womit soll man sonst kochen. Seit Jahrtausenden geht das mit Holzkohle. Es gibt nichts anderes. Wir kommen noch an der kleinen Moschee vorbei, die vor ein paar Jahren gebaut wurde, nachdem der letzte Dorfvorsteher, der den Bau immer verhinderte, starb.

Aber Moslems sind hier immer noch in der Minderzahl. Die Moschee durfte auch nur außerhalb des Dorfes gebaut werden. Wir kommen an einem anderen Platz, dem Festplatz, vorbei. In der Mitte steht ein kleines Fetischhäuschen.

Hier finden Feste und Zeremonien statt. Nachts sei es hier gefährlich meint Madu, der ja nicht an Geister oder ähnliches glaubt. Als Kind wurde er jedoch von seinem Onkel dem Marabu,den wir gleich besuchen werden, initiiert, er sollte mal das Erbe seines Onkels übernehmen, die Tradition fortführen. Aber er ist lieber Musiker und hat sich durchgesetzt.

Drei Stühle stehen links an der Wand des Fetischraumes in den uns Bougouza mit dem weichen Hände Druck und dem scheuen Blick führt. Niedrig, nur spärlich erhellt durch die Türöffnung. Wir setzen uns, Bougouza mit dem Rücken zu uns, den Blick ins Dunkel des kleinen Raumes gerichtet. Überall hängen Beutel, Bündel mit Kräutern und allerlei magische Gegenstände. Bougouza sitzt auf dem Boden, rechts neben sich eine zirka dreißig Zentimeter breite und einen Meter lange Bahn mit glatt gestrichenem Sand. Er drückt mir eine Hand voll Sand in die meine, ohne sich um zudrehen, irgend etwas murmelnd. Madu bedeutet mir meine Fragen laut auf Deutsch in den Sand in meiner Hand zu sagen und dann den Sand seinem Onkel zurück zu geben. Dann lege ich noch fünfhundert FCFA, ungefähr achtzig Cent, auf einen Stein, wo noch andere Münzen liegen. Bougouza verstreut den Sand aus meiner Hand auf seiner Sandbahn, streicht sie wieder glatt und beginnt vor sich hin murmelnd mit der Rechten Zeichen in den Sand zu setzen. Wie ich sehe, die gleichen, die ich schon auf einem Zettel, der an dem Türpfosten hängt, bemerkt habe.Sie sehen aus wie Tierspuren im Sand. Nach einer Weile fängt er an zu sprechen. Madu übersetzt. Ich bin erstaunt. Alles was er sagt bezieht sich genau auf das, was ich fragte. Genauer lasse ich mich an dieser Stelle nicht über den Inhalt aus. Privatsache. Aber Bougouza ist schon überzeugend. Die Sitzung ist beendet. Wir verabschieden uns. Draußen auf der Bank warten inzwischen zwei gut gekleidete junge Männer mit Handys darauf, dass sie dran kommen. Richtig viel los ist hier im Hof.

Blick von Daramis Hof

Zwei kleine Mädchen stampfen im großen Mörser Mais. Eine Frau sortiert die auf einem großen Lehmofen getrockneten Nüsse, die zu „beurre carite“ verarbeitet werden. Hunde, Katzen, Hühner, Kinder. Zwei bunt gekleidete, stolze, jun ge Frauen wollen auch zum Marabu. Madu’s Vater unterm Schattendach lädt mich zu einem Becher Hirsebier ein. Schmeckt ein bisschen wie Apfelmost und sieht auch so trübe aus. Wir gehen wieder durch das Fetischhaus. Einer der modernen Jünglinge hat doch tatsächlich sein schniekes Moped direkt vor den Ausgang geparkt. Madu stellt es Kopf schüttelnd weg und wir gehen wieder zu Daramani. Dort lassen wir uns im Hof unter dem Dach nieder, es wird bald dunkel, wir genießen den Tee den Neryere macht und das Pate, leckere Krapfen aus Hirsemehl mit Chili drin, von denen Alima eine große Schüssel voll gemacht hat. Der Abend verläuft ähnlich wie der letzte. Kommen und Gehen. Kinder wollen fotografiert werden, ein Tee nach dem anderen. Madu geht später nochmal zu Vater und Onkel. Ein guter Tag gewesen mit vielen Eindrücken und einem Dorfgemeinschaftsgefühl wie ich es sonst noch nicht erlebt habe. Ich denke bei mir; ein halbes Jahr würde ich es schon aushalten, auf Trapper Niveau, so fühle ich mich hier ein bisschen. Befriedigt von dem Tag strecke ich mich gegen vierundzwanzig Uhr auf meiner Matratze aus.

