Brief von Uwe Folkerts an RA Eisel

Sehr geehrter Herr Eisel,

Ihren Brief in oben genannter Angelegenheit habe ich inzwischen über Umwege erhalten. Leider komme ich erst heute dazu Ihnen zu antworten, da ich mich momentan nicht in Deutschland aufhalte.

Es hat mich sehr verwundert, dass Dr. Querfurt und Sie als sogenannte sozial engagierte Menschen diesen juristischen Weg beschreiten, um einen Kritiker mundtot zu machen. Selbst wenn es zutreffen sollte, dass die Kritik ungerechtfertigt wäre, was in einem anstehenden öffentlichen politischen und nicht gerichtlichem Klärungsprozess erst noch festzustellen wäre, zeugt Ihr Vorgehen, bzw. das Ihrer Mandantschaft von einer ausgesprochenen Angst, den Sachverhalt in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Bisher hatte ich noch keinen Standpunkt zu den Anschuldigungen von Christof Wackernagel eingenommen, sondern ich wollte hierzu nur eine politische Auseinandersetzung führen und fordern. Aber die Reaktion des Dr. Querfurt spricht jetzt für sich.

Mit juristischen Mitteln darauf zu reagieren und dann noch Sie als Rechtsvertreter einzusetzen hat bei mir äußerste Skepsis ausgelöst. Ich weiß, dass Christof Wackernagel, aufgrund seiner Mentalität und seines Gerechtigkeitssinnes gerne emotional aufgeladen argumentiert, was zwar für viele Menschen als lästig empfunden wird, aber grundsätzlich nicht falsch  ist.

Sie können davon ausgehen, dass ich die Auseinandersetzung öffentlich führen werde, dies auch über meine vielfältigen Kontakte. Gerade ich war es ja, der die öffentliche Auseinandersetzung forderte, was aber durch Dr. Querfurt und mit ihm verbundenen Personen mittels juristischer Schritte verhindert werden soll. Schon alleine daraus können Sie ablesen, dass ich alle Schreiben öffentlich zugänglich machen werde, auch an diverse Publikationen.
Ihrer Bitte, die Adressen der Personen zu erfragen, denen ich die Schreiben zur Verfügung gestellt habe, kann aus grundsätzlichen Erwägungen nicht entsprochen werden. Diese Bitte zeigt mir aber, inwieweit Ihnen das Gefühl für den Schutz der Privatsphäre abhanden gekommen ist.

Sie werden sicherlich meiner Bitte Folge leisten, mich von künftigen lästigen anwaltlichen Schreiben zu verschonen. Fuer  eine persoenliche und politische Auseinandersetzung ueber die betreffende Problematik stehe jedoch jederzeit gerne zur Verfuegung.
Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie noch ein gesundes neues Jahr. Und hoffe, dass Sie dies über Ihre Mandanten auch für Christof Wackernagel sicherstellen.
Hochachtungsvoll

Uwe Folkerts

Brief von Fabian Grieger, 14 Jahre, an Christof

Brief von Fabian Grieger, 14 Jahre, an Christof

Lieber Christof,

Hier schreibe ich dir mal eine Mail. Wie du sicher weißt waren wir ja in Indien und was mich dort besonders beeindruckt hat ist die Lebensfreude, die die Menschen dort, trotz der vielen Armut, prägt. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass diese Lebensfreude in den unteren Gesellschaftsschichten deutlicher oder stärker vorhanden ist, als in den oberen Schichten. Daran, dass diese unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in Indien bestehen, besteht wohl kein Zweifel, auch wenn diese auf Grund der angesprochenen Lebensfreude auf der Straße kaum zu erkennen sind. Natürlich lässt sich der Lebensstandard an Materiellem festmachen, doch nicht an der nach Außen dringenden Glücklichkeit, was bei mir die Frage nach sich zieht, ob solch eine materielle wohlhabende Welt, wie ich sie kenne, überhaupt erstrebenswert ist. Doch das Streben nach ihr besteht zweifelsohne und das lässt sich überall erkennen. Für mich allerdings auch bei den Bettlern, das mag paradox klingen, aber so habe ich es teilweise auch empfunden.

Und zwar entdeckte ich inmitten der vielen fröhlichen Gesichter, die von Traurigkeit geprägten und nach Mitleid ächzenden Bettler. Ich schaute die arme Frau mit dem hungernden Kind auf dem Arm an und bekomme Mitleid. Das Bedürfnis des Gebens kommt auf und fast schon nach Gewohnheit kramt Karlheinz nach einer Münze oder einem kleinen Schein, was ich als Erwachsener sicher auch getan hätte. Das ist menschlich, doch mein Gehirn sagt „stopp“, so hart das auch klingt. Denn hat diese Bettlerin nicht genau die gleichen Voraussetzungen wie der Schneider an der Ecke, der für das Umnähen von Franziskas Jacke gerade einmal 15 Rupien (ca. 20 Cent) verlangt? Der Schneider lächelt, wirkt glücklich mit seinem bescheidenen Leben und seiner sinnvollen Tätigkeit für die Gesellschaft. Und die Bettlerin? Lässt sich auf das Niedrigste menschliche Niveau herab, versucht sich unter die Anderen zu stellen und macht sich selbst zu dem was sie ist, für Geld!

Oft habe ich beobachtet, dass sich Leute über eine Mandarine mehr gefreut haben, als über Geld. Doch gibt man der armen Frau 15 Rupien (wie dem Schneider, lässt sie nicht locker und will mehr, getrieben von dem Wunsch nach Wohlstand und mehr, getrieben von dem Gedanken so viel haben zu wollen wie der Spender. Ich glaube, dass jeder Mensch etwas tun kann und Fähigkeiten hat, dass jeder etwas für die Gesellschaft tun kann und jemand nicht dafür entlohnt werden sollte, dass er sich unter Andere stellt. Mit der Phrase „etwas für die Gesellschaft tun“ meine ich nicht nur arbeiten und schon gar nicht Geld verdienen, sondern auch z.B. das Einsetzen für die Rechte der Armen (wie es Bettler zweifelsohne sind) und aktiv etwas dafür zu tun, dass die Dinge sich ändern. In welchen Dimensionen das geschieht, spielt keine Rolle. Was macht ein die Ungerechtigkeit akzeptierender Bettler für die Gesellschaft? Übrigens glaube ich nicht, dass ein politisches System das Betteln (besonders das moralische) durch Bekämpfung der Armut abschaffen kann, dazu gleich ein Beispiel, wir befinden uns übrigens im kommunistischen Bundesstaat Kerala.

Heute haben wir eine Wanderung mit einem Guide gemacht, den wir von dem Preis 600 Rupien pro Person auf 200 herunterhandeln mussten (200 war immer noch ein sehr hoher Preis, den ein anderer Guide angegeben hatte). Dieser führte uns zu einer Hütte der Ureinwohner Toda, die offensichtlich Touristen (es ist grausam der reiche angeblich bessere Weiße zu sein) gewohnt waren. Schnell führte uns eine kleine überfreundliche alte Frau in ihre Holzhütte und küsste Ute und Franziska die Hand. Dann nach unnatürlichem Smalltalk, mussten wir ihre traditionelle Kleidung und eine Kette anprobieren und fotografieren lassen. Schließlich erklärte sie uns, dass ihr Mann vor 10 Jahren gestorben war und zeigte uns ein Bild von ihm. Direkt darauf wollte sie uns sowohl Kleidung als auch Kette schenken, letzteres war einfach nicht zu verhindern. Nun führte sie uns hinaus, weitere unehrliche Liebkosungen und Händehalten erfolgten bis sie schließlich erklärte ins Krankenhaus zu müssen und um Begleitung bat, darauf bettelte auch sie um Geld. Nun stand da die arme alte Ureinwohnerin, die auf Grund ihres verstorbenen Mannes ganz alleine war und schenkte den reichen Europäern etwas. Karlheinz gab ihr 50 Rupien, sie wollte mehr. Bettelte weiter und weiter und hielt Karlheinz fest, er gab ihr weitere 100 Rupien. Sie wollte mehr, der Guide beobachtete alles erstaunt doch es war schwer der alten Frau zu entfliehen. Später bezahlten wir den Guide, 800 Rupien. Flehend sah er uns an, wohlwissend um den Erfolg der alten Frau und wollte 50 Rupien mehr. Er bekam 20 und der Guide besaß ein Haus und sein Sohn studierte. Nur zur Erinnerung, der Schneider erhielt ehrliche 15 Rupien und bat nicht um Trinkgeld. Ich glaube kaum, dass die Frau und der Guide an Essen und Überleben dachten, nein es war diese Gierigkeit, entstanden aus dem Bedürfnis nach dem Reichtum der Weißen. Und dieses kann kein System ändern und so bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass ein politisches System nur die gleichen Voraussetzungen und Grundlagen für jeden Menschen garantieren kann. Ungleichheit wird immer bleiben, was in der Natur des Menschen liegt, da er unterschiedliche Fähigkeiten hat. Und ein Verbessern der Voraussetzungen würde gleichzeitig die Möglichkeit schaffen, mehr für die Gesellschaft zu tun, wie zum Beispiel beim Grundeinkommen. Doch auch dieses wird das Betteln nicht ändern können, da es dieses moralische Betteln ist, selbst von „Reichen“ und eine echte Gefahr für die Lebensfreude der Menschen hier darstellt. So wird auch eine Verbesserung der Grundstandards das Ächzen nach mehr nicht ändern können, da es immer Ungleichheit geben wird. So glaube ich, dass die arme Welt ohne die Westliche oder die Oberschichten keine Arme mehr wäre und glücklicher wäre als die luxuriösere. Denn diese Lebensfreude gründet sich, glaube ich, auf das Freuen über die kleinen Dinge (Mandarine, Freundlichkeit), das so in Europas Mittelschicht und Oberklasse nicht vorhanden ist.

Wie ist es in Mali und welchen Umgang pflegst du mit Bettlern?

Ich hoffe du findest Zeit die Mail zu lesen und zu antworten,
viele Grüße,
Fabian.

Wie die Weissen den Krieg unter den Schwarzen anzetteln

Wie die Weissen den Krieg unter den Schwarzen anzetteln

Bericht von Madou Coulibaly nach seinem Besuch in Quelenguena vom 23. bis 27.1.2010:

Madou sprach lange mit dem Bürgermeister (Dougoutigi), seinem Vater, seinem Onkel, der der Feticheur des Dorfes ist und einigen Freuden über die Hintergründe der Auseinandersetzungen beim Toilettenbau, dem Auslöser des Konflikts mit APA, dem ersten Beispiel für meinen Vorwurf der Verletzung und Missachtung der Menschenwürde und des Respekts gegenüber der Bevölkerung von Quelenguena sowohl durch Dr. Herbert Querfurt als auch durch seine Mitarbeiter Dr. Seydou Segoule und Haby Dembele.

Und dem ersten drastischen Beispiel für die durch die Einmischung der Weissen, ihr Geld und ihre ungefragten Vorschläge ausgelösten Konflikte unter den Afrikanern selbst.

Madous bester Freund seit Schulzeiten, Mohammed hatte den Bau der Schule initiiert, das Geld dafür gesammelt, den Bau zusammen mit Madous Bruder, dem Ingenieur Kassim realisiert, eine Schnellausbildung als Lehrer gemacht und die Schule seitdem geleitet. Er ist im ganzen Dorf ein geachteter Mann und gilt als 100% integer.

Als nach den bekannten Querelen endlich mit dem Bau begonnen werden konnte, bekam er von Dr. Seydou 300 Euro, 200 000 Fcfa als Anzahlung.

Als das Geld verbraucht war, nur noch das Blechdach fehlte, bat er um die restlichen 200 Euro, 130 000 Fcfa.

Segoule/Dembele sagten, das Geld müsse vorgestreckt werden, was Mohammed ablehnte.

Daraufhin kamen Dr. Seydou Segoule und Haby Dembele nach Quelenguena und klagten Mohammed öffentlich an, die 300 Euro nicht korrekt ausgegeben zu haben, weswegen die restlichen 200 Euro an einen mit Dr. Seydou befreundeten Bauunternehmer in Kutialla gingen, der dafür das Blechdach installierte.

Obwohl kein Mensch im Dorf Mohammed eine Unterschlagung auch nur des geringsten Betrages zutraut oder gar vorwirft, was Madou auf mehrfache Nachfrage bestätigte, ist Mohammed von diesem Vorwurf und vor allem Vorgang, also den Bedingungen seiner Äusserung, so tief getroffen, das er ihn „bis zum Ende seines Lebens nicht vergessen“ werde. Der Kontakt zu Madou brach ab. Als Madou jetzt fragte, was los sei, warum er ihn nicht treffe, wurde er davon unterrichtet, dass Mohammed vor einiger Zeit ohne sich zu verabschieden zu seinem Vater nach Abijan gereist sei, man nicht wisse, wann er wiederkomme, und ein anderer Schulleiter installiert worden sei.

Die Ethnologin Noemi Steuer, die seit zwölf Jahren nach Mali reist und derzeit an einer Dissertation über „Namen und Ehre in der malischen Gesellschaft“ arbeitet, erklärte mir dazu im Allgemeinen:

„Wenn jemand den „Namen“, die Ehre eines anderen angreifen will, kann er das auf zwei Weisen tun:

  1. er streut hinter dem Rücken des Betroffenen ein Gerücht aus, sagt es ihm aber nicht ins Gesicht und gibt es nicht zu. Das unterhöhlt das Ansehen, die Ehre des Betroffenen, wahrt aber den Respekt gegenüber demjenigen.
    Oder
  2. er klagt ihn öffentlich an. Das zerstört nicht nur seine Ehre, sondern verweigert auch den Respekt, einen der höchsten Werte in der malischen Gesellschaft“ (ein Zusammenhang, den ich auch von Malinowski aus seinen Studien über die tobriandische Gesellschaft kenne).

Noemi Steuer, die die beteiligten Personen kennt, erklärt zu dem konkreten Vorfall:
Niemand weiss das besser als Haby und Seydou. Solch einen Vorwurf öffentlich zu inszenieren, zerstört Namen und Ehre, unabhängig davon, ob er gerechtfertigt ist oder nicht: der Respekt vor dieser Person ist öffentlich zerstört, „gaté“, verdorben.

Und sie schliesst wörtlich: „Das ist ein Kriegsakt“

Hervorhebung durch mich, da sich jeder weitere Kommentar erübrigt.

Christof Wackernagel, Bamako, den 28.1.2010

Zu dem Querfurt Papier: „Den Ärmsten der Armen“.

Zu dem Querfurt Papier: „Den Ärmsten der Armen“.

Ich habe „APA als exemplarischen Fall“ ins Netz gesetzt, die „Erklärung zum Mali Tag“ geschrieben, die Ergänzung „Briefauszug“, die Antwort auf RA Eisel, den Kommentar zu Querfurts Brief an Uwe Folkerts und eine Liste von unbeantwortete Fragen.
Dr. Querfurt geht auf keinen der entscheidenden Punkte ein, behauptet in den wenigen, in denen er das tut, einfach das Gegenteil, setzt dabei Unwahrheiten in die Welt und erklärt seine Wünsche als Wirklichkeit –
ich komme mir langsam vor wie das Kind in „des Königs neue Kleider“:

  • Schon vor einem Jahr habe ich eine 16 minütige Videodokumentation über action sante in Deutschland verbreitet, in der zu sehen ist wie cubanische Ärzte in einer neu errichteten Gesundheitsstation der medicins d’espoir Menschen behandeln:
    Jetzt behauptet Dr. Querfurt, die dürften das von Cuba aus nicht?

Diese Aussage galt für ein Projekt in Lateinamerika – also in den Köpfen der US-Amerikaner vor Ihrer Haustür…

  • Laut Fidel in seiner Biografie sind Auslandseinsätze freiwillig und selbstbestimmt – ist das Querfurt nicht bekannt? Wieso wendet er sich nach Cuba, anstatt die Leute hier zu fragen oder von seinen Beauftragten fragen zu lassen – Kontakt wurde bereits beim ersten Besuch hergestellt?
  • Die von mir vorgeschlagenen Partnerorganisationen behandeln seit Jahren kostenlos Menschen, die sich das Gesundheitssystem nicht leisten können:
    Was geht im Hirn eines Menschen vor, der von den hiesigen Verhältnissen null Ahnung hat, trotz vorliegenden Gegenbeweises diese Tatsache einfach abzuleugnen und dann auch noch sich darüber zu verbreiten, dass das seiner Meinung nach gar nicht möglich sei?

Der Kritikpunkt von Q. ist, dass eine kostenlose Versorgung nicht nachhaltig sei – dass eine derzeitige Finanzierung durch „den Patienten“ noch gar nicht möglich ist ignoriert er dabei. Zwar benötigt man ein eigenes Einkommen, jedoch hilft ein Einkommen in Zukunft nicht für die Behandlung einer Erkrankung im Jetzt (ausser man ist vielleicht ein Kreditinstitut…).

  • Wie sollen zwei Leute in ihrer Freizeit eigentlich jemals mehr als nur einen Bruchteil des von Dr. Querfurt so grosszügig vor sich hin phantasierten Programms realisieren? Werden deshalb Selbstverständlichkeiten und Nebensächlichkeiten wie die Verteilung von ein paar alten Brillen oder Schulheften, über die ein normaler Mensch kein Wort verliert, zu weltbewegenden Hilfsaktionen aufgeblasen, für die man Nelson Mandela zitiert? Erkennt von den 160 Mitgliedern der HCH tatsächlich niemand diese Peinlichkeit?
  • Der aktuelle Konflikt begann damit, dass die Mitglieder der action sante sich in einem Brief darüber beschwerten, dass sie von APA missbraucht wurden und mich baten, diesen Brief zu überbringen, wogegen ich mich zunächst sträubte (! ich ahnte da was …), es aber dann tat. Nun behauptet Querfurt, sie hätten ihre Vorwürfe zurückgezogen und versprochen, das schriftlich zu bestätigen:
    Wie kann man so etwas behaupten, wenn man genau weiss, dass das Gegenteil der Fall ist? Und bei der von ihm erwähnten Unterredung auch  noch ein Zeuge dabei war (den die action sante Leute wohlweislich baten mitzukommen), nämlich mein Schwager, der Regisseur Valentin Jeker, der empört von dem Treffen zurückkam („Sowas Unwürdiges hab ich noch nie erlebt“) und Querfurt als Ludwig XIV. beschrieb, der schwitzend und sich sichtbar unwohl fühlend den Report seiner „Vasallen“ abnahm (ist halt ein Theatermensch, der sich in solchen Worten ausdrückt – das sagt aber trotzdem was)?

Die demnächst folgende schriftliche Stellungnahme von action sante beendet hier eine Tortenschlacht, bei jeder „nur“ seine Torte schmeisst, auf der in schöner geschwungenen Schrift steht „Das ist nicht wahr“, indem dann deutlich wird, dass Herr Querfurt gewisse Tatsachen sich zurechtzubiegen versucht. Man muss in diesem Zusammenhang auch noch den zitierten Begriff „Vasall“ und die dazugehörige Einschätzung zum Treffen mit Querfurts eigenen – meiner Meinung nach – vielsagenden Worten sehen:

„Den von Ihnen ausgelösten Konflikt müssten sie aber erst bereinigen, bevor wir über weitere Kooperation reden können. Ich bin da allerdings skeptisch, wenn alles so läuft wie mit dem Entschuldigungsbrief, ob dann eine Kooperation überhaupt zustande kommen kann.“

Eine solch „gnadenvolle“ Sichtweise auf die anstehenden „Entschuldigung“ lässt tatsächlich die Gesinnung „L’État, c’est moi!“(„Der Staat bin ich!“) durchscheinen.

  • Wieder werden die mit Mitgliedsbeiträgen arbeitenden Medicins d’espoir als von ausländischer Hilfe abhängig dargestellt und deswegen als nicht partnerfähig eingeschätzt: und APA Mali mit seinen zwei Mitgliedern? Merkt Querfurt nicht, dass er von seiner eigenen Truppe spricht? Womit arbeiten die denn, wovon sind die abhängig? Aus was für einem Interesse heraus zieht er einer der wenigen sauberen Organisationen in den Dreck?

Dieser Text ist eine intellektuelle Zumutung, um nicht zu sagen eine intellektuelle Wixvorlage:
europäischer Rentner benützt Afrika als Spielwiese, um seine Macherphantasien auszuleben und beruft sich dabei auf Nelson Mandela – geht’s noch? Wo ist Zewa wisch und weg?

Ich habe am Beispiel der Bananenverkäuferin Fatumata Gindo, die mindestens für zig-, wenn nicht Hunderttausende anderer steht,  ausführlich die Lebensbedingungen und psychischen Voraussetzungen der Ärmsten der Armen und ihre Beziehung zum herrschenden Gesundheitssystem dargestellt –
jetzt entblödet sich Querfurt nicht, mit pro Kopf Einkommenszahlen daherzukommen:
wieso haut ihm denn keiner auf den seinen und erklärt ihm, dass das unter jedem Niveau ist?

Ich bat Dr. Seydou und Haby Dembele uns Partnerorganisationen zu nennen; sie erklärten es gäbe keine, sie könnten es aber selbst machen, was ich zunächst glaubte, weil ich es nicht besser wusste – wieso muss ich jetzt dauernd beweisen, dass sie die Unwahrheit gesagt haben aus dem offensichtlichen und nachvollziehbaren Grund, weil sie sich sie Sache unter den Nagel reissen wollten, wenn die gegenteiligen Tatsachen alle auf dem Tisch liegen? Liest keiner, was ich geschrieben habe? Stellt etwa jemand die Tatsächlichkeit des Geschriebenen in Frage?