Termitenbau

Kurz nach Sonnenaufgang sind wir wieder wach. Es ist kühl, aber die Sonne scheint. Madu fragt ob ich mich waschen wolle, ich nicke. Nach kurzer Zeit kommt Daramis zweite Frau Säba, hochschwanger, mit einem großen Eimer warmen Wassers an, den ich ihr gleich abnehme und unter ihrem erstaunten Blick selber zum Freiluftbad schleppe. Da hätte ich auch auf’s Waschen verzichtet, wenn ich das gewusst hätte. Tage später sollte ich erfahren, dass sie ihr Kind verloren hat. Afrika, viel Armut unter wenigen Reichen, die nichts abgeben, ärztliche Versorgung auf dem Land gleich null und wenn dann kostet sie. Schwer zu verändernde Traditionen, die doch auch vieles zusammenhalten. Ich wasche mich mit dem warmen Wasser, den Blick auf den großen, von Krähen artigen Vögeln mit langen Schwänzen umflatterten Baobab gerichtet. Die zwei Kühe und der Bulle schauen mich neugierig an als ich das Bad wieder verlasse und mich zu Madu unter das Dach setze. Die noch niedrig stehende Sonne vertreibt die morgendliche Kühle. Madu drückt einem kleinen Jungen zweihundert FCFA in die Hand zum Hirseküchlein kaufen. Alima bringt das obligatorische Moni. Darami gesellt sich zu uns mit der kleinen Tochter auf dem Schoß, auch Omägä taucht auf. Er hat aus dem Nachbardorf ein vier Liter Kanister mit Hirsebier für uns zum mitnehmen geholt. Madus Vater hat sich auf den Weg gemacht, Rinde und verschiedene Blätter zu sammeln, als Arznei für Madu’s ewig kranke Frau, die glaube ich einfach keine Synthese findet zwischen der Tradition und dem „modernen Leben“ in Bamako. Gegen zehn Uhr taucht Sako auf mit dem reparierten Taxi. Dreißig Euro hat er für geplatzten Schlauch, neue Kopfdichtung und Einbau gezahlt. Guter Preis. Ich mache mich jetzt, einen Schwarm Kinder hinter mich herziehend, auf zu einer Fotorunde durch das Dorf.

Wasserstelle

Eines der Kinder ein etwa zehn jähriger Junge kann etwas Französisch, er saß schon gestern Abend länger bei mir, immer seine kleine Schwester auf dem Rücken oder Schoß. Mit ihm kann ich mich gut verständigen. Viele Dorf Bewohner winken mir zu, grüßen mich. Hast du das Vertrauen der Kinder, ist das der Erwachsenen auch da.

Jetzt schauen wir noch zu der Mühle, wo ein lauter Dieselmotor die Mahlsteine antreibt und Nüsse für „beurre carite“ zu einer dicken dunkel braunen Masse mahlt.

Diese „beurre carite“ wird sowohl als Fett zum Kochen, als auch als Creme zum einreiben der Haut benutzt. Riecht etwas streng für unsere Nasen. Aber im Essen fällt es kaum auf. Als wir wieder bei Darami eintreffen, erfahre ich, dass Madu’s Vater wieder zurück ist und wir gehen zusammen mit Sako und Omägä wider durch das Fetischhaus hindurch zu Madu’s Eltern. Wara sitzt vorm Haus, rötliche Rinde in kleine Stücke hackend und Blätter in Bündel bindend.

Als nach einer Weile alles in Plastiktüten verpackt ist, naht das Abschied nehmen. Ich würde gerne das nächste Mal, wenn ich etwas Bambara spreche, mit dir Rinde und Blätter sammeln gehen, sage ich zu Wara. Die erfreute Antwort war.“Sehr gerne, das nächste Mal werde ich für dich singen und Ballaphon spielen.

Der Abschied, wie die Begrüßung, ein gegenseitiges Gutes wünschen, für die Familie, das Dorf; ich danke für die gute Aufname – amina – amina. Ich gebe Wara als kleines Dankeschön 5000 FCFA. Auch Bougouza kommt und verabschiedet mich mit seinem weichen Händedruck.

Madu’s Mutter und die Tante überschütten mich mit Segenswünschen und ich antworte wie von Madu beigebracht – amina – amina. Wir packen die Plastiktüten mit den Arzneien und mit einem letzten Winken gehen wir durch das Fetischhaus zu Darami hinüber wo das Taxi steht. Wir laden unsere Sachen ein, wieder umschwärmt von Kindern und Erwachsenen, noch ein paar Fotos aus dem Autofenster, der kleine Junge mit seiner Schwester auf dem Rücken fragt mich traurig, warum ich nicht da bleibe. Das Dorf hat seine Eindrücke bei mir hinterlassen.

Auf dem Weg nach Kutiala treffen wir noch den Großen, Lustigen der sich überschwenglich für die gute Salbe bedankt. Akafsa – akafsa., besser – besser; ein paar Worte Bambara sind inzwischen auch bei mir hängengeblieben. Schwierig wenn man gleich zwei neue Sprachen lernen soll. Nach zwei ein halb Stunden erreichen wir Segou, wo wir noch einen Blick auf den breiten Niger und die Bühnen für das Niger Musik Festival werfen das hier in den nächsten Tagen stattfindet.

Auf der weiteren Heimfahrt kaufen wir noch zwei große Säcke Holzkohle. Einen für Sako und einen für uns. Sie kosten hier nurhalb so viel wie in Bamako. Chistof kocht in Bamako mit Gas, aber Sanata braucht die traditionelle Kochweise mit Charbon.

Jetzt sind wir den Berg zu Christof’s Haus hinaufgekrochen in der Dunkelheit und werden mit lautem Gebell von Leo und großem Hallo von Sanata, Christof, den Nachbarn und den Kindern begrüßt.

Eberhard Jost