Ich weise immer wieder darauf hin, dass das gesamte APA Mali aus zwei – ich wiederhole: ZWEI –  Personen besteht,

  • die nicht kontrolliert sind und nicht kontrolliert werden können,
  • die noch nie vorher eine derartige Arbeit gemacht haben,
  • die nicht nur verhindert haben, dass bestehende, funktionierende und demokratisch kontrollierte indigene Organisationen die Container verteilen, sondern die auch jede weitere Mitarbeit anderer Malier verhindern:

warum wohl?
Merkt da wirklich keiner was?

Ich habe immer kritisiert, dass die Menschen hier durch diese Aktivitäten gedemütigt, entwürdigt und entrechtet werden. Jetzt müssen wir wieder von irgendwelchen Projektphantasterein lesen, die von Leuten, die überhaupt keine Ahnung haben, was hier gebraucht wird und nur ihre eigenen Lebensvorstellungen auf andere übertragen, anderen Menschen aufgedrängt werden sollen, die nie danach gefragt haben, die aber einen „Eigenanteil“ leisten sollen, weil sie es sonst nicht wert sind, von dieser Wohltat bedacht zu werden, als hätten sie nichts anderes zu tun und warteten nur darauf, dass endlich irgendwelche Weissen kommen, die ihnen sagen, wie sie ihr Leben gestalten sollen:
Was ist dies anderes als Demütigung durch für dumm verkaufen, Entwürdigung durch sich selbst als überlegen verkaufen und Entrechtung durch Raub der Selbstbestimmung?

Herr Querfurt wollte – ich gehe mal davon aus: im guten Willen – eine nachhaltige Änderung, missachtet hier jedoch sowohl Umstände, als auch Sachverstand und Kenntnis. Die größte Kritik an Q.. ist sicherlich, dass er trotz aktiver Kenntnis (durch Christof), an Kontaktpersonen festhält, bei denen keine Kontrolle vorliegt und gleichzeitig berechtigte Kritik an der Rechtschaffenheit und Korrektheit Ihrer Aktionen vorliegt. Wenn er von falscher Barmherzigkeit spricht, so muss er auch erkennen, dass eine Hilfestellung seinerseits, die nur ein paar Privilegierten zugute kommt, auch die von ihm angestrebte Nachhaltigkeit nicht erreichen kann. Nachhaltigkeit oder die vielbesagte „Hilfe zur Selbsthilfe“ – sofern man dies als Ziel zur Beseitigung einer akuten Erkrankung bzw. akuten Notwendigkeit einer Versorgung HIER&JETZT sieht – muss unter Kontrolle/Einflußnahme derjenigen stehen, die davon langfristig profitieren sollen. Denn diese wissen selbst, was sie in Zukunft brauchen und welche Erfordernisse jetzt vorliegen.

Jetzt sülzt Querfurt auch noch, Frau Dembele und Dr. Seydou seien selbst erstaunt gewesen, wie gross die Armut in ihrem Lande sei:
DAVON REDE ICH DOCH DIE GANZE ZEIT! SIE HABEN KEINE AHNUNG!

Deswegen sage ich doch dauernd, man soll mit denen zusammenarbeiten, die da nicht staunen, sondern seit Jahren etwas dagegen tun.

Da kommen irgendwelche dahergelaufenen Ärzte, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, mischen sich ungefragt ein, bringen mit ihrem Geld und ihrem Material alles durcheinander und erzeugen nichts als einen Scherbenhaufen, den die Leute, die hier leben und arbeiten und vielleicht auch ein bisschen was ändern wollen, zusätzlich auch noch wegräumen müssen.
Action sante schreibt halt wieder einen neuen Brief – als ob nicht alles tausend mal schon gesagt worden wäre und wir nichts anderes zu tun hätten.

Wenn ich lese, wie bedeutend die etwa 400 Euro schwere Bücher-und Schulheftspende von Welenguena war, die Querfurt von einer Stiftung aufgetrieben hat – wie peinlich, über soetwas überhaupt zu reden! -, während er selbst  tausende von Euro ausgab, um mit seiner Frau zur Übergabe der Hefte ein zu fliegen und dabei Videos zu drehen und Fotos zu schiessen, fällt mir nur noch eines ein:
Neokolonialistische Selbstbefriedigung.

Ich habe auf der Webseite ausführlich über das Problem der Fotos und der Filmerei reflektiert (Querfurt dazu nur, das sei das a und o jeder ONG : als ob sich damit nicht die ONG selbst richten würde, aber nicht meine Kritik widerlegt), ich habe ausführlich berichtet, wie die Bewohner von Welenguena von den APA Beauftragten gedemütigt und erniedrigt wurden (was weitergeht: kürzlich tauchte Dr.Seydou auf und forderte, dass die Welenguaner kostenlos seine seit langem geplante Klinik aufbauen sollten, drohte mit Konsequenzen bei Weigerung, gab sonst keine weiteren Informationen: so übel würde kein Weisser wagen, mit einem Schwarzen umzugehen), nun lesen wir Dr. Querfurts Entwicklungsphantasien von Afrika als dem unbeschriebenen weissen Blatt, das nur darauf wartet, dass er endlich kommt und seinen Bleistift spitzt, wobei er am Schluss noch  Schmutz auf die wirft, die selbst besser wissen, wie ihr eigenes Land zu entwickeln ist (oder, wie Dr. Oumar Marico, 1991 wesentlich am Sturz des Diktators beteiligt waren), um ja das Bild des unfähigen, von Querfurt und anderen abhängigen Afrika nicht verschwimmen zu lassen: das ist modernes Herrenmenschentum mit intellektuellen Springerstiefeln,  Handy und Video.

Faktisch konkret sollte die Diskussion meines Erachtens auf den Punkt fokussiert werden, dass die Container in die Hände derjenigen kommen müssen, die dafür garantieren, dass sie die tatsächlich Bedürftigen erreichen.
Action sante und die medicins d’espoir machen ihre Arbeit seit Jahren selbst initiiert, selbst bestimmt und selbst finanziert – jede Unterstützung von aussen erweitert nur ihre Aktionsmöglichkeiten.

An diesem konkreten Beispiel liesse sich dann allgemein die Frage diskutieren, ob nicht jegliche von aussen kommende „Hilfe“ eingestellt werden sollte, weil sie keine ist bzw. der Gegenseite hilft, Einmischung ist, stört, „blockiert“ (Thomas Sankara) und wer trotzdem hier mitmischen will, sich indigenen, vorhandenen Gruppen anschliessen soll.

Am Fall APA Mali kann exemplarisch studiert werden, wie eine von Deutschland ferngesteuerte Briefkastenfirma mit – ich wiederhole einmal mehr – zwei Briefträgern nach aussen hin diese Rolle spielt, um Material und Geld nicht an die kommen zu lassen, die es den wirklich Bedürftigen zukommen liesse.

Dabei sind Frau Dembele und Dr. Seydou kein Einzelfall – deswegen immer die Betonung des Exempels -: es gibt eine ganze Schicht von studierten Abgreifern, die sich die Weissen schnappt, die hier tatendurstig und mit dicken Geldtaschen ankommen und „was machen“ wollen, und die wörtlich auf die Frage, was sie denn machen könnten, antworten: das, was Ihr von uns wollt.

Es geht nicht um schwarz oder weiss, sondern um arm oder reich, es geht nicht um guten Willen, sondern um demokratisch kontrolliertes Handeln, es geht nicht um Bekenntnis, sondern um  Haltung.

Christof Wackernagel, Bamako, den 26-1-2010
rote Anmerkungen: Thorsten buchmakowsky, Dortmund, den 28-1-2010

Samstag in Bamako

Samstag in Bamako

Vor dem Laden, in dem ich Essig gekauft habe, stehen ein Junge und eine Frau mit Sammelbüchsen. Ich habe mir schon lange abgewöhnt, sie als „Bettler“ zu sehen – es gibt hier keine Sozialversicherung – sie sind Anspruchsberechtigte, die sich ihren Anteil von Mensch zu Mensch holen.Der Junge ist wahrscheinlich Waise, der bei einem Marabut lebt und einen Anteil ranschaffen muss – ich mag das zwar nicht, gebe aber trotzdem 20 Fcfa, weil ich soviel Kleingeld rausbekommen habe. Er will mit einer unverschämten Handbewegung mehr, ich schimpfe ihn, er weicht sofort zurück, gibt mir recht und geht.Die alte Frau bedankt sich für die 30 Fcfa, die ich ihr gebe, mit den Worten, dass Gott mir Gesundheit schenken möge, ich sage „amina“, wie das üblich ist, sie freut sich – wahrscheinlich, weil ich das sage, obwohl ich weiss bin -, fährt fort, mir langes Leben, gesunde Familie und alles mögliche zu wünschen, was ich jeweils mit „amina“ beantworte, bis sie lächelnd von dannen zieht und ich mich besegnet aufs Moped schwinge, um Mah von der Schule abzuholen.

Auch wenn man nicht an den lieben Gott glaubt, tut sowas einfach gut. Ich stelle mir vor wie schlechte Laune ich immer bekomme, wenn ich auf meiner Lohnabrechung nach dem Drehen sehe,  wieviel „Solidaritätsbeitrag“ mir abgezogen wurde, fahre grinsend durch Hippodromes staubige Strassen und frage mich, ob dieses System der „direkten Sozialversicherung“ wenn jeder es konsequent machen würde und vor allem nicht als milde Gabe, sondern als Pflicht und Recht, ohne sich als „Reicher“ als was besseres vorzukommen, nicht ein viel menschwürdigeres ist als das unsere mit Sozialamtsdemütigung und anonymer Banküberweisung.
30 Fcfa sind 5,2 Cent – damit ich bin, auch wenn ich selbst zur Zeit ein wenig Almosenempfänger bin, nicht ärmer geworden, sondern durch diese Erfahrung einmal mehr – wie so oft hier – unglaublich viel reicher.

Fragen an Dr. Querfurt:

Fragen an Dr. Querfurt:

  • „Wir zahlen die Steuern der Reichen  in den Drittweltländern“: Wie stehen Sie dazu? Wollen Sie keine Diskussion darüber?
  • “Wir kleistern die krassesten Wunden, die dieser asoziale Steinzeitkapitalismus hier schlägt, mit unserer Hilfe zu. Und „wir“ heisst eben nicht nur die Entwicklungshilfe, sondern vor allem auch die ONGs und privaten Initiativen, sie sich viel genauer als die staatlichen Organisationen darum kümmern, wo es wirklich am meisten brennt.” – Wie stehen Sie dazu? Wollen Sie wirklich keine Diskussion darüber?
  • “Die ONGs zementieren und perpetuieren das korrupte, verrottete Bereicherungssystem, an dem Afrika krankt. Sie sind die Engel der Reichen im Namen der Armen, die ihnen erlauben, alles beim Alten zu lassen”: Hat Dr. Seydou Segoule kostenlos ein Ultraschallgerät zur Verfügung gestellt bekommen? Wenn ja – wie stehen Sie zu der Kritik, dass er es selbst hätte bezahlen können?
  • Hat die Klinik in Kutialla – in der Nähe der „Frau mit den gynäkologischen Problemen“, die Ihnen vorgestellt wurde; von einer schwangeren steht nirgends etwas, wieso behaupten Sie das? -, ein Ultraschallgerät bekommen? Wenn nicht, stimmt es, dass der Grund dafür angebliche „Unzuverlässigkeit“ war? Hat Dr. Seydou das behauptet? Worin bestand sie?
  • Wenn Frau Dembele die Geburtsbedingungen in Mali so unerträglich findet, dass sie ihre Tochter zu diesem Zweck in die USA ausfliegt – warum ändert sie dann nichts daran? Warum fühlen Sie sich dafür verantwortlich, anstatt Frau Dembele dazu aufzufordern?
  • Wenn die Schule in Dijgue ausbauförderungswürdig ist – wieso übernimmt das nicht die der wohlhabenden malischen Oberschicht angehördende Familie der Dembele oder der malische Staat, was zu fordern selbst die „deutsche Entwicklungshilfe“, mit der Sie angeben zusammenzuarbeiten, zu ihrem Prinzip gemacht hat und was auch Mandela mit seiner Forderung meint?
  • Ist die Behauptung von Frau Dembele richtig, dass APA Deutschland einen von APA Mali, ausgeführt von Herrn Dialla Diallo, gemachten Kostenvoranschlag für den Ausbau der Schule in Dijgue in Höhe von 69 Millionen Fcfa fördern will, was über 100 000 Euro sind, damit den Mindestanforderungen des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit entspricht?
  • Strom und Trinkwasser aus der Leitung sind die elementarsten Überlebensmittel hier in Afrika. Ich selbst lebe in einem Viertel, in dem oft tagelang der Strom ausfällt (und dann nützen einem selbst Privilegien wie Computer und Kühlschrank nichts mehr) und in einem Haus ohne Leitungswasser; ich sehe täglich die Frauen und Kinder Wasser schleppen, und die jungen Männer mit Leiterwägen, die Trinkwasser ins Haus verkaufen, ich kenne durch die Wasserschlepperei der schwangeren Frauen behinderte Kinder. Ich kenne die wirklichen Verhältnisse hier besser als jeder andere Weisse. Stimmen Sie mit mir überein, dass wenn man den „Ärmsten“ helfen will, man vor allem denen helfen sollte, die kein Strom und Trinkwasser haben?
  • Lassen Sie deshalb RA Eisel behaupten, es gebe in Dijgue keinen Strom und kein Leitungswasser, obwohl das Gegenteil der Fall ist, es sogar Solaranlagen dort gibt, die Sie mit eigenen Augen gesehen haben, wie der Sie gefahren habende Taxifahrer Sacko Ishaka bestätigt? Wieso setzen Sie den Begriff „Heimatdorf“ von Frau Dembele in Anführungszeichen als sei Dijgue das nicht, obwohl das der Grund für die Auswahl dieses Dorfes ist, wie Frau Dembele ausdrücklich gefordert hatte?
  • In Welenguena gibt es weder Strom noch Wasser, die Menschen dort sind so arm, dass viele sich nicht einmal Schuhe kaufen können – ein Besuch dort, ohne Sandalen mitzubringen, ist unmöglich, aber von den Ihnen Frau Dembele geschickten 47 Kleidersäcken haben diese Menschen keinen Fetzen gesehen  -: damit haben Sie in Deutschland Hochglanzreklame gemacht, die Menschen dort aber mit Toiletten für 500 Euro und ein paar Schulheften und Schulbänken abgespeist, wobei Sie und Ihre beautragten Haby Dembele und Dr. Seydou Segoule die Menschenwürde der Menschen aus Welenguena derart mit Füssen getreten haben, dass die Bewohner von Welenguena – die ihnen zu Ehren ein Dankesfest mit Ballaphonmusik veranstaltet haben, nach dem Sie ins Hotel gegangen sind, anstatt diese Menschen näher kennen zu lernen – heute noch davon reden, dass sie die ihnen angetane Demütigung nie und nimmer vergessen werden. Können Sie wirklich mit solch einem Vorwurf der in ihrem eigenen Sinne – „die Ärmsten“ – zentral Betroffenen leben?
  • Müssen Sie mir nicht im Gegenteil zustimmen, wenn ich sage, dass Welenguena derart abzufertigen, Dijgue aber einem 100 000 Euro schweren Projekt zu bedenken, das konkrete Beispiel par excellence für meine generelle Kritik an der sogenannten Entwicklungshilfe im allgemeinen und Ihrer Arbeit von APA Deutschland und APA Mali im besonderen ist: die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer?

Christof Wackernagel, Bamako, den 12-1-2010

Kommentar zu dem Brief von Dr. Querfurt an Uwe Folkerts

Kommentar zu dem Brief von Dr. Querfurt an Uwe Folkerts.

1.    Selbstverständlich habe ich als erstes Mme. Dembele und Dr. Segoule bzw. ihre Arbeit kritisiert. Daraufhin haben sie mich von allen weiteren die Containertransporte und deren Verwendung betreffenden Informationen ausgeschlossen, Frau Dembele drohte mir mit Landesverweis, Dr. Segoule erklärte meinem Mitbewohner Madou Coulibaly in drei Telefongesprächen, auf welchem Wege dieser Landesverweis verwirklicht werden sollte und drohte ihm selbst mit Nachteilen, die er sein „Leben lang nicht  vergessen“ werde, wenn er nicht sofort bei mir ausziehe.
Dies alles weiss Dr. Querfurt, erklärt aber jetzt, die Betroffenen seien völlig ahnungslos.
Was für ein Spiel wird hier gespielt?
2.    Wenn Dr. Querfurt erneut erklärt, er wolle „den Ärmsten“ helfen, trifft er damit den Kern des Problems: Dass er das genau nicht tut, habe ich an unzähligen Beispielen belegt, um ihm zu helfen, von diesem verhängnisvollen Irrweg abzulassen. Er kann nicht beurteilen, was hier wem hilft – auch ich brauchte dazu einige Jahre und viele Enttäuschungen.
Nun behauptet er weiter das Gegenteil, ohne das zu belegen. Als einziges Beispiel führt er die Gesundheitszentren CSCOM an. Kurz vor Jahreswechsel war ich mit Fatoumata Gindo in einem CSCOM wegen anhaltender Magenkrämpfe: Konsulation, Ultraschalluntersuchung und Medikamente kosteten 24 000 FCFA. Das Gehalt eines Grundschullehrers beträgt 25 000. Ein Grossteil der Bevölkerung kann sich das CSCOM nicht leisten.
Wieso ignoriert Dr. Querfurt die Realität? Wieso verweigert er die Zusammenarbeit mit einer international anerkannten Organisation, die diese Realität bekämpft? Um was geht es eigentlich?
3.    Cuba ist ein sozialistischer Staat mit einem weltweit vorbildlichen Gesundheitswesen, das vor allem für die Ärmsten kostenlos ist. Dem cubanischen Gesundheitsystem zu helfen, heisst, diesem gesellschaftlichen System zu helfen.
Mali ist ein kapitalistischer Staat, in dem ohne Korruption nichts geht, was weltweit und in Mali bekannt ist. Sein Gesundheitssystem ist nur der wohlhabenden Oberschicht zugänglich. Dem malischen Gesundheitssystem zu helfen, heisst, diesem gesellschaftlichen System zu helfen.
Ist das wirklich so schwer zu verstehen?

Christof Wackernagel, Bamako, den 11-1-2010

Persönliche Erklärung zum Brief von RA Eisel

Darauf antwortete ich folgendermassen:

Persönliche Erklärung zum Brief von RA Eisel vom 16.12.2009

Seit über zwei Jahren verweigert Dr. Querfurt die Diskussion über die im oben genannten Brief aufgeführten Themen, auch mit anderen Personen als mir. Nun droht er mit Strafanzeige, wenn ich diese Diskussion fortführe. Ein innerhalb der demokratischen Streitkultur Deutschlands eher ungewöhnlicher Vorgang. Angesichts der gesellschaftlichen Relevanz der angesprochenen Inhalte und ihrer interkulturellen Implikationen ist es notwendig, sie sorgfältig zu untersuchen und zu behandeln. Leider erfordert es ein hohes Mass an Zeit und Konzentration, sich damit auseinanderzusetzen, und ich bitte um Verständnis für diese notwendige Ausführlichkeit, auch wenn ich nicht dafür verantwortlich bin.

Vorbemerkung.

In der Tat habe ich, wie RA Eisel schreibt, etwa ein Jahr lang die Haupt Aufbauarbeit für APA Mali gemacht, obwohl ich kein Arzt bin; ich habe sämtliche Briefe geschrieben und Übersetzungen organisiert, Einführungsreisen gestaltet und mitgemacht – ich habe mir unzählige Nächte um die Ohren geschlagen: ohne mich gäbe es APA Mali nicht. Obwohl ich dafür meine eigene Arbeit zurückstellen musste, habe ich dies allein deshalb getan, um in einem Land, das mich mit überwältigender Gastfreundschaft aufgenommen hat, den Menschen zu helfen, die hier in Mali entrechtet und entwürdigt an der untersten Stelle der gesellschaftlichen Stufenleiter stehen, Menschen, die weltweit zu der Klasse gehören, für die ich mich mein ganzes Leben mit meiner politischen Arbeit eingesetzt habe.

In der Tat habe ich, wie RA Eisel schreibt, sobald ich den Missbrauch dieser meiner Arbeit feststellen musste – auf meiner Internetseite unter dem Titel: APA Dokumentation eines Exempels in allen Einzelheiten nachzulesen – dagegen protestiert, meine Mitarbeit eingestellt und bin schliesslich ausgetreten.Aus diesem Grund fühle ich mich nicht nur veranlasst, sondern auch berechtigt und verpflichtet, die meiner Meinung nach meiner Arbeit folgenden Fehlentwicklungen zu öffentlich zu kritisieren und Alternativen vorzuschlagen.

1: Das Recht auf freie Meinungsäusserung.

Es ist mein grundgesetzlich verbrieftes Recht, einen gesellschaftlich relevanten Vorgang als „politisch moralischen Skandal“ zu bezeichnen und dieses nach besten Wissen und Gewissen zu begründen.

Genauso kann in einer Demokratie jeder andere denselben Vorgang als legitim und politisch angemessen bezeichnen und dies nach bestem Wissen und Gewissen begründen.
Wenn ich zum Beispiel behaupte, dass mit der von RA Eisel bestätigten Lieferung der aus Deutschland kommenden Hilfsgüter zum Beispiel an die CSCOMs oder PMI Zentral, die lokalen Krankenstationen Bamakos, die wohlhabende Schicht, die existentiell abgesicherte Schicht, die nicht von Hunger und tödlicher Krankheit bedrohte Schicht bevorteilt wird, die wirklich Bedürftigen aber nichts davon abbekommen, die Menschen nämlich, die nicht einmal die Beratungsgebühr, geschweige denn die folgenden Medikamentenkosten berappen können, weil sie ihr ganzes Monatseinkommen auffrässen, die Menschen, die sich mit traditioneller Medizin behelfen oder auf der Strasse von Nicht-Medizinern oder Nicht-Apothekern verkauften, meist abgelaufenen Medikamenten, weil diese einzeln und nicht nur als gesamte Packung für ein paar Pfennige zu haben sind, was unter Umständen sogar tödliche Folgen haben kann, die Menschen also, die entrechtet und entwürdigt an der untersten Stelle der gesellschaftlichen Stufenleiter stehen, wieder einmal leer ausgehen – und das, obwohl die Hilfe in ihrem Namen geleistet wird – dann möchte ich damit dazu anregen, über die Begriffe „Hilfe“, „Reichtum und Armut“, „Bedürftigkeit“ etc. nachzudenken und zu diskutieren; eine Forderung, die nicht nur ich aufstelle.

Obwohl ich auf meiner Internetseite, in zahllosen Briefen an Dr. Piel, in meiner Video-Dokumentation „action sante -Präsentation“, in meiner Erklärung zum Mali-Tag und dem auf Nachfragebitten folgenden „Briefauszug“ viele Beispiel aus meinem inzwischen fast siebenjährigen Aufenthalt in Mali bereits aufgeführt habe, nehme ich den Brief von RA Eisel zum Anlass, mit einem weiteren Beispiel den Zusammenhang hoffentlich endgültig deutlich zu machen:

Die neunzehnjährige Fatoumata Gindo aus Bandiagara im Dogonland, im Alter von 14 Jahren zwangsverheiratet, Mutter eines vierjährigen Sohnes, wurde nach der Geburt ihres Kindes und der Abwanderung ihres Mannes an die Elfenbeinküste, von wo aus er sie weder finanziell noch materiell irgendwie unterstützte, in die Hauptstadt Bamako geschickt, um dort in der Familie ihres Bruders lebend ihr Geld als Orangenverkäuferin zu verdienen, was heisst, den ganzen Tag mit dem Kind auf dem Rücken und den zum Teil unglaublich schweren Orangen auf dem Kopf durch die Strassen zu laufen und bei jedem Verkaufsvorgang die schwere Schüssel vom Kopf zu nehmen und wieder auf den Kopf zu wuchten und dabei allerhöchstens ein paar hundert Fcfa zu verdienen. Aufgrund dieser Tätigkeit leidet sie an Rücken- und Brustschmerzen, dazu kommen durch die in Mali immer noch weit verbreitete Beschneidung – auch Genitalverstümmelung genannt – bewirkten Unterleibs- und Bauchschmerzen. Dieses behandelt sie mit traditonellen Pülverchen, die allein schon einen oder mehrere Tagesverdienste rauben oder mit einzeln gekauften Tabletten von Strassenhändlern, abgelaufenen oder tage- und wochenlang in der Sonne gebratenen Antibiotika, die das Leiden oft nur verstärkten. Als sie bei mir als Bonne arbeitete, bekam sie einen Malariaanfall und weigerte sich, in das CSCOM zu gehen, selbst obwohl ich alles bezahlte; wir brachten sie schliesslich unter Anwendung von Gewalt mit dem Taxi dorthin, als sie nur noch ununterbrochen würgend kotzte, und die Ärzte machten uns darauf aufmerksam, dass nur wenige Stunden später die sogenannte „Krise“ einen Höhepunkt erreicht hätte, nach dem auch Chinin oder andere härteste Medikamente nicht greifen und sie verstorben wäre. Ein konkretes Beispiel für die Millionen Malariatoten in Afrika, die keinen weissen Arbeitgeber oder wohlhabenden schwarzen Patron haben und nur deswegen sterben, weil selbst das staatliche Gesundheitssystem sie nicht auffängt und sie die Kosten für die Medikamente nicht aufbringen können. Das Ganze kostete 50 000 Fcfa oder 80 Euro.

Es sind aber nicht nur die Kosten, die Menschen wie sie davon abhalten, in die CSCOMs zu gehen – es ist vor allem auch Scham, eine gesellschaftliche Scham, die das „docotoro so“, das Haus der Doktoren, als verbotenen Bezirk erscheinen lassen, ein Selbstverständnis, nicht wert zu sein, es betreten zu dürfen. Als ich sie  nach Monaten endlich so weit hatte, wegen ihrer Rücken- Brust und Unterleibsschmerzen dorthin zu gehen, hat sie sich stundenlang zurechtgemacht, das beste Kleid angezogen und geschminkt als ginge es zu einer Hochzeit oder einem anderen gesellschaftlichen Grossereignis. Sie war aufgeregt wie ein kleines Kind und sträubte sich noch am Eingang verschämt, das Krankenhaus zu betreten.

All diese Faktoren müssen bedacht und diskutiert werden, wenn man überlegt, wer von Hilfslieferungen profitieren soll und wer nicht.
Ob Fatoumata Gindo repräsentativ für 20 % der Bevölkerung ist oder 50 % kann ich nicht beurteilen, auf jeden Fall treffen ihre Bedingungen auf alle Frauen zu, die auf den Strassen für die ambulante Ernährung sorgen und auf einen Grossteil der in meinem Quartier lebenden Menschen. Aber selbst wenn es nur 5 % der Bevölkerung wären, bestünde ich darauf, dass Hilfslieferungen aus Deutschland, an deren Zustandekommen ich entscheidend beteiligt war, diesen Menschen zugute kommen und nicht Menschen, die im Mercedes oder Taxi bei den CSCOMs vorfahren, oder ihr Moped, wie ich, auf dem bezahlten Parkplatz abstellen; schon ein Moped zu besitzen heisst „etwas besseres“ zu sein, ein Auto zu besitzen, heisst hier zur Oberschicht zu gehören, selbst wenn es in unseren Augen noch so eine Schrottmühle zu sein scheint.
Tatsachen, Zusammenhänge und Argumente wie diese müssen dringend diskutiert werden, wenn man hier wirklich helfen will.

All die in RA Eisels Brief genannten, insbesondere staatlichen Organisationen, mit denen APA Mali zusammenarbeitet, haben ein System der Krankenversorgung geschaffen, von dem die oben genannte Bevölkerungsgruppe ausgeschlossen ist (er bestätigt also genau das, was ich kritisiere). Deshalb haben Ärzte, die in diesem Krankenversorgungssystem arbeiten, Organisationen geschaffen, die die davon ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen betreuen.
Was RA Eisel mit „deutsche Entwicklungshilfe“ genau meint, bleibt unklar, deshalb kann ich darauf nur genauso allgemein antworten und zur Beschreibung meiner Position in dieser Frage auf das bereits 1979 zu diesem Thema erschienene Grundlagenwerk der damaligen Staatssekretärin im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Brigitte Erler, hinweisen, das den Titel „tödliche Hilfe“ trägt, dessen Einschätzungen ich alle teile, und gegen das niemals Strafanzeige erhoben wurde, sondern das Willy Brandt damals mit ihr kontrovers in der Öffentlichkeit diskutierte.

Deshalb fordere ich im Rahmen der in Deutschland grundgesetzlich garantierten Meinungsfreiheit, dass die aus Deutschland kommenden Hilfslieferungen an einheimische malische, demokratisch kontrollierte Organisationen gehen sollen, die nachweislich seit Jahren sich um eben diese entrechteten und entwürdigten, vom staatlich organisierten Gesundheitssystem ausgeschlossenen Menschen kümmern und nicht über eine einzige, demokratisch nicht kontrollierte Person, an Krankenstationen, die die betroffenen Menschen noch nie von innen gesehen haben.

2: Verleumdung.

Verleumdung fällt in der Tat nicht unter das Recht auf Meinungsfreiheit.

In jahrelanger Beobachtung gewonnene Erkenntnisse über Hintergründe und Zusammenhänge wie die oben genannten zur Diskussion zu stellen, bedeutet jedoch keine Verleumdung.

  • Ich habe niemandem konkret Korruption vorgeworfen, denn es geht mir nicht um Einzelfälle, deren es unzählige gibt, die aller Welt bekannt sind, aber juristisch nicht beweisbar, sonst gäbe es sie nicht – und es ist nicht meine Aufgabe, diese zu verfolgen -sondern es geht mir um politische und gesellschaftliche Strukturen, die zu vermitteln ich als Autor und hier lebender politisch engagierter Mensch meine Aufgabe sehe. Deshalb habe ich davon gesprochen, dass die von RA Eisel bestätigte Zusammenarbeit mit vor allem staatlichen Institutionen und die Lieferungen in die Stationen des staatlichen Gesundheitssystems das „gesellschaftliche System der Korruption“ unterstützt, ich habe gesellschaftliche und politische Zusammenhänge geschildert, die jedenfalls in der öffentlichen Diskussion in Zeitung, Radio und Fernsehen hier in Mali als Korruption bezeichnet werden.
  • Die Assoziation APA Mali ist per definitionem nicht demokratisch kontrolliert, weil eine nur von einem Arzt beratene Person sich nicht selbst demokratisch kontrollieren kann (wie z.B. die „action sante“, die ein fünfköpfiges Kontrollgremium hat, das bereits einmal ein Vorstandsmitglied aus dem Vorstand entfernt hat). Auch das ist also keine Verleumdung. Was Transparenz durch Öffentlichkeit in Presse und TV betrifft, möchte ich darauf hinweisen, dass in Mali Veröffentlichungen, die nicht das politische Tagesgeschehen (s.o.), Katastrophen oder Sport (bereits da teilweise) betreffen nur durch  horrende Bezahlungen möglich sind, weshalb der Inhalt vom Auftraggeber diktiert werden kann, und ich mich schon damals gegen Verwendung von Spendengeldern für diese Selbstbeweihräucherung aussprach, auch einer der Gründe meines Austritts.
  • Verleumdung ist allenfalls in der auch von RA Eisel wiederholten Beurteilung der von mir als Alternative vorgeschlagenen Organsiationen „action sante“ und „medicins d’espoir“ zu sehen, die einmal mehr als unfähig und ungeeignet zur Zusammenarbeit dargestellt werden.

Ich habe in unzähligen Beschreibungen, meinem Präsentationsvideo oder dem „Briefauszug“ bereits ausführlich dargestellt, wie breit gestreut und fest in der Bevölkerung verankert die Arbeit dieser Organisationen ist, an denen sich viele der 150 in Mali arbeitenden cubanischen Ärzte freiwillig beteiligen, und die nicht nur kostenlose Krankenfürsorge und Verteilung von Medikamenten machen, sondern auch Gesundheitsaufklärung im Radio und Vorsorgeaufklärung in Jugendlichen Betreuungs- und Frauengruppen, die die comey sketche zu den heissesten Themen wie Medikamente der Strasse oder Aids machen, die seit sieben Jahren eine einwöchige, an verschiedenen Plätzen in Bamako stattfindende Konferenz „Jugend engagiert sich gegen die Praxis der Beschneidung“ veranstaltet, an der hunderte von Jugendlichen teilnehmen (alles dokumentiert und an APA gesandt), abgesehen von Kleidersammlungen für psychisch Kranke oder Stadtteilbetreuung von Jugendlichen. Der „action sante“ Diskontinuität zu unterstellen oder gar Unverbindlichkeit, weil jedes Jahr der Vorsitz wechselt – was wie gesagt, ein Ausweis der Antikorruptionseinstellung der Gruppe ist -, könnte in der Tat als Verleumdung gewertet werden, denn es arbeiten viele ausländische Organisationen seit Jahren mit der „action sante“ zusammen.
Das Gleiche gilt für die „medicins d’espoir“, die aus Eigenmitteln gegründet und getragen von belgischen, schweizer, französischen und kanadischen ONGs unterstützt werden und laufend Container mit Hilfsgütern zollfrei bekommen, die in Zusammenarbeit mit der action sante und den cubanischen Ärzten verwaltet und verteilt werden.

Bei einem ausführlichen Gespräch mit dem Gründer der Medicins d’espoir“, dem zu Zeiten der Diktatur inhaftierten und gefolterten ehemaligen Widerstandskämpfer und heutigen Deputierten der Nationalversammlung Dr. Oumar Marico, der in Mali „die Stimme der Opposition“ genannt wird und der – obwohl selbst Mitglied der von mir kritisierten Oberschicht – alle meine Kritik an der gesellschaftlichen Korruption im Allgemeinen und am Gesundheitssystem im besonderen vollinhaltlich bestätigte (weswegen er ja die „medicins“ gründete), erfuhr ich

  1. dass die medicins d’espoir inzwischen nicht 12, sondern 15 Krankenstationen betreiben,
  2. diese kontinuierlich arbeiten, was nicht von ausländischen Spenden abhängig ist, sondern
  3. von einem System niedriger, aber massenhafter Mitgliedsbeiträge finanziert wird, die nicht nur die kontinuierliche Betreuung der einzelnen Stationen sicher stellen, sondern einem Team von drei Ärzten erlauben, zwischen den einzelnen Stationen zu pendeln, um deren Funktionsfähigkeit durch Austausch zu verbessern.

Zu behaupten, diese Krankenstationen arbeiteten nicht kontinuierlich und seien auf ausländische Spenden angewiesen, ist angesichts der wahren Verhältnisse in der Tat eine Verleumdung.

3: Fakten.

Den Begriff „Privatkliniken“  nehme ich zurück und werde ihn nicht mehr wiederholen. Erstens ist der Plural falsch und zweitens handelt es sich um eine falsche Rückübersetzung des französischen Wortes für Arztpraxis (Clinique). Auch das ist falsch, denn ich meine damit die Privatwohnung von Dr. Seydou Segoule, der, nach Beschluss von APA Mali zu diesem Zeitpunkt, von den vier im ersten Container geschickten Ultraschallgeräten eines zur persönlichen Benutzung überlassen bekommen sollte, was unter anderem zu meinem Austritt führte, da ich dies mit meinen Vorstellungen von  Hilfe nicht vereinbaren konnte. Sollte der Beschluss nicht verwirklicht worden sein, wäre ich dankbar, wenn mir das mitgeteilt würde, da ich mich Vorwürfen aus meinem sozialen Umfeld ausgesetzt sehe, wieso ich Geräte aus Deutschland vermittle, für deren Benutzung mittellose Leute bezahlen müssen: es würde mir also sehr helfen, wenn ich diese Vorwürfe widerlegen könnte und meine dadurch beschädigte soziale Situation verbessern – dazu muss man mich allerdings über die Fakten informieren, ich kann nur von denen ausgehen, die ich kenne.
Das auch zu der gespannten sozialen Situation hier in Mali, die man sich in Deutschland wahrscheinlich nicht in Traum vorstellen kann: der von mir für APA vorgeschlagene mit mir befreundete Spediteur Abdulai Cisse hat mit mir den Kontakt abgebrochen, die Freundschaft aufgekündigt, solange ich mit Haby Dembele zu tun hatte, und erst als er von Dritten erfahren hat, dass ich mit ihr keinerlei Verbindung mehr habe, mich angerufen, mir zu dieser Entwicklung gratuliert und berichtet, dass er verzweifelt gewesen sei, dass ich nicht merke, was für ein Spiel gespielt werde, da er unfähig sei, mir das klar zu machen, sein Vater ihn aber beruhigt habe, die Wahrheit komme immer ans Licht. Ich weise vorsichtshalber darauf hin, dass von diesen Vorgängen zu berichten, keine Verleumdung meinerseits darstellt, da ich die Einschätzungen und Tatsachendarstellungen der Beteiligten nicht übernehme, sondern davon berichte, da sie für meine soziale Integration eine wichtige Rolle spielen und von den APA Aktivitäten ausgelöst wurden. Dr. Querfurt kennt Abdulai, und wir wunderten uns anfangs noch gemeinsam, wieso er sich nicht mehr meldete, hielten ihn für unzuverlässig.
Das sind die Strukturen, mit denen man hier klarkommen muss, die man erstmal durchschauen muss, wenn man hier leben und gar etwas tun will.  Konkrete Alltagsbeispiele aus dem Leben in einer Gesellschaft, die sich ihrer korrupten Strukturen bewusst ist, sie offen diskutiert und um ihre Beseitigung kämpft, sich in einem Umstrukturierungsprozess  befindet, der nicht leicht zu durchschauen ist, in dem die „Guten“ und die „Bösen“ sich nicht durch Handaufheben melden, vielleicht sogar in der einen Frage hier und in der anderen dort stehen, und in dem der von aussen Kommende selbst bei bestem Wissen und Gewissen ruck zuck sich in einer Ecke wiederfinden kann, in die er sein Lebtag nie wollte.
Auch Fakten können allerdings nicht losgelöst von ihrem Zusammenhang gesehen werden.
Sollte es in dem Heimatdorf der APA Bevollmächtigten entgegen meinen Informationen tatsächlich kein Leitungswasser geben, kann das nicht von meiner Frage ablenken, warum die Familie der APA-Alleinvertreterin, die Grund- und Goldminenbesitzerin ist und als solche bei Veranstaltungen des Goldminenverbandes dann und wann im Fernsehen zu sehen, nicht selbst für Leitungswasser sorgt und den Ausbau der Schule bezahlt, sondern der deutsche Steuerzahler?
Meine Kritik ist nicht, dass es ihr Heimatdorf ist – und wenn das nicht zutreffen sollte, muss sich RA Eisel an den Bürgermeister wenden, der dies in dem Video über den Querfurt Besuch dortselbst sagt, nicht an mich -, sondern dass sie nicht selbst, so wie es z.B Oumar Marico oder die Bevölkerung vom Welenguena es tun, erst nach Erschöpfung der Eigenmittel, um weitere Unterstützung bittet, was wiederum nur ein Beispiel für die vielfach von mir beschriebene Grundprolematik in all diesen Ländern ist, die zu diskutieren mein eigentliches Anliegen ist.
In Bezug auf die Fakten unverständlich ist der Absatz bezüglich meiner Toilettenspende.
Wenn Dr. Querfurt 1000 Euro für die Toiletten gezahlt hat, wieso wurden sie mir dann zurückgezahlt? Was soll ich unterlassen zu sagen?
Offenbar vermengt Dr. Querfurt hier zwei Vorgänge, die nichts miteinander zu tun haben, sich aber um dieselbe Summe von 1000 Euro drehen:
Zu einen hat er mir 1000 Euro mit dem Vermerk „gesparte Hotelkosten“ überwiesen, da ich ihm im Rahmen unseres Konflikts vorgeworfen hatte, mein Haus als kostenloses Hotel missbraucht zu haben. Ich habe den Vermerk allerdings sehr wohl als Zweckbindung verstanden, und die Hälfte den beiden Dr. Querfurt und seine Frau betreut habenden Frauen Assa Niare und Sanata Kone zu gleichen Teilen weitergegeben.
Zum anderen habe ich einige Zeit danach, da sich der Bau der versprochenen Toiletten für mich unerträglich in die Länge zog, die damals dafür kalkulierten 1000 Euro für ihren Bau mit dem Vermerk „urgent pour les toilettes des Welenguena“ überwiesen (siehe Brief an Frau Wittig).
Etwa drei Wochen später rief ich Frau Dembele an und fragte, ob mit den Bauarbeiten begonnen sei. Sie antwortete, das Geld sei anderweitig verbraucht. Als ich ankündigte, mich darüber bei Dr. Querfurt zu beschweren, da die Spende zweckgebunden gewesen sei, drohte sie, für meine sofortige Ausweisung aus Mali zu sorgen. Angesichts, ich muss es leider immer wieder wiederholen, der korrupten Strukturen vor allem bei Polizei und Justiz, ist das keine ganz leere Drohung, weshalb ich auch davon Dr. Querfurt berichtete und von ihm verlangte, Frau Dembele zu bremsen. Daraufhin bekam ich meine 1000 Euro zurück (und dass RA Eisel es für nötig hält, zu betonen, dass er meine Quittung hat, zeigt die erschreckende Realitätsferne, die den ganzen Brief durchzieht: als ich ob abstreiten würde, das Geld zurückbekommen zu haben – das ist doch mein Vorwurf, dass ich es zurückbekam, anstatt dass davon die Toiletten gebaut wurden!) und habe seitdem davon nichts mehr gehört. Obwohl mir unbegreiflich bleibt, wieso meine Spende nicht benutzt und dadurch der Toilettenbau unerträglich verzögert wurde, habe ich seitdem nichts darüber geschrieben oder verlautbart – nun thematisiert das Dr. Querfurt bzw. RA Eisel bei gleichzeitiger Aufforderung nicht davon zu reden.
Ich habe des weiteren nie und nirgends behauptet, Frau Dembele würde einen Teil des in den  Kostenvoranschlägen berechneten Geldes für sich verwenden. Ich habe darauf hingewiesen, dass der vom ihrem Neffen, dem Ingenieur Dialla Diallo, der den Kostenvoranschlag für die Schule gemacht hat, für mich getätigte Kostenvoranschlag für meinen Hausbau doppelt so hoch veranschlagt war wie die nach seiner Entlassung tatsächlich entstandenen Kosten. Jeder einzelne Sachposten – Türen, Fenster, Zement – war doppelt so hoch veranschlagt wie die wahren Kosten. Ich habe ausserdem darauf hingewiesen, dass alle mir bekannten und mit derartigen Projekten beschäftigten Personen von Differenzen bis zu zwei Dritteln berichten, das ist nun mal die traurige Realität in diesem Land. Ich bezweifle, dass Dr. Querfurt in der Lage ist, einen derartigen Kostenvoranschlag zu kontrollieren und weise deshalb immer wieder darauf hin, dass mit strukturell demokratisch kontrollierten Gruppen zusammengearbeitet werden sollte und nicht mit Einzelpersonen.

Es geht nicht um Vorwürfe gegen Einzelne, sondern um die Frage, wie am effektivsten und den besten Erfolg garantierenden Mitteln geholfen werden kann.

Auch habe ich niemals Dr. Querfurt vorgeworfen, für den Tod des Kindes der ihm vorgestellten „Frau mit gynäkologischen Problemen“ wie ich sie als Nicht-Arzt nun einmal genannt habe, verantwortlich zu sein, sondern ich habe kritisiert, dass die Klinik der nahegelegenen Kreisstadt Kutialla kein Ultraschallgerät bekommen hat, wie mir ausdrücklich erklärt wurde, weil die Klinik sich nach dem Erhalt einer Absaugpumpe in Folge des ersten Besuches von Dr. Querfurt als „unzuverlässig“ (Dr. Segoule) erwiesen habe, obwohl es dort, wie oben beschrieben, viel notwendiger ist als in Bamako, und den Tod dieses Kindes als Beispiel dafür genannt. Über nichts würde ich mich mehr freuen als die Nachricht, die leider auch nicht dem Brief von RA Eisel zu entnehmen ist, dass die Klinik in Kutialla ein Ultraschallgerät bekommen hat.
Nachdem Dr. Querfurt die erwähnte Begegnung offenbar vergessen hat, möchte ich ihn mit seinen eigenen Worten daran erinnern, wie er sie im Bericht von seiner ersten Reise vom 25.3. bis 5.4.2007 beschrieben hat; lesen wir also Dr. Querfurt selbst, unter der Tagesnotiz vom 29-3-2007:
„Ein junges Mädchen kommt. „Das ist Mädchen mit dem kranken Busen. Vor 1 Monat war der total entzündet,“ berichtet Christof. Sie ist dann behandelt worden. „Und wie geht es dem Busen heute?“ fragt Christof. Sie antwortet nicht, tritt stattdessen vor und hebt ihr T-Shirt hoch, so dass jeder sehen kann, wie prächtig gesund dieser junge Busen wieder ist. „Ein Busen hat in Afrika nicht die sexuelle Bedeutung wie bei uns“,  klärt mich Christof auf. Ich möchte nicht wissen, wie viel Fehlschlüsse ich aufgrund meiner europäischen Denk- und Sichtweise gezogen hätte, wäre ich ohne ihn unterwegs gewesen. Danke an dieser Stelle für die hervorragende Einführung in das Land!“

Nachfragen:

Wieso werden Kritiken oder Sachpunkte  nicht sachlich entgegnet und gegebenenfalls widerlegt, sondern mit Strafanzeige in Deutschland und Landesverweis in Mali gedroht?

Woraus schliessen Dr. Querfurt und RA Eisel, dass ich einen eventuellen falschen Sachverhalt, der auch noch auf der Informationssperre von APA beruht, weiterverbreiten würde, selbst wenn ich eines besseren belehrt werden würde?

Wenn Dr. Querfurt nicht mit eingeführten, funktionierenden und bewiesenermassen zu den wenigen nicht-korrupten Organisationen gehörenden Gruppen zusammenarbeiten will, sondern nur mit einer von ihm selbst kontrollierten Person, auch wenn sie noch nie eine derartige Arbeit gemacht hat  – warum steht er dann nicht dazu? Warum droht er mit Strafanzeige wegen Verleumdung und verleumdet dabei, wie oben beschrieben, selbst, um seine Verweigerung zu begründen?

Wieso gibt sich ein ansonsten als seriös bekannter Rechtsanwalt dafür her, Falschaussagen wie die über die „medicins d’espoir“ unüberprüft weiterzuleiten und bei Widerlegung mit Strafanzeige zu drohen?

Warum stellt Dr. Querfurt zum Beispiel die auch in RA Eisels Brief nicht widerlegte und auf der damaligen Beschlusslage beruhende Information, dass Dr. Seydou ein Ultraschallgerät zur freien Verfügung bekommen hat, nicht einfach richtig, wenn dem nicht so sein sollte: selbstverständlich würde ich sie nie wieder wiederholen, wieso sollte ich? – im Gegenteil: ich wäre hocherfreut über diese Mitteilung, weil dann auch in diesem Punkt auf mich gehört worden wäre?

Wenn Dr. Seydou allerdings wie beschlossen ein Gerät bekommen haben sollte – warum steht Dr. Querfurt nicht dazu? Wenn er davon überzeugt ist, dass das richtig ist, kann er es doch begründen, und dritte können sich ihre Meinung über die vorliegenden Argumente bilden, wie das in einer demokratischen Streitkultur üblich ist?

Das als pars pro toto stehendes Beispiel für alle anderen aufgeführten Streitpunkte, um zur zentralen, alles beherrschenden Frage zu kommen:
Wieso drohen Querfurt/Eisel mit Strafanzeige anstatt anstehende Sachfragen durch einfachen Informationsaustausch zu klären –
und behindern damit die im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit und des interkulturellen Dialogs dringend notwendige Diskussion um Begriffe wie „Hilfe“, „Armut und Reichtum“, „Bedürftigkeit“ , „Europäische Denk- und Sichtweisen“, „korrupte gesellschaftliche Strukturen“ und „damit verbundene politische und moralische Implikationen“?

PS: Solle es zu einem Gerichtsverfahren kommen, beantrage ich vorab, dazu die deutsche „Rosa Luxemburg Stiftung“, die den ebenfalls von Dr. Oumar Marico gegründeten Radionsender „Kayira“ unterstützt, als in Mali arbeitende und mit malischen Verhältnissen vertraute Stiftung zur Bestätigung aller der von mir genannten Fakten und Einschätzungen beizuziehen, genauso wie den Regisseur Valentin Jeker zum Beweis der Tatsache, dass Dr. Querfurt sich für andere Aktivitäten in Mali ausser denen von Frau Dembele „nicht interessiert“, die ehemalige DED Mitarbeiterin Gabriele Riedl zur Frage des Umgangs mit Kostenvoranschlägen, und die seit 15 Jahren in Mali lebende und arbeitende, hier verheiratete international tätige Entwicklungszusammenarbeits Consulentin Sylvia Sangare Mollet zur gesellschaftlichen Korruption und politischen Situation in Mali.
Es ist mir zwar ein Rätsel wie ein deutsches Gericht diese hochkomplizierten malischen Verhältnisse durchschauen und beurteilen will, und warum damit eine in Deutschland in dringend notwendige Diskussion verhindert werden soll, die in Mali zur Tagesordnung gehört:
aber es ist ja auch nicht mein Wunsch.
Es gibt wichtigere Dinge, und die konkreten Aktivitäten von APA Mali sind  hier in Mali noch das geringste Problem, zu dem ich niemals auch nur ein Wort gesagt hätte, wenn ich nicht durch meine Vorarbeit dafür mitverantwortlich wäre.
Ich bin selbstverständlich weiterhin zu jeder Diskussion bereit, habe aber zu diesem konkreten Beispiel gesagt, was zu sagen ist, und werde mich weiterhin vor allem auf die oben beschriebenen politisch-moralischen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Fragen konzentrieren.
Solange ich nicht durch Nachfragen oder jetzt den Brief von RA Eisel oder das angedrohte Gerichtsverfahren gezwungen werden, die Sache immer weiter zu vertiefen, ist „Der Fall APA“ für mich erledigt.

Christof Wackernagel, Bamako, den 21-12-2009

Lieber Dr. Querfurt

Lieber Dr. Querfurt,

als Anlage übersende ich Ihnen, sowie weiteren ca. 50 Personen, die beiden Erklärungen von Christoph Wackernagel, den ich sehr schätze, und bitte Sie, sich dazu zu äussern. Ich finde es sehr wichtig, daß der von Christoph Wackernagel aufgezeigte Mißstand/Widerspruch unbedingt einer Klärung bzw. Änderung bedarf. Meiner Meinung nach sollte die Auseinandersetzung mit dieser hier beschriebenen „Problematik“ mit  allen Freunden und Unterstützer der APA bzw. HCH  (Humanitäre Cuba Hilfe) geführt werden. Deshalb sollte die Erklärung bzw. der Briefauszug auf die Homepage der APA gestellt werden. Dies wäre zumindest ein Zeichen Ihrerseits, sich der Krtiik zu stellen und  die aufgezeigten Mißstände ändern zu wollen.

Mit solidarischen Grüßen

Uwe Folkert

Die Erklärungen:
APA – Aktion Pro Afrika: die Reichen werden reicher – die Armen werden ärmer.
Erklärung zur näheren Erläuterung…

Uwe Folkerts erhielt keine Antwort, aber ich folgenden Brief des RA Eisel aus Bochum:


Darauf antwortete ich folgendermassen: Persönliche Erklärung zum Brief von RA Eisel vom 16.12.2009

APA – Aktion Pro Afrika: Erklärung zur näheren Erläuterung…

APA – Aktion Pro Afrika: Erklärung zur näheren Erläuterung…

1. abstrakt:

Je länger ich hier lebe, desto krasser fällt mir der Widerspruch zwischen arm und reich auf, bzw. genauer gesagt: desto mehr fällt mir der immer unübersehbarere Reichtum mehr als nur einer kleinen Oberschicht auf. Es gibt überhaupt keine Zahlen und Statistiken, jedenfalls komme ich an keine heran, wieviele Leute hier eigentlich wieviel besitzen und woher es kommt, und der Hinweis auf Exilmalier oder gar Drogenhandel lenkt da nur ab. Gehe ich nach dem Augenschein, sehe ich jedenfalls in Bamako bald genauso viel  Reiche wie Arme: und beide umso extremer. Selbst in meinem Viertel, das zum unteren Niveau gehört, hat jedes vierte Haus eine riesige Satellitenschüssel, sehe ich in jeder Strasse mehrere neueste Mercedesse (nicht die alten 190er!), und gibt es einige Prunkvillen, die alles übertreffen, was ein normaler Mensch sich leisten kann. Seit ich selbst gebaut habe, kann ich beurteilen, was was kostet und staune immer wieder, wenn ich z.B. in Vororten Neubauten mit Aluminiumfenstern sehe, wie ich sie mir nur leisten kann, falls ich  wieder Hauptrollen in Kinofilmen spielen werde.

Gleichzeitig schreibt Brigitte Erler schon  1989 in meiner „Bibel“ in diesem Zusammenhang,  („Tödliche Hilfe“, Dreisam Verlag), dass wenn in diesen Ländern (sie war damals in Bangladesh, konnte das als Staatssekretärin des Entwicklungshilfeministeriums aber weltweit sagen) die Reichen nur 2-10 Prozent Steuern zahlen würden, die gesamten Zahlungen der internationalen Entwicklungshilfe gedeckt wären.  2004 schreibt Jean Ziegler in „Imperium der Schande“ (Goldmann), dass es in Afrika 600 Dollarmillionäre gibt, und es jedes Jahr 100 mehr werden, sie ihr Geld aber nicht in Afrika anlegen, um dessen Wirtschaft zu entwickeln,  sondern in der Schweiz bunkern oder auf die internationalen Finanzmärkte werfen. Alle diese zahlen keine Steuern, was man auch an den Kampagnen ablesen kann, mit denen hier zum Steuern zahlen aufgefordert wird.
Das heisst: wir zahlen die Steuern der Reichen in den Drittweltländern. 

Anders gesagt: Wir kleistern die krassesten Wunden, die dieser asoziale Steinzeitkapitalismus hier schlägt, mit unserer Hilfe zu. Und „wir“ heisst eben nicht nur die Entwicklungshilfe, sondern vor allem auch die ONGs und privaten Initiativen, sie sich viel genauer als die staatlichen Organisationen darum kümmern, wo es wirklich am meisten brennt.

Für mich ist das alles nur noch Aufforderung zur Korruption, so wie man es Aufforderung zum Diebstahl nennt, wenn man einen dicken Geldbeutel auf das Handschuhfach des Autos legt und das Fenster offen lässt.

Die ONGs zementieren und perpetuieren das korrupte, verrottete Bereicherungssystem, an dem Afrika krankt. Sie sind die Engel der Reichen im Namen der Armen, die ihnen erlauben, alles beim Alten zu lassen.

Das ist der Hauptwiderspruch, den ich hier sehe, von den furchtbaren Nebenwirkungen wie Zerstörung der Menschenwürde, Niedergang der Moral, Erosion des Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls der Menschen ausnahmsweise mal abgesehen, obwohl das ansonsten mein Hauptthema und Hauptschmerz, das miterleben zu müssen, ist.

2. Konkretes Beispiel APA.

APA eignet sich deshalb so gut, diesen Widerspruch transparent zu machen, weil hier das Allgemeine und das besondere zusammenfallen. Während normalerweise von den ONGs Leute profitieren, die es brauchen können, mal ein Moped zu bekommen oder ein  Telefon oder gar ein Visum (obwohl sie meist eh schon zu den Privilegierten gehören, allein schon, weil sie eine Schulbildung besitzen), also der Zusammenhang, dass die Oberschicht profitiert, verschleiert wird, sind im Falle APA die Leute, die die Hilfsgüter einstecken identisch mit denen, die sie bezahlen könnten und müssten.

Haby Dembele ist nicht nur Goldminenbesitzerin, und hat mir, als ich ein Haus suchte, drei Grundstücke in diesem Viertel und Hippodrome II angeboten, sondern sie gehört vor allem einer Familie an, die den Schulausbau in ihrem Heimatdorf, den APA mit 100 000 Euro (75 % davon der deutsche Steuerzahler) finanzieren möchte, aus der Portokasse zahlen könnte, ihr Schwager war sogar Minister (sein Sohn fährt im weissen Mercedes vor – als ich das zum ersten Mal sah, fing ich an, genauer hinter die Kulissen zu gucken), ihr Bruder ist Steuereintreiber, was, zusammen mit Zöllner, der beliebteste Beruf ist, denn diese Leute kassieren höchstpersönlich einen Grossteil desssen, was eigentlich der Staat bekommen müsste, als Schweigegeld.
Warum soll diese Familie die Schule im Heimatdorf zahlen, wenn die Deutschen so blöd sind, es für sie zu tun?

Dr. Seydou Segoule, der APA beratende Arzt, hat mich x mal gebeten, ihm Firmen in Deutschland zu nennen, bei denen er gebrauchte Ultraschallgeräte kaufen könne, er könne sie bezahlen (was ich ihm glaube, er hat ein Haus, Autos, Mätressen und Orangenplantagen) – ich konnte ihm nicht helfen, aber nachdem ich zu der Ärztegeschichte gekommen bin wie die Jungfrau zum  Kind, hat er nun ein Ultraschallgerät umsonst bekommen:
Wieso soll er es dann selbst bezahlen?

b- Was den Fall APA allerdings zum politisch-moralischen Skandal macht, ist die Weigerung, mit Organisationen zusammenzuarbeiten, die diese korrupte Struktur durchbrechen.

Schon bei seinem ersten Besuch wurde Dr. Querfurt eine der 150 in Mali arbeitenden cubanischen Ärzte und Ärztinnen vorgestellt. Er selbst schreibt in seinem Bericht, dass ich sagte: „da haben wir das missing link“, denn wer besser könnte ihn über die medizinischen Verhältnisse in Mali aufklären als diese Ärzte, deren Vertreterin schon bei diesem Gespräch sagte, das für sie Unfassbarste sei, dass die Menschen, die nicht bezahlen könnten, sterben gelassen werden.

Beim zweiten Besuch wurden ihm und seiner Frau die „action sante“ , die mit über 20 Mann und Frau anmarschiert kam und seit 10 Jahren konstenlose Krankenberatung, Aufklärung im Radio und in Stadtviertelversammlungen, comedy sketche, Organisation der Verteilung von kostenlosen Medikamenten, Kleidersammlungen, eine jährliche Aktionswoche gegen Beschneidung in ganz Bamako und vieles anderes macht: was will man eigentlich noch besseres, verifizierteres, bereits bestehendes als Partner? Querfurt lehnte u.a. ab, weil jedes Jahr der Vorsitz wechselt und so angeblich keine kontinuierliche Zusammenarbeit möglich sei: dieser Wechsel ist eine der zentralen Massnahmen gegen Korruption, und die Gruppe macht noch ganz andere kontinuierliche Arbeit als die Entgegennahme von ab und zu einem Container. Ich habe einen Film über diese Gruppe gemacht und nach Deutschland gesandt, ich habe Dokumente geschickt über Aktivitäten, ich habe für ein Gespräch Januar 2009 in Bamako gesorgt, bei dem Querfurt auf dreimalige Nachfrage erklärte, dass ihn andere Aktivitäten oder Gruppen in Mali „nicht interessieren“.

In dem o.g. Film ist auch eine Szene im Medikamentenlager der „medicins d’espoir“, die mit der „action sante“  und den cubanischen Ärzten zusammenarbeitet, zu sehen, der Initiator Dr. Oumar Marico und die Eröffnung der 12. Krankenstation, speziell für Mutter und Kind, die diese Vereinigung in diesem Land mit einer höchsten Kindersterblichkeitsraten der Welt aufgebaut hat – ebenfalls in Anwesenheit von cubanischen Ärzten – was will Querfurt eigentlich in Cuba, wenn ihn die Arbeit der Cubaner in der Welt „nicht interessiert“?

Es ist schlimm genug, wenn Reiche reicher werden im Namen der Armen, weil es sonst keine Alternative gibt – wenn aber welche der wenigen und schwer genug zu findenden Alternativen explizit ausgeschlagen werden, wenn also die Korruption gefördert wird, obwohl es es nachgewiesenermassen antikorrupte Initiativen gibt, dann ist das politisch, moralisch und medizinisch nicht mehr hinnehmbar.

3. Die Haltung.

Auch ich wurde, als ich nach Mali kam, in diesen Sog, dass „man“ hier „was machen“ muss hineingezogen, liess mich hineinziehen, obwohl ich ja eigentlich nur kam, um ihn Ruhe meinen Roman zu schreiben. Ich erfand als erstes ein Plastikbeseitigungsspiel für Kinder, liess mich dann auf das Vollkornbrotprojekt ein, obwohl ich ursprünglich die Idee hatte, eine Bäckerei zu suchen, auf was es am Ende dann herauslief, und obwohl mir dabei schon einiges aufgegangen war, machte ich mit den deutschen Ärzten zunächst wieder den gleichen Fehler: obwohl ich keine Ahnung hatte, was gebraucht wird und was los ist, als Nicht Arzt doppelt und dreifach (das Vollkornbrot wird ja wenigstens gebraucht und immer mehr gewollt), half ich, etwas von aussen zu oktroyieren und zu diktieren, anstatt zu gucken, was vorhanden ist und das zu unterstützen.

Diese Haltung ist ubiquitär und unentrinnbar: man kommt hierher, schaut sich Ärmel hochkrempelnd um und fragt: „was kann ich tun?“
Und darf sich, bescheinigt vom Rest der Welt, noch einbilden, man sei der gute Mensch von Sezuan.
So geht’s aber nicht.
Diese Haltung hilft den Falschen, verlängert das Elend, verhindert Entwicklung.

Und ob man das in Kauf nimmt, um eine akute Not zu lindern, was ja ein Rechtfertigungsgrund wäre, kann wirklich nur jeder für sich selbst entscheiden, da gibt es keinen Königsweg. Ich persönlich mache keine und unterstütze keine Projekte mehr, die von aussen kommen.

Als mein Freund Ebby hier war, brachte er zum Beispiel Bäckern hier Sauerteigherstellung bei, so einfach, kein Projekt, nix, aber grosse Wirkung.
Da ich Schauspieler und Autor bin, spiele ich bei einer vorhandenen Theatergruppe mit, die engagiertes Theater macht, eher so wie bei uns in den sechzigern und siebzigern. Ich habe bereits einen Ladenbesitzer in einem Stück über Kindererziehung gespielt, wir entwickeln gerade mit einer Trommelgruppe zusammen ein neues Stück gegen Beschneidung, wozu ich auf Bitten der anderen und nach Absprache einen programmatischen Text schrieb, ein Stück über Verkehrserziehung ist in Arbeit, bei dem ich einen Verkehrsbullen mit Trillerpfeife spielen soll, der verzweifelt gegen das Chaos kämpft.

Ich sehe das auch im übertragenen Sinne als die einzige Möglichkeit, egal auf welchem Gebiet:
nicht initiieren, diktieren, vorgeben, einführen, und dann  auch noch bezahlen, sondern:
mit-spielen, sich einklinken, in was Vorhandenes was dazugeben, seine Erfahrung, Wissen oder Können einbringen